Gentrifizierung

Nach 23 Jahren: Buchladen an der Oranienstraße soll raus

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„Wo sonst sollen wir hin? Nach Hohenschönhausen?“: Thorsten Willenbrock, Co-Chef von Kisch & Co.

„Wo sonst sollen wir hin? Nach Hohenschönhausen?“: Thorsten Willenbrock, Co-Chef von Kisch & Co.

Foto: Patrick Goldstein

Besäufnis statt Büchern: Der Wandel der einstigen Kultstraße zur Partymeile sorgt für die Verdrängung von „Kisch & Co“.

Es ist eines der letzten Geschäfte an der Oranienstraße in Kreuzberg, das sich an einem Standort gehalten hat, der einmal für Kunst und alternative Kultur stand. „Inzwischen kommen hier in der Gegend abends die Touristen und betrinken sich“, sagt Thorsten Willenbrock über seinen Kiez. Nach 23 Jahren in der Hausnummer 25 soll er den Laden aufgeben. Sein Mietvertrag ist abgelaufen.

Für den 55 Jahre alten Buchhändler und seinen Geschäftspartner war es ein Ende mit Ansage. Bereits vor drei Jahren sollte die Miete des 140-Quadratmeter-Geschäfts von 17 auf 20 Euro pro Quadratmeter steigen. Das Gebäude zählte zum Eigentum der Gruppe von Nikolaus Berggruen. „Es gab bereits einen Nachmieter“, erinnert sich Willenbrock. Weitere Unternehmen im Kiez, darunter das „Café Filou“ an der Reichenberger Straße, kämpften damals um den Verbleib. Rechtsanwalt und Alt-Grüner Hans-Christian Ströbele schaltete sich ein, 2500 Menschen gingen auf die Straße. Zuletzt sprang der Nachmieter ab und Willenbrock durfte bei höherer Miete bleiben. Sein Vertrag wurde um drei Jahre bis zum 31. Mai 2020 verlängert.

Drinks und Lunchsnacks

Indes wandelte sich die Straße rasant. Willenbrock nennt Quadratmeterpreise anderer Geschäfte von 35 Euro. Das abgerockte SO36 mag es noch geben, doch unter lautem und langem Protest wurde etwa im August 2019 der Späti Ora 35 der Familie Tunc geschlossen. Wo Handwerk und Ateliers waren, befinden sich jetzt Start-up-Unternehmen. Instrumentengeschäft Central Music hat für deren Mitarbeiter und Touristen den Verkauf von Drinks und Lunchsnacks ins Programm genommen. „Das Publikum hat sich geändert, viele mussten wegziehen“, sagt Willenbrock. „Kunden, die zu uns kommen, sagen, wir seien der einzige Grund überhaupt die Oranienstraße aufzusuchen. Das Angebot hier habe nichts mehr mit Kunst und Kultur zu tun.“

Zum 1. Januar 2020 wechselten die Eigentümer. Willenbrock übermittelte den Wunsch, nach dem 31. Mai 15 Prozent weniger, also 17,50 Euro pro Quadratmeter, zu zahlen. „Wir haben Umsatzrückgänge“, sagt er. Als die Verhandlungen nicht vorankamen, drängte er zumindest auf eine Vertragsverlängerung zu alten Konditionen bis Dezember.

Brief vom Anwalt in der Eingangstür

Inzwischen erhielt er Post von einer Kanzlei in Mitte. Die Juristen unterstrichen, dass die Eigentümerin „als wirtschaftlich geprägtes Unternehmen darauf achten muss, dass ausreichend Mieterträge erzielt werden, um die Finanzierung, die laufenden Kosten, die nicht von Mietern getragen werden, sowie die Kosten für die Erhaltung des Objekts tragen zu können.“ Dabei habe die Eigentümerin nie konkrete neue Quadratmeterforderungen gestellt, sagt Willenbrock. Er hat den Brief für die Kunden an die Eingangstür geklebt. Immerhin bieten die Eigentümer an, die Netto-Mieten für März, April und Mai zu erlassen, wenn Kisch & Co pünktlich auszieht. Die Bitte der Berliner Morgenpost um eine Stellungnahme ließ die Hausverwaltung unbeantwortet.

Im Haus Nummer 25 befindet sich ausschließlich Gewerbe. Neben dem Buchgeschäft sind etwa die Neue Gesellschaft für bildende Kunst, das Museum der Dinge, ein Eventmacher und ein Architekturbüro ansässig. „Alle Mieter sind jetzt in Sorge“, sagt Willenbrock.

Fast dreifache Mietforderung

Nicht zu Unrecht, wie sich in dieser Woche zeigte. Die Mieter eines Büros im Haus, deren Vertrag ebenfalls ausläuft, erhielten laut Willenbrock einen neuen Mietvorschlag von 38 Euro, nach bisher 13 Euro. „Bei so einer Erhöhung ist klar, dass auf uns 50 Euro zukämen“, sagt Willenbrock.

Selten schaltet sich die Kulturstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg in Mietthemen ein. Diesmal allerdings ließ Clara Herrmann (Grüne) über die Pressestelle einen offenen Brief an die Eigentümerin verbreiten. Sie erklärte, Oranienstraße und Bezirk müssten sozial und kulturell vielfältig bleiben. Buchhandlungen seien Kulturstandorte von hoher Bedeutung. Die Eigentümerin müssen soziale und stadtstrukturelle Verantwortung übernehmen. Sie appellierte, Verhandlungen über den Verbleib von Kisch & Co aufzunehmen.

„Sollen wir nach Neukölln oder Hohenschönhausen?“

Wie kann es mit dem Geschäft weitergehen? „Darüber denke ich nicht nach“, sagt Willenbrock. „Der Laden gehört in dieses Umfeld. Sollen wir nach Neukölln oder Hohenschönhausen ziehen? Undenkbar!“ Er verfolgt jetzt die Spur zur neuen Besitzerin. Es handele sich um eine Milliarden-Erbin, die in London lebt. Willenbrock hat sich jetzt schriftlich direkt an sie gewandt. Die zusätzlichen Einnahmen, die Nachmieter des Buchladens liefern würden, könnten ja wohl für eine Milliardärin keine Bedeutung haben, meint Willenbrock. Bislang hat sie sich nicht bei ihm gemeldet.