Urlaubsreise

Berliner auf Radtour: Gestrandet in Marokko

Petra Höppner und Uwe Carl brachen zu einer 3000-Kilometer-Radtour auf - von der sie nun nicht mehr zurückkehren dürfen.

Petra Höppner im marokkanischen Hotelzimmer, das sie seit mehr als 30 Tagen bewohnt. Sie und ihr Partner nennen es: „Zelle".

Petra Höppner im marokkanischen Hotelzimmer, das sie seit mehr als 30 Tagen bewohnt. Sie und ihr Partner nennen es: „Zelle".

Foto: Privat

Die Corona-Beschränkungen in Berlin zu erleben ist nicht schön. Aber es kann weit schlimmer kommen. Am Ende einer 3000 Kilometer langen Radtour durch Marokko sitzen die Berliner Petra Höppner und Uwe Carl seit drei Wochen Tag für Tag in ihrem 1,80 mal vier Meter großen Zehn-Euro-Hotelzimmer in der menschenleeren Altstadt von Marrakesch und recherchieren an Notebook und Smartphone, wie sie aus einem Land fortkommen, dessen Sprache sie nicht sprechen, das eine scharf kontrollierte Ausgangssperre verhängt hat und in dem Deutschland sie scheinbar vergessen hat.

Das Hotel ist so gut wie ausgestorben. Neben den beiden Kreuzbergern sind nur noch ein Belgier und ein Franzose dort - sie sind ebenfalls nicht rechtzeitig nach Hause gekommen. Rezeptionist Mohammed kocht für seine Gäste. Morgens Graupensuppe vom Gaskocher, in den Folgetagen dann Linsen. Dann buntes Gemüse. Dann wieder Graupen. „Für frische Luft kann man aufs Dach gehen“, sagt Carl. „15 bis 30 Minuten bin ich täglich in einem kleinen Laden, um Brot zu holen.“ Für andere Lebensmittel müsste das Paar in die Neustadt. „Sie liegt fünf Kilometer von uns entfernt. Das ist in der jetzigen Lage so weit fort wie der Mond“, sagt Carl.

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Schon nach ihrer Riesentour waren die beiden reif für die Rückkehr. Anfang Dezember trafen die beiden in Marrakesch ein. Auf ihren 26-Zoll-Stahlmountainbikes waren Gepäckträger und Lenker beladen mit Zelt und Kleidung - für Etappen bei null Grad und heißem Sommerwetter. „Manchmal sah man tagelang kein Dorf. Da hieß es, mit unseren Wasserreserven zu haushalten“, sagt Carl. Der 60 Jahre alte Hausmeister hat fünf derartige Touren hinter sich. Für Kitaköchin Petra Höppner, 58, ist es die erste. Die Reise mit nur dem Nötigsten im Gepäck schärfe bei der Rückkehr den Blick fürs Wesentliche, sagt Carl. Und das gefalle ihm.

„Von dieser ‘neuartigen Grippe-Epidemie’ hörten wir erstmals im Januar“, sagt Carl. „In den Dörfern riefen uns die Kinder ‘Corona, Corona’ hinterher. Einmal flogen Steine. Man schien zu denken, Europäer seien daran schuld.“ Die beiden hätten da die „Brisanz der Lage nicht erkannt“. Carl erinnerte die Aufregung nur an die Grippewelle 2008 als er fassungslos zugesehen habe, wie die Menschen fragwürdige Gegenmittel hamsterten. Jetzt, in Marokko, scherzte er via Internet mit den Daheimgebliebenen, ob sie sich denn mit genügend Toilettenpapier eingedeckt hätten.

Für den 29. März war der Rückflug nach Berlin gebucht. Die letzten Wochen sollte ohne Räder im Appartement an der Atlantikküste abgespannt werden. „Bis dahin waren hier im Land zwei Todesfälle durch Corona bekannt“, sagt Carl. Dann begannen die Flugstreichungen. Pauschaltouristen wurden ausgeflogen, der Flug der beiden Kreuzberger wurde um eine Woche verschoben.

Am 22. März wurde es schlagartig ernst. „Am Morgen lasen wir auf der Botschaftsseite, dass ab 18 Uhr desselben Tages in Marokko Ausgangssperre gilt, dass Luftraum und Grenzen gesperrt werden“, sagt Carl. Reisende Deutsche sollten die Flughäfen Casablanca, Agadir oder Marrakesch ansteuern. Mit dem letzten Bus vom Atlantikort gelangte das Paar nach Marrakesch. Eine sonst chaotische, übelriechende aber immer faszinierende Stadt. Jetzt um 19.30 Uhr waren dort die Straßen ausgestorben - „bis auf Militär, Polizei, Blaulicht. Uns wurde mulmig“, sagt Carl.

Ihr Hotelzimmer nennen sie „die Zelle“

Er und Petra Höppner trauten sich in dieser Nacht nicht mehr hinaus. Als sie am folgenden Tag auf dem Flughafen der Stadt eintrafen, hatten die letzten Flugzeuge nach Hause längst abgehoben. Endstation.

Ihr rosa gestrichenes Zimmer mit kleinem Fenster und handtuchgroßer blauer Gardine nennt Carl „die Zelle“. Darin erlebt er seit dem 22. März eine Enttäuschung nach der anderen. Den Gestrandeten im Verzeichnis des Auswärtigen Amtes stellten die Diplomaten vor vier Tagen einen Heimflug nach Paris in Aussicht. „Wir packten freudig für den nächsten Tag“, sagt Carl. „Dann hörten wir nie wieder etwas von denen.“ Dass Deutsche wie er nun festsäßen, dafür könne niemand etwas. „Aber wie uns das Auswärtige Amt informiert, ist miserabel.“ In seinem Blog www.velo-traveller.de/2019/schreibt er darüber.

In drei Foren diskutieren Deutsche in Marokko derweil online, wie es weitergeht. „Bei der Botschaft ist wochenlang nichts zu erfahren. Aber in den Chats tauchen dann Gerüchte von einer neuen Fähre nach Europa auf und von Flügen, die man plötzlich buchen könne - ich drücke sowas inzwischen einfach weg“, sagt Carl. Er hat daran gedacht, einen Taxifahrer zu bestechen und sich mit Höppner zu den Fähren nach Tanger durchzuschlagen. „Aber das wäre illegal und in einem Land wie Marokko bestimmt nicht klug.“

Freunde in Deutschland fragen, ob sie Geld schicken sollen. Derartige Sorgen haben die beiden glücklicherweise nicht. Carls Chef und Höppners Schülerladen zahlen weiter die Gehälter. Doch die Zeit vergeht. „Es ist wie Hausarrest.“

Morgens Runden über das Tempelhofer Feld drehen

Wenn der Ramadan beginnt, verlieren die vier Europäer im Hotel des Amis („Hotel der Freunde“) auch noch Mohammed, der in der Fastenzeit nichts zubereiten wird. „Aber wir bekommen den Gaskocher“, sagt Carl.

Die sinnleere Gegenwart, das ungewisse Warten wollen derweil nicht enden. „Uns fehlt zudem die Bewegung, nach 3000 Kilometern tun die Knie weh“, sagt Carl. Denkt er an Berlin, dann an kleine Sehnsüchte, wie ein selbst zubereitetes Gericht, ein Bier. Und er hat ein Bild vor Augen: „Ganz früh morgens in Kreuzberg aufzustehen, sich aufs Rennrad zu setzen, und um sechs Uhr, wenn noch niemand unterwegs ist, meine Runden über das Tempelhofer Feld drehen. Dann nach Hause, unter die Dusche.“ Der Weg dorthin wird den zwei Langstrecken-Radfahrern aus Kreuzberg noch viel Durchhaltevermögen abverlangen.