Verkehr

Mehr Platz für Fußgänger am Halleschen Ufer

Friedrichshain-Kreuzbergs Grünen-Stadträtin Clara Herrmann präsentiert Pläne für ein bürgerfreundliches Hallesches Ufer.

Entlang des Halleschen Ufers in Kreuzberg sollen Fußgänger mehr Platz bekommen.

Entlang des Halleschen Ufers in Kreuzberg sollen Fußgänger mehr Platz bekommen.

Foto: bgmr / yellow Z / Leon Giseke

Berlin. Auf beiden Seiten des Landwehrkanals ist es hier laut, es riecht nach Abgasen, und wenn nicht gerade Stau ist, müssen sich Radfahrer und Passanten auf rücksichtslose Raser einstellen, die die Straßen Hallesches Ufer und Tempelhofer Ufer als private Rennstrecke nutzen. Damit könnte bald Schluss sein.

Die Umweltstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, Clara Herrmann (Grüne), hat eine Potenzialanalyse vorgelegt. In der Studie wird dargestellt, wie die Tangente zur bürgerfreundlichen Promenade wird. Auch für den Boxhagener Platz in Friedrichshain gibt es Umbaupläne.

Friedrichshain-Kreuzberg als kleinster aber dichtest besiedelter Bezirk der Stadt ist deutlich unterversorgt mit Grünflächen. Während in Berlin 32,8 Prozent des Bodens versiegelt sind, kommt der Bezirk auf 64,4 Prozent. Gleichzeitig verlaufen wichtige Verkehrsströme, etwa via Warschauer Straße aus dem Nordosten gen City West, durch den Bezirk. Herrmann gab daher den Auftrag zu untersuchen, wo es Potenzial für neue Erholungsflächen gibt.

Auf Kosten des privaten Autoverkehrs

Im Bezirk, der die Mobilitätswende vorantreibt wie kein anderer in Berlin, gehen die neuen Ideen auf Kosten des privaten Autoverkehrs. Der Plan für eine neue Innenstadtpromenade sieht vor, Hallesches und Tempelhofer Ufer vom Urbanhafen bis zum Kulturforum in Tiergarten radikal umzugestalten. Der Straßenverkehr wird auf der Südseite des Landwehrkanals, also oberhalb der Amerika-Gedenkbibliothek, gebündelt. Dort, wo es derzeit nach Osten zur Oberbaumbrücke geht, werden Spuren in beide Richtungen eingerichtet.

Damit wäre Platz, um die Nordseite des Kanals neu zu gestalten. Die neue Promenade – Umweltstadträtin Herrmann verweist da auf ähnliche Lösungen in Paris – könnte zur neuen Spazierstrecke werden. Zum Wasser führen Treppen, die Stufen würden schnell zum neuen Treffpunkt werden, es würden Grillplätze eingerichtet. Herrmann will so „nicht-kommerzielle Freiräume“ schaffen. „Orte, an denen man beispielsweise einen Kindergeburtstag feiern kann, ohne einen Raum zu mieten. Bereiche, an denen man Sport treiben kann, ohne Mitglied im Fitness-Studio zu sein.“ Aus bisher 9,5 Kilometern begehbaren Uferwegs im Bezirk ließen sich laut Studie 18,5 Kilometer machen.

Eine Strecke voller Parks

Die neue Wegung hätte den Charme, Fußgänger und Radfahrer von

Grünfläche zu Grünfläche zu führen. Auf der Strecke liegen etwa Tilla-Durieux-Park, Gleisdreieckpark und Böcklerpark. Die Umsetzung der Idee dürfte weniger durch Zuständigkeiten erschwert werden. Hallesches und Tempelhofer Ufer sind zwar „Landesstraßen“. Im Berliner Senat hat Friedrichshain-Kreuzberg aber Verbündete, die etwa beim Modellversuch Bergmannstraße eng mit dem Bezirk zusammenarbeiteten.

Konflikte stehen vielmehr mit Autofahrern an. Ihr Stau würde sich in verschärfter Form auf die Südseite des Kanals verlagern. Herrmann aber verweist auf die fehlende Flächengerechtigkeit im Bezirk. Nur jeder Fünfte habe überhaupt ein Auto. Und: Ein Drittel der Strecken im Bezirk werden per Auto zurückgelegt. Aber zwei Drittel des Straßenraums ist Autofahrern vorbehalten. „Es geht um die Erhöhung der Lebensqualität für die Menschen im Bezirk. Und dazu muss man dem Autoverkehr Flächen wegnehmen“, sagt Herrmann.

Umbaupläne gibt es auch für den Boxhagener Platz. Auf einer Länge von 135 Metern mit rund 2600 Quadratmetern Fläche ließe sich das Areal laut Studie (Kosten: 64.500 Euro) umgestalten. Die Krossener Straße wäre dann nicht mehr versiegelt sondern mit Parkbänken und ökologischer Nutzung des Erdreichs Teil des Platzes.

Erhebliches Grün-Defizit

Was die Studie modellhaft für den Boxhagener Platz dargestellt, soll als

erstes für den Rudolfplatz mit einer Schließung der Rudolfstraße umgesetzt werden. Der Ort biete sich an, weil es im südlichen Friedrichshain „ein erhebliches Grün-Defizit“ gebe, so Herrmann.

Weiteres Flächenpotenzial für Grün sind laut Studie begrenzt. Entwicklungsmöglichkeiten sehen die Autoren für die Lohmühleninsel, die Fläche des ehemaligen Güterbahnhofs nördlich des S-Bahnhofs Frankfurter Allee sowie das RAW-Gelände, das derzeit von drei Investoren unter Bürgerbeteiligung umgebaut wird.

Einen Zeitplan gibt es für keines der neuen Konzepte. Als nächsten Schritt raten die Autoren zu Studien zur Verlegung des Autoverkehrs an Halleschem und Tempelhofer Ufer sowie am Boxhagener Platz. „Aus bezirklichen Mitteln lassen sich diese Umbauten nicht stemmen“, sagt Herrmann, die auch Finanzstadträtin ist. Allerdings könne man etwa die Förderprogramme Städtebauförderung, Stadtnatur, das Berliner Förderprogramm „1000 Grüne Dächer“sowie das Berliner Programm für Nachhaltige Entwicklung (BENE) und das Berliner Energie- und Klimaschutzprogramm (BEK) anzapfen.

Neue Standards bei Bauen zu definieren, ist Sache des Bundes

Langfristig fordert die Studie, Bauherren und Investoren stärker in die Pflicht zu nehmen. Bei Bauplänen solle die Einhaltung von Standards zu Gründächern, Regenwasserversickerung auf einem Grundstück und Fassadenbegrünung bindend werden. Wer privat baut, soll zudem Mindestanforderungen zu Grün- und Freiraumqualität einhalten. Derartige Auflagen gesetzlich zu fixieren, ist allerdings Sache des Bundes. Eine baldige Umsetzung baurechtlicher Vorschriften wie sie die Studie verlangt, ist daher wohl nicht zu erwarten. Für die Umgestaltung im Bezirk ist Stadträtin Herrmann dennoch optimistisch. In den kommenden fünf Jahren werden – auch auf Basis der aktuellen Studie – die Weichen für einen sicht- und spürbaren Wandel gestellt, so Herrmann.