Konfliktschlichter

Wie ein Berliner Schiedsmann Streithähne zusammenbringt

Gewalt, Schikane, üble Nachrede: Wenn der Staatsanwalt abwinkt, schlichtet Schiedsmann Dieter Borries. In 32 Jahren hat er viel erlebt.

Mal augenzwinkernd, mal mit nötiger Autorität: Um Streithähne und -hennen zusammenzubringen, braucht Schiedsmann Dieter Borries die jeweils passende richtige Strategie.

Mal augenzwinkernd, mal mit nötiger Autorität: Um Streithähne und -hennen zusammenzubringen, braucht Schiedsmann Dieter Borries die jeweils passende richtige Strategie.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin.  „Ich will“, sagt der Schiedsmann, „dass sich die Beteiligten am Ende in die Augen gucken und die Hände reichen können.“ Das ist nicht leicht, wenn die Rivalen zuvor über Onlinebeleidigung, Randale im Hausflur oder schlimme Badezimmergerüche gestritten haben. Mit der Lebenserfahrung aus acht Jahrzehnten und der Geduld eines einstigen Heimleiters und Verwaltungsmannes bringt der Kreuzberger Dieter Borries seit 32 Jahren ein wenig Frieden in das oft raue Miteinander der Großstadt. Es werde aber immer schwerer, sagt er. „Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, sinkt.“

Der Mann, der im Kiez für Gerechtigkeit sorgt, erfuhr in frühen Jahren am eigenen Leib, was Ungerechtigkeit bedeutet. In Prenzlauer Berg aufgewachsen, kollidierte er mit dem DDR-System und musste wegen „staatsfeindlicher Hetze“ und eines angeblichen Devisenvergehens – er hatte von seinen Großeltern D-Mark geerbt – monatelang nach Rummelsburg „in den Knast“, so Borries. „Nachdem ich entlassen wurde, hatte ich keine Chance mehr, in Ost-Berlin eine Stelle zu finden.“ 1960 flüchtete er nach West-Berlin. Seit Ende der 1970er-Jahre lebt er in einer Vier-Zimmer-Wohnung am Landwehrkanal in Kreuzberg. Mit 81 Jahren ist er inzwischen zweifacher Ur-Großvater.

Wenn es zwischen den Rivalen zu heftig wird, greift er ein

Wenn nicht gerade Bauarbeiten im Haus sind, empfängt Borries bei sich daheim. Man sitzt – ganz demokratisch – am runden Tisch. Ob er etwas anbietet? „Ja“, sagt der Ex-Jungenheim- und Verwaltungsleiter mit einer Stimme, die er sekundenschnell von „streng“ auf „verschmitzt“ umschalten kann. „Bei meinen Treffen gibt es Wasser. Mehr nicht.“ Warum nicht? „Ich verstehe diese Begegnungen als persönliche, gleichzeitig aber auch distanzierte Runden.“

Für jede Situation braucht es die richtige Strategie. „Ich ziehe mich nach Möglichkeit aus dem Gespräch der Kontrahenten zurück, greife aber ein, wenn es zu heftig wird.“ Er werde dann manchmal laut. „Das ist nötig, um zu zeigen, wo der Hammer hängt“, sagt der gelernte Sozialpädagoge. Manchmal ist auch der Ton ihm gegenüber scharf. „Det will ick Ihnen mal saren, Herr Schiedsrichter!“, fuhr ihn etwa eine Seniorin an, die Borries bei seiner ersten Verhandlung noch auf den Kleinkindstühlen einer Grundschule empfangen hatte.

Auch Fälle von Körperverletzung und Bedrohung gab es

Sein aktueller Fall sei eine Herausforderung: Internetkriminalität. „Da bin ich auf neuem Terrain“, sagt Borries. Zwischen zwei rivalisierenden Geschäftsleuten war es auf Facebook zu „Beleidigungen der übelsten Art“ gekommen. Borries verhandelte stundenlang, brachte die 50- bis 60-jährigen Männer zum Kompromiss, sich öffentlich zu entschuldigen und alle Vorwürfe zurückzunehmen. Wer gegen den Deal verstößt, soll 1000 Euro zahlen. Borries wartet allerdings noch auf die Unterschrift jenes Kontrahenten, der den Fall zu ihm gebracht hatte. Der meint inzwischen, der Rivale sei irgendwie zu leicht davon gekommen.

Bei Borries sprechen Bürger als Antragsteller vor, wenn es einen Streit um Geld gibt, auch Fälle von Körperverletzung und Bedrohung gab es: sogenannte Privatklagesachen. Vor dem Gang zum Gericht muss da erst eine Schiedsperson wie er eine Schlichtung versuchen. „Es gibt nichts, worüber Menschen sich nicht streiten könnten“, hat Borries festgestellt. Für die Streitenden ist das mit 20 Euro pro Vergleich plus Auslagen, etwa für Porto, Fahrtwege und Schreibarbeiten, günstiger als ein Prozess.

Zu hohe Hecken im Nachbargarten

Oft hilft einfacher Menschenverstand: Dem Mieter, den der Mann unter ihm im Wortsinn auf Schritt und Tritt hörte, entlarvte Borries als „Hackenläufer“ und verschrieb ihm eine neue Gangart. Ein Musiklehrer, der nicht nur laut war, sondern auch Schüler hatte, die im Hausflur Anwohnern gegenüber kess wurden, musste sich auf feste Musikzeiten beschränken.

In Kreuzberg, das längst nicht mehr jener Arbeiterbezirk ist, als den ihn Borries vor 43 Jahren kennenlernte, hat er es auch mit Menschen zu tun, die in Brandenburg ein Haus besitzen und dort für Ärger sorgen. „Da verschatten zu hohe Hecken den Nachbargarten, und die Müllkübel stehen so, dass es die Anwohner riechen.“ Einmal musste er einen Mieter bewegen, nicht mehr auf dem Balkon zu rauchen, weil es die Menschen nebenan störte. Auch um die Pflege des Gemeinschaftsgartens wird gestritten und darüber, wo Fahrräder stehen dürfen. „Ich habe gewiss auch meine Macken“, sagt Borries. „Die hat ja jeder Mensch. Schlimm wird es nur, wenn sie auf die Macken anderer treffen.“

„Besonders eklig“ fand er den Fall von Mietern, die nach Benutzung ihrer Toilette zum Lüften stets die Wohnungstür öffneten. „Und alle Gerüche zogen nach oben.“ Borries brachte sie nach zähen Verhandlungen dazu, zukünftig für den erwünschten Luftaustausch einzig die Fenster zu nutzen. „Auf manches könnten Leute auch selber kommen“, sagt Borries.

Der Nachbarin die Kette geraubt?

Natürlich sind die Treffen mit den Konfliktparteien mehr als ein mitbürgerliches Gespräch. Vielmehr muss das, was herauskommt von Borries „gerichtsfest gemacht werden“. Borries macht Ausweis-Fotokopien der Kontrahenten, schreibt einen Bericht und holt sich zuletzt die Signaturen der Beteiligten – damit seine oft zähe Kompromissfindung juristisch Stand hält.

Schwierig sei es, wenn man die Antragsteller nicht gleich durchschaut. Etwa jene Frau, die eine Nachbarin beschuldigte, ihr bei einem Besuch eine Kette aus der Wohnung gestohlen zu haben. Ihr Antrag wurde ausführlich aufgenommen. Bald aber meldete sie sich telefonisch und verlieh ihrer Geschichte eine ganz neue Dimension. „Sie sagte: ,Ich weiß jetzt, wer mich beklaut hat. Ich habe gestern ferngesehen und da trug die Ansagerin meine Kette’“, erinnert sich Borries.

Neue Freiwillige werden gebraucht

Über den Bezirk, in dem man sich an eine Schiedsperson wendet, ist der Wohnsitz des Beschuldigten entscheidend. In Friedrichshain-Kreuzberg beispielsweise gibt es vier Schiedsamtsbezirke. Jedoch sind zwei davon unbesetzt, obwohl die Verwaltung online und in den Medien per Ausschreibung im November 2019 zumindest für einen Bereich – in Kreuzberg – nach neuen Freiwilligen sucht. Bis sich interessierte Bürger finden, übernehmen Borries und eine Kollegin die dort auflaufenden Fälle.

Blickt Borries auf die 32 Jahre seiner Amtszeit zurück, stellt er fest, dass die Kompromisslosigkeit der Menschen gewachsen ist. „Es wird schwieriger, sie zu einer Einigung zu bringen.“ So dauern auch seine Verhandlungen länger als vor drei Jahrzehnten. „Viele Menschen meinen, sie hätten die Wahrheit und das Recht für sich gepachtet“, sagt Schiedsmann Borries.

Die Schiedspersonen in den Berliner Bezirken

Schiedspersonen gibt es in jedem Bezirk. Stadtweit sind es laut Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen knapp 70. Ihnen sind innerhalb der Bezirke unterschiedliche Kieze zugeordnet. Wir nennen jene Stelle im Bezirksamt, die auf Anfrage den richtigen Schiedsamtsbezirk und die jeweiligen Schlichter vermittelt:

Charlottenburg-Wilmersdorf : Auskunft unter Tel. 9029 15 025

Friedrichshain-Kreuzberg : Tel. 90 298 41 36

Lichtenberg: Tel. 90296 7862

Marzahn-Hellersdorf: Tel. 90253 254

Mitte : Tel. 9018 44511

Neukölln: Tel. 90239 1305

Pankow : Tel. 902950

Reinickendorf : Tel. 90294 2148

Spandau: Tel. 90279 2316

Steglitz-Zehlendorf : Tel. 90299 2190

Tempelhof-Schöneberg: Tel. 90277 6273

Treptow-Köpenick : Tel. 902970