Gedenkfeier

Stolpersteine bei Axel Springer: Widerhaken der Geschichte

Rund um das Grundstück des Springer-Hauptsitzes werden seit Mittwoch insgesamt 87 Stolpersteine für NS-Opfer verlegt.

Die Stolpersteine für die Familie Lax.

Die Stolpersteine für die Familie Lax.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Berlin.  Es war der seltene Fall, dass bei der Verlegung von Stolpersteinen ein Nachkomme jener Berliner spricht, an deren Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert wird. Am Mittwoch war Bobby Lax in Berlin, Sohn eines Bewohners des damaligen Zeitungsviertels, der rechtzeitig einen Zug ins rettende Ausland hatte nehmen können.

Zur Gedenkfeier an der Zimmerstraße hatte das Unternehmen Axel Springer geladen, das an der Stelle das Gebäude seines neuen Hauptsitzes in Berlin errichtet hat. Redner unter den namhaften Gästen, darunter Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnten vor einer zunehmend offen gezeigten Judenfeindlichkeit in Deutschland.

Mit dem Kindertransport nach Holland gerettet

Die ersten fünf von 87 Stolpersteinen, die der europaweit aktive Künstler Gunter Demnig seit Mittwoch rund um das Areal verlegt, erinnern an das Schicksal des jüdisch/evangelischen Ehepaars Max und Charlotte Zickel aus dem ehemaligen Haus an der Zimmerstraße 48a. Max wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort am 24. Januar 1944 ermordet. Seine Frau musste Nazi-Schikanen hinnehmen, überlebte als Christin jedoch und wohnte nach dem Weltkrieg in Siemensstadt.

Drei Steine ehren die jüdische Familie Lax aus der Zimmerstraße 48b. Ein Foto auf der Internetseite axelspringer-neubau.de zeigt Jacob, Betreiber eines Geschäfts für Damenkonfektion, seine Frau Amalie und Sohn Edgar auf ihrem pflanzenumrankten Balkon.

Den Eltern gelang es, ihrem 15-jährigen Jungen einen Platz in einem Kindertransport zu beschaffen. Im Januar 1939 ging es für ihn mit 100 Jungen und Mädchen vom Schlesischen Bahnhof ins niederländische Eindhoven, im April dann nach Großbritannien.

In einem der vielen bewegenden Momente seines Rückblicks las sein 52 Jahre alter Bobby bei der Gedenkveranstaltung aus dem Tagebuch von Edgar Lax über den Abreisetag und die Tour zum Bahnhof vor. „Wir glaubten, wir seien zu spät, und fuhren daher mit der Taxe“, schrieb der 15-Jährige. Seine Mutter eilte mit dem Taxi weiter zum Bahnhof Zoo – „um mich noch einmal auf der Fahrt zu sehen“. Es war, so Edgar Lax, „meine letzte Fahrt durch Berlin“.

Im April 1940 emigrierten seine Eltern nach Amsterdam. Dort wurden sie im Dezember 1942 verhaftet und über das Lager Westerbork im Januar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo man sie ermordete. Ihr Sohn Edgar habe später gegenüber seinen Kindern „niemals die Vergangenheit thematisiert, nie Deutsch gesprochen“, so Bobby Lax.

2013 starb sein Vater mit 89 Jahren in London. Buchstäblich am Grab des Vaters erfuhr Bobby von jenem Koffer auf dem Dachboden, mit dem Edgar 1939 Berlin verlassen hatte. Darin fand er Briefe und Fotoalben. „Zum ersten Mal sah ich meinen Vater als Kind“, so Lax. „Ich blickte in die Gesichter meiner Großeltern und tauchte ein in die Beziehung der Drei miteinander.“

Im vergangenen Jahr war er erstmals in Berlin. Den Koffer übergab er jetzt dem Leiter des Archivs des Jüdischen Museums. Ihm sei stets die Freude verwehrt geblieben, Großeltern zu haben, sagte Lax. „Doch ich fühle mich ihnen hier am heutigen Tag näher als je zuvor.“

Die Geschichte des Springer-Hauptsitz-Grundstücks, des Umfeldes und der Menschen, die dort lebten, recherchierten zwei Journalisten der Zeitungen „Welt“ und „Bild“. Unter 87 Schicksalen ermittelten sie 48 Todesopfer. Die Redakteure lieferten damit das Fundament für die Stolpersteinverlegung. Springer-Chef Mathias Döpfner sagte, das Verlagsgebäude gründe auf den Trümmern der deutschen Geschichte. „An die schrecklichen Schicksale jüdischer Opfer, die auf diesem Grundstück wohnten, erinnern die Stolpersteine – wie Widerhaken der Geschichte“, so Döpfner.

Felix Klein verwies auf eine Studie, nach der mehr als jeder vierte Deutsche antisemitische Ansichten vertrete. „Wir müssen jeder Form von Antisemitismus entgegentreten, egal ob von links oder rechts oder islamistischer Seite. Es gibt keinen harmlosen Antisemitismus.“ Daran erinnere die hohe Zahl von Stolpersteinen, die in ganz Europa verlegt seien.