Bedroht

Wim Wenders und Tom Tykwer wollen das Moviemento retten

Wim Wenders („Himmel über Berlin“), Tom Tykwer („Babylon Berlin“) und weitere Kinomacher werben für den Erhalt des Traditionshauses.

Mögen Spielotheken und angrenzende Läden längst verschwunden sein: Das Moviemento (hier im Jahr 2012) hat alle überlebt – bis jetzt.

Mögen Spielotheken und angrenzende Läden längst verschwunden sein: Das Moviemento (hier im Jahr 2012) hat alle überlebt – bis jetzt.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Fotografen und Journalisten tummeln sich im kleinen Foyer des Moviemento-Kinos am Kottbusser Damm in Kreuzberg. An allen Wänden hängen Filmplakate, aus Lautsprechern dröhnt Filmmusik. Im kleinen Kinosaal mit rund 100 roten Sesseln wird gleich unter anderem der prominente Filmemacher Wim Wenders sprechen. Denn: Das älteste Kino Deutschlands ist durch einen Immobilienverkauf gefährdet. Seine Besitzer wollen es mit Hilfe prominenter Filmer retten. Wenders ist an diesem Donnerstagmittag Gast einer Podiumsdiskussion über die Zukunft des Kinos.

„Dass das Moviemento ein Spekulationsobjekt ist, ist ein Skandal“, sagt er. „So ein Kino gehört zum Schatz von Berlin und darf nicht zum Verkauf stehen. Basta.“. Er ist spätestens seit seinem Film „Der Himmel über Berlin“ aus dem Jahr 1987 nicht mehr aus dem Berliner Kino wegzudenken. Bruno Ganz spielte damals in der melancholischen Großstadtgeschichte einen Engel, der das Leben der Menschen beobachtet.

Filmkultur öffentlich mehr unterstützen

Trotz seiner großen Leidenschaft für das Kino ist Wenders erster Kinobesuch traumatisierend gewesen, erzählt er: „Ich wollte nur wieder raus.“. Seine Großmutter habe ihn mit zu einer Vorstellung genommen, allerdings die Säle vertauscht. So musste sich Wenders nichtsahnend einen Horrorfilm anschauen. „Nach zwei Minuten bin ich schreiend aus dem Kino gerannt“, sagt er. „Wie meine Oma aus dem Kino kam, weiß ich nicht mehr.“

Noch Jahre später habe er Albträume gehabt. „Das hat sich dann aber irgendwann gelegt, mittlerweile habe ich doch ein positiveres Verhältnis zum Kino entwickelt“, sagt er schmunzelnd. Heute zählten Kinos zu den letzten Kulturstätten. Insbesondere für Orte wie das Moviemento wünscht er sich mehr Wertschätzung. Es sei merkwürdig, dass alle möglichen Kultureinrichtungen stark gefördert werden, Kinos dabei aber zu kurz kämen. „Ich finde, man muss Kinos, die richtig gutes Programm machen, auf eine andere Art und Weise helfen“, sagt Wenders. Filmkultur müsse zum Beispiel stärker an Schulen gelehrt und Kinos öffentlich mehr unterstützt werden. Genau das tut das Moviemento: Neben Filmvorführungen bietet es jedes Jahr um die 300 Veranstaltungen, unter anderem für Schulklassen.

Tom Tykwer war hier einmal Filmvorführer

Neben Wenders ist „Babylon Berlin“-Macher Tom Tykwer da, ebenso Produzent Jakob Weydemann („Systemsprenger“), Verena von Stackelberg, Gründerin und Geschäftsführerin des Wolf Kinos, sowie Wulf Sörgel und Iris Praefke, die Besitzer des Moviemento. Tykwer war hier einmal Filmvorführer und gestaltete das Programm. Er habe, sagt er, sein halbes Erwachsenenleben im Moviemento gearbeitet.

Das Kino wurde 1907 von Gastronom Alfred Topp im ersten Stock eines Wohnhauses eröffnet. Damals hieß es noch „Lichtspieltheater-Theater am Zickenplatz“. Obwohl Name und Besitzer seitdem häufig gewechselt haben, ist es bis heute immer bespielt worden. 2007 übernahmen Sörgel und Praefke. Die Nachricht, dass die Räume zum Verkauf stehen, kam unerwartet. Zwei Maklerinnen hätten im vergangenem Oktober plötzlich im Foyer des Kinos gestanden und gesagt, dass sie die Räume verkaufen würden, sagt Sörgel. Zu dem Zeitpunkt habe es sogar schon einen potenziellen Käufer gegeben. „Das war tatsächlich eine filmreife Situation“, erzählt er.

„Das Überleben dieses einzigartigen Ortes sichern“

Für die Besitzer war schnell klar: Sie müssen das Stockwerk selber kaufen. Nach etwa zwei Wochen stand die Crowdfunding-Kampagne zur Rettung des Moviemento. Ziel: „Die Räume des Kinos der Spekulation entziehen, selber erwerben und so langfristig das Überleben dieses einzigartigen Ortes sichern“, so die Betreiber.

Mit öffentlichkeitswirksamen Videoclips haben sich viele bekannte Filmer an der Kampagne beteiligt, unter anderem Til Schweiger. Wenig später kam ein Kreditkartenunternehmen auf das Kino zu, um die Kampagne zu unterstützen. Insbesondere auf der anstehenden Berlinale will es auf die Spendenaktion aufmerksam machen. Mit dem Crowdfunding wollen die Kinobesitzer 1,6 Millionen Euro sammeln. Sie selbst können zusätzlich 400.000 Euro aus privaten Geldern in den Kauf der Räume stecken. Die Hauseigentümer, eine Tochter der Deutsche Wohnen, seien zum Verkauf an ihn und Praefke bereit, sagt Sörgel später gegenüber der Berliner Morgenpost. „Sie betonen, dass es keinen Zeitdruck gibt. Es ist aber unklar, ob sie dabei bleiben.“

Über Kinofilme diskutieren und streiten

Die Spendenaktion läuft bis zum 17. März. Jacob Weydemann, der für „Systemsprenger“ 2019 den Silbernen Bären und den Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost geholt hatte, sagt, diese vergleichsweise kleine Produktion sei ein Beweis, dass Kinos viele Menschen erreichen. „Man kann einen Film nicht mit der gleichen Kraft zuhause gucken, wie es in einem Kino möglich ist“, so Weydemann. Kino könne Leute zusammen bringen, die dann lange über Filme diskutieren und streiten. „Das sind Gemeinschaftserlebnisse. Deshalb glaube ich nicht, dass Kinos aussterben werden“, sagt er.

„Das Moviemento hat immer Substanz im Programm. Die Leute, die hier arbeiten sind mit den Filmen verbunden“, sagt Tykwer. Auch Wenders sieht in dem Ort etwas Besonderes: „Kinos die lebendig sind, die erkennt man, wenn man sie das erste Mal betritt. Die zeigen eine Haltung.“