Ratten, Junkies, Schimmel

So schlimm sind die Zustände im Kreuzberger Ekel-Haus

Trotz unhaltbarer Zustände in ihrem Haus gibt es für die 330 Mieter aus der Kreuzberger Wilhelmstraße 3 keine Hilfe

Dort, wo Mieter Detlef im Keller hinleuchtet, liegt seit einem Jahr eine der Ratten von der jüngsten Wasserhavarie.

Dort, wo Mieter Detlef im Keller hinleuchtet, liegt seit einem Jahr eine der Ratten von der jüngsten Wasserhavarie.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Der Hinweis im Vorfeld sagt viel über die Zustände im Haus an der Wilhelmstraße 3: „Falls die Klingel nicht funktioniert, rufen Sie an, ich hole Sie ab“, sagt Mieter Martin aus einer der obersten Etagen. Rund 330 Menschen leben wie er in dem Haus am Mehringplatz, das einem Privatunternehmen gehört. Berliner Toplage zwischen Kreuzberg und Mitte, perfekte Verkehrsanbindung, Geschäfte, Kultur: alles vor der Haustür. Doch zum Alltag gehören auch die Folgen eines Rattenbefalls vom vergangenen Jahr, Schimmel in den Ecken, Junkies im Hausflur und unbewohnbare Zimmer nach Wasserschäden, die niemand repariert.

Hinauf geht es im Fahrstuhl, dessen Verspiegelung längst gesprungen ist. In den Gängen haben neulich Unbekannte Reizgas versprüht. Feuerwehrleute forderten Mieter auf, in den Wohnungen zu bleiben. Martin stößt die Tür zum graffitibeschmierten Treppenhaus auf. „Hier sitzen meist Leute und kiffen oder setzen sich Spritzen, manchmal hinterlassen sie ihre Fäkalien“, sagt der 52-Jährige. Weil die Gegensprechanlagen oder eben die Klingeln oft nicht funktionieren, könne ins Haus kommen, wer wolle.

Bedingungen wie in einem Slum

Die Nachbarn haben sich so abgesprochen: „Jeder, der an den Treppenhaustüren vorbeigeht, öffnet sie, lässt sich blicken – einfach, um die da drin zu stören“, sagt Martin. Ein paar Hundert Meter weiter werden für Eigentumswohnungen Millionenbeträge gezahlt. In diesem Haus dagegen leben Mieter wie Martin unter Bedingungen wie in einem Slum: „Ich mache beim Betreten des Gebäudes die Augen zu und öffne sie erst wieder in meiner Wohnung“, sagt er.

Familie Ay unter dem Dach im 16. Stock hilft das gar nichts. Seit drei Jahren kommt Regenwasser durch Decken und Fenster. Die 44-jährige Sengül Ay stellt dann eine Schüssel ins Zimmer. An ihrer Decke ist der Putz auf einer Fläche von der Größe eines Müllcontainers abgefallen, der nackte Beton ist zu sehen. Im Bad ist eine Wand von schwarzen Wasserspuren durchzogen, im Nebenzimmer haben die Ays alle ihre Kleidungsstücke gegen das Eindringen der Feuchtigkeit in Tüten und Säcken verknotet. Es sieht aus wie nach einem Erdbeben.

„Ich schäme mich“

Die Hausverwaltung habe den Ays eine 25-prozentige Mietminderung auf die 750 Euro ihrer 72-Quadratmeterwohnung eingeräumt, sagen sie. „Aber ich will nur, dass ich hier wieder normal leben kann“, so die 44-Jährige. „Ich würde gern mal jemanden zu uns einladen. Aber ich schäme mich.“

Ganz unten im Keller stößt man noch auf Spuren des Rattenbefalls. Eine Anwohnerin hatte die Plage im Winter 2018 an die Hausverwaltung gemeldet. In Folge stießen Mieter nach Rohrbrüchen und Regenfällen im Hochwasser des Kellers auf darin treibende tote Ratten, deren Exkremente und Hausrat. Im August 2019 ließ das Amt den Keller vorübergehend sperren, zuletzt hatte sich auf dem fauligen Wasser Gas gebildet.

Fauliger, vergammelter Hausrat

Auf einem Rundgang weist Mieter Detlef auf die vielen Verschläge hin, in denen fauliger und vergammelter Hausrat liegt. Und in Kopfhöhe zeigt der 64-Jährige auf eine skelettierte Ratte in einem Leitungskanal. Als im Januar eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamts den Keller inspizierte und Fotos machte, war auch sie darauf gestoßen.

Die zuständige Hausverwaltung BauGrund Immobilien-Management GmbH mit Sitz in Bonn erklärt auf Anfrage der Berliner Morgenpost man bedauere die derzeit beschriebenen Mängel. Auch habe man einen Wachschutz für das Gebäude beauftragt, der täglich im Objekt präsent sei. Die Hausverwaltung erklärt aber auch, man habe „keine Möglichkeit Investitionsentscheidungen zu treffen“. Das „beauftragte Leistungsbild“ bilde den rahmen. „Dazu befinden wir uns in enger Abstimmung mit dem Eigentümer, an dessen Schwerpunktsetzung wir uns entsprechend orientieren.“ Besitzer ist die SEF Select Evolution 1 GmbH, vertreten durch die Optimum Asset Management.

Protestumzug der Mieter

Unter dem Eindruck, dass sich keiner spürbar um ihr Anliegen kümmert, haben sich Mieter zur Initiative „Mehringplatz West“ zusammengeschlossen. Ende Januar kamen mehr als 100 von ihnen für einen einstündigen Protestumzug zusammen. Die Forderungen in ihrem Aufruf sind in normalen Miethäusern Selbstverständlichkeiten: „Treppenhäuser ohne Fixer und Exkremente, keine nassen Wände, Decken oder kaputte Rohre in den Wohnungen, trockene Keller ohne Ratten.“

Martin macht für die Vorgänge im Haus auch die verschärfte Lage auf dem Mehringplatz verantwortlich. Viele Geschäfte wie Drogist Rossmann an der Friedrichstraße sind fort. „Abends geht da unten das Licht aus. Und bleibt aus“, sagt er und weist vom 16. Stock hinab. „Da wird in den Ecken gedealt, nebenan auf dem abgezäunten verwilderten Fußballplatz vermuten Anwohner die Drogenverstecke.“ Der denkmalgeschützte Platz sei für viele Kreuzberger „abends unbegehbar“. Ein Stadtdenkmal als No-Go-Area.

„Sehr hoher Erneuerungsbedarf“

Dabei gibt es für den Mehringplatz große Pläne. Im Februar vergangenen Jahres begannen im Rahmen des Sanierungsgebiets Südliche Friedrichstadt die Bauarbeiten. Bis zum nächsten Jahr sollen innere Platzfläche, äußerer Erschließungsring und die Fußgängerzone der südlichen Friedrichstraße umgestaltet werden. Pflaster aus Natursteinen, eine Grünfläche und neues Stadtmobiliar sind vorgesehen. Beim Bauamt räumt man dem Areal „sehr hohen Erneuerungsbedarf“ ein. Momentan bietet sich Passanten ein Labyrinth aus Bauzäunen, an denen zerfetzte Plakate hängen, in den U-Bahnhof Hallesches Tor geht es nur auf Umwegen.

Die angekündigten Wachschützer werden inzwischen auch von Anwohnern bemerkt. Eine Mitarbeiterin der Hausverwaltung war mit ihnen zur Begehung vor Ort, heißt es seitens der BauGrund. Auch bei Sengül Ay war ein Mitarbeiter und versicherte, die Decke werde nun verputzt. Auf ihren Hinweis, dass zuerst das Dach repariert werden müsse, um die Ursache der Wasserschäden zu beheben, so Sengül Ay, habe sie allerdings keine Reaktion erhalten.