Stadtplanung

Faire Mieten und Visionen: So baut Friedrichshain-Kreuzberg

Günstig wohnen, Kiezplätze für alle und Raum für Gemeinwohl: In Friedrichshain-Kreuzberg wird viel gebaut. Ein Überblick.

Das RAW-Gelände einmal völlig anders: Das Areal soll sich der Nachbarschaft öffnen. Der neue Turm ist eine Konzession an die kompromissbereiten Investoren

Das RAW-Gelände einmal völlig anders: Das Areal soll sich der Nachbarschaft öffnen. Der neue Turm ist eine Konzession an die kompromissbereiten Investoren

Foto: Kurth-Gruppe

Wer im Bauamt von Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) nachfragt, welche aktuellen Projekte dort als herausragende private Bauvorhaben eingeschätzt werden, erhält als Antwort keine Liste der glamourösen Vorzeige-Türme im Bezirk. Keinen Amazon-Tower, keinen neuen Zalando-Sitz, kein Karstadt am Hermannplatz.

Im Bezirksamt machen Projekte das Rennen, die öffentliche Teilhabe ermöglichen, sich Anwohnern öffnen statt geschlossene Quartiere zu schaffen, sich ins bestehende (soziale) Umfeld einfügen. Eigentum ist nicht unerwünscht, dabei sollen aber auch Wohnraum mit fairen Mieten und Gemeinwohlflächen entstehen.

Laut Schmidt schrieben viele Investoren inzwischen die sozial orientierte Nutzung von vornherein in ihre Projekte, sagt Schmidt. Das führe dazu, dass das Bezirksamt stets klarstellen müsse, „dass es für eventuelle Abstriche bei der Wirtschaftlichkeit keine gesonderte Beurteilung in Bezug auf die Genehmigungsverfahren gibt. Das wäre eine unzulässige Kopplung.“ Die Projekte im Einzelnen:

RAW-Gelände

Drei Eigentümer werden das Partyareal gewerblich nachverdichten. Auf dem RAW-Gelände wird bereits jetzt, geskatet, getanzt, geshoppt. Dass dort aber auch gedealt wird und es wiederholt zu Gewalttätigkeiten kommt, schreckt viele Anwohner ab. Das neue RAW-Gelände soll mit öffentlichem Raum und breiterem Angebot die Nachbarschaft einbeziehen, etwa durch Lebensmittelgeschäfte, Praxisräume, sogar ein neues Schwimmbad wurde von Teilbesitzer „International Campus“ in Aussicht gestellt.

Der größte Anteileigentümer ist im Westen die Kurth-Gruppe. Ihr machte die Bezirksverordnetenversammlung im Juni 2019 den Weg frei für den Beginn des Bebauungsplanverfahrens. Dem ging ein Deal voraus: Die bis zu 75 Kunst-, Kultur- und gesellschaftlichen Akteure, die jetzt dort arbeiten, bekommen günstige Mietverträge - gültig für 30 Jahre. Um dies an anderer Stelle ihres Geländes wieder hereinzuholen, wurde der Kurth-Gruppe ein Büroturm von bis zu 100 Metern Höhe zugebilligt.

„Bei der Entwicklung des RAW-West gehen wir neue Wege“, sagt Florian Schmidt. „Es werden im Rahmen eines B-Planverfahrens zehn Prozent der Nutzfläche für soziokulturelle Nutzungen gesichert. Das Gesamtquartier wird viele Arbeitsplätze schaffen und ein offener Ort für alle sein.“

Urbane Mitte

Auch das Projekt am Gleisdreieck-Park geht mehr als nur das unmittelbare Umfeld an. Die Copro Projektentwicklung GmbH baut auf einem brachliegenden 4,3 Hektar großen Gelände das Gewerbeensemble „Urbane Mitte“. Sieben Hochhäuser mit bis 24 Stockwerken und einer Geschossfläche von 119.000 Quadratmetern sind geplant. In die angrenzenden Bahnviadukte kommen Kleinbetriebe. Erste Spuren des Projekts sind Coworking-Space und Kulturfläche „B-Part“. Am 23. Januar öffnete „B-Part Sports“, ein Fitnessparcours, den die Copro für die öffentliche kostenlose Nutzung baute.

Das Vorhaben steht auf breitem Fundament: 2014 fand zum weiteren Vorgehen ein einjähriges Werkstattverfahren statt, es folgten städtebaulicher Wettbewerb, Bürgerbeteiligung sowie Beteiligung von Behörden und sonstigen Trägern. Schmidt sagt, die neu entstehende Hochhaussilhouette gehe zurück auf das Wettbewerbsverfahren. Die Alternative zu Hochhäusern wäre eine massive Wand gewesen. „Ich bin gespannt, ob die Copro ihre gemeinwohlorientierten Angebote umsetzt. Da kein Wohnen möglich ist, hat der Bezirk selber keinen Einfluss darauf.“

Quartier Mehring

Das Wohnungsbauprojekt hinter der Ecke Mehringdamm/Dudenstraße am Platz der Luftbrücke schafft einen neuen offenen Quartiersplatz und Landschaftsbegrünung, die das hügelige, bislang verschlossene Areal wieder herausarbeitet. Gastronomie und Räume für betreute Wohnprojekte sind vorgesehen. Nach Entwurf des Büros Wolff Architekten baut Eigentümer Griffin Flats auf einer derzeit versiegelten Parkplatz-Fläche vier bis zu achtstöckige Häuser mit 90 Wohnungen in einer Mischung von gefördertem und frei vermietetem Wohnraum sowie Eigentumswohnungen. Mehr als ein Drittel der Neubaufläche geht an soziale und kleingewerbliche Nutzer. „Der Eigentümer möchte auch eine Kita bauen und hat den Bezirk gefragt, welche weiteren Bedarfe bestehen“, so Schmidt. Er wolle zudem Wohnungen für betreutes Wohnen schaffen, obwohl der Bezirk dies nicht fordern könne. „Solche Investoren bräuchten wir öfter“, so Schmidt.

Für die Erdgeschosse sind zudem Künstler-Ateliers, Läden und Nachbarschaftseinrichtungen vorgesehen. Baustart soll 2021 sein, die Bauzeit dauert zwei bis drei Jahre.

Hafenplatz/Köthener Straße

Im heruntergewirtschafteten ehemaligen Sozial-Bau von 1975 soll durch Komplettsanierung und Umbau ein Nebeneinander von Wohnungen in Besitz der landeseigenen Gewobag (12.300 Quadratmeter) und aus freier Finanzierung (9.200 Quadratmeter) entstehen.

Den Löwenanteil des Hauses von Eigentümer Artprojekt-Gruppe und TTI-Gruppe machen Büroflächen aus (13.050 Quadratmeter) - auch zur Querfinanzierung der anderen günstigen Angebote im Wohnkomplex, betonen sie. Je rund 1000 Quadratmeter gehen an Läden und Künstlerateliers.

„Die Investoren haben das Konzept seit Beginn an gemeinsam mit einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft entwickelt“, sagt Schmidt. „So können alle Bewohner, die das möchten, bleiben.“ Das Bezirksamt wolle das Bauvorhaben mit einem Sozialplanverfahren begleiten.

Hallesches Ufer 60

Dem jetzigen Stand im und um das einstige Postscheckamt ging ein sogar in einer Talkshow geführter Streit zwischen dem damaligen Eigentümer Christoph Gröner und Schmidt voraus. Der Baustadtrat sah einen drohenden Verlust von 5000 Quadratmetern bezahlbaren Wohnraums und bremste das Projekt. Am Ende gab Gröner das gesamte Vorhaben auf. „Wir haben lange gerungen und die Debatte ging bis zu Maischberger“, sagt Schmidt. „Dass im bestehenden Hochhaus nun eine Büronutzung bleibt, statt ein Luxusboarding-Tower zu werden, halte ich für stadtpolitisch richtig.“ Im Büroturm entstünden nun Arbeitsplätze. Dagegen wäre „ein Luxuswohnturm ein Beitrag für eine Kommerzialisierung des Umfeldes und mehr Gentrifizierung“ geworden.

Bauherren sind jetzt Art Invest und die landeseigene Degewo. Vorgesehen sind fünf neue Baufelder. Auf einem 35.600 Quadratmeter-Areal baut die Degewo rund 320 Wohnungen, zwei Drittel davon als geförderter Wohnraum mit bezahlbaren Mieten. Auf rund 70.000 Quadratmetern will Art Invest Gewerbe ansiedeln. Das Unternehmen rechnet mit der Fertigstellung in den Jahren 2023/24.