Wohnungsnot in Berlin

Eine Mieterin berichtet: So war es wirklich mit der Diese eG

Miriam Kraus wohnt in dem Haus, für das der Bezirk das Vorkaufsrecht zog, aber plötzlich keinen Käufer mehr hatte.

Miriam Kraus wohnt im Haus Rigaer Straße 101 - das die "Diese eG" hatte kaufen wollen.

Miriam Kraus wohnt im Haus Rigaer Straße 101 - das die "Diese eG" hatte kaufen wollen.

Foto: Jörg Krauthöfer

Es ist wieder Ruhe eingekehrt an der Rigaer Straße 101. Wochen der Ungewissheit und Fragen, was aus dem Friedrichshainer Haus wird, wer es übernimmt, ob doch noch saftige Mieterhöhungen anstehen, sind für die Anwohner beantwortet. Wie die Genossenschaft „Diese eG“ dort erst als Retter willkommen geheißen wurde, aber sich letztlich sang- und klanglos aus dem Kauf des Gebäude zurückzog, erlebte Miriam Kraus so unmittelbar wie wenige ihrer Nachbarn.

Beim Vorkaufsrecht ist der Bezirk führend in Berlin

Ausgangspunkt ist das Engagement des Bezirks, allen voran Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne), bei der Ausübung des Vorkaufsrechts. Friedrichshain-Kreuzberg ist dabei führend in Berlin. Unter den richtigen Umständen, geht es etwa um Milieuschutzgebiete, kann der Bezirk beim anstehenden Verkauf eines privaten Wohnhauses in Abwendungsvereinbarungen Maßnahmen durchsetzen, die Verschlechterungen für Mieter ausschließen. Gibt es keine Einigung, kann das Amt dem Eigentümer einen eigenen Käufer vorsetzen.

In der Regel sind dies landeseigene Wohnungsbaugesellschaften. Als die Rigaer Straße im vergangenen Jahr für knapp fünf Millionen Euro den Besitzer wechseln sollte, winkte die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) aber ab. Ohne Mieterhöhungen würden sich nötige Sanierungen nicht refinanzieren lassen. Dass die gerade erst gegründete Genossenschaft Diese eG den Deal machen wurde, erfuhr Miriam Kraus im Frühling 2019.

Die 26 Jahre alte Philosophie-Studentin lebt in einer der Wohngemeinschaften im Hinterhaus. Für gut 120 Quadratmeter zahlen vier Bewohner insgesamt 880 Euro Kaltmiete. Im Gegensatz zum Vorderhaus ist bei ihnen nichts modernisiert.

Eigentümer, die ein wenig investieren, könnten im heiß begehrten Bezirk gut den doppelten Quadratmeterpreis verlangen. Mit der WG, wo in der Küche der Putz-Plan an der Wand lehnt und den Kühlschrank ein Fanmagnet des 1. FC Nürnberg ziert, wäre es bei einem Besitzerwechsel wohl vorbei gewesen.

„Blöderweise in Sicherheit gefühlt“

Bevor noch die Diese eG ins Spiel kam, waren sechs der 18 Parteien der Rigaer 101 einer Einladung des Bezirksamts ins ehemalige Rathaus Kreuzberg gefolgt, um etwas über die Zukunft ihres Hauses zu erfahren. Dort wurde von Milieuschutz und städtischen Wohnungsbaugesellschaften gesprochen. „Irgendwie haben wir uns danach - blöderweise - in Sicherheit gefühlt“, sagt Kraus.

Dann übernahm die Diese eG. Ein Mieter hatte es auf Rückfrage bei der vom Bezirk beauftragten Agentur erfahren. Gründe dafür habe man nicht genannt. Aber im Haus war jede Hilfe willkommen. „Wir stellten unsere Stühle in den Hof und hörten zu, wie ein Genossenschaftsvertreter über Ziele und Aufbau der eG berichtete“, sagt Kraus. Das war im Juni 2019.

Zwei Parteien im Haus wollten die Genossenschaft nicht unterstützen

„Viele waren begeistert: Darüber, dass Mieten fair berechnet werden, die eG nicht profitorientiert handelt und das Haus insgesamt so bleiben kann wie es ist.“ Ihr selbst habe zudem gefallen, dass sie sich, weil die eG noch im Aufbau war, dort in sogenannten Kreisen engagieren konnte. „Mit einer Genossenschaft ein Stück aus dem Wohnmarkt zu nehmen und persönlich Geld und Zeit hineinzustecken: Das war mir das Projekt wert.“ Berlin habe ein wohnungspolitisches Problem, ihr Haus sieht sie als Symptom dessen. Zwei Parteien im Haus dagegen waren nicht bereit, die Genossenschaft zu unterstützen.

Kraus ging in den Beraterkreis, las sich in die Materie ein und referierte im Haus, „wie die eG funktioniert und was sie für die WGs bedeutet“. Für ihre Wohnung würden Kraus und ihre Mitbewohner Genossenschaftsanteile zum Preis von 500 Euro pro Quadratmeter erwerben. Für die Studentin und ihren Partner bedeutete dies rund 24.000 Euro. Dafür wollten sie einen Kredit aufnehmen und Erspartes nutzen.

Das Land ließ wissen, dass es keine Förderung gibt

Doch im Oktober erhielten die Mieter eine Mail von der Genossenschaft. „Empathisch und einfühlsam“ schrieb die eG, dass sie die Rigaer 101 nicht kaufen werde. Das Land hatte erklärt, dass es dafür keine Förderung geben werde, weil eine Sanierung den Betrieb des Gebäudes unwirtschaftlich machen werde. Hinter den Kulissen beabsichtigte nun das Stadtentwicklungsamt unter Stadtrat Schmidt, den Bescheid über die Ausübung des Vorkaufsrecht aufzuheben, und fragte beim Eigentümer an, ob er bereit sei, vom Kaufvertrag mit der eG zurückzutreten.

Unter Mietern war schlagartig die Angst zurück. „Wie sicher ist mein Dach über dem Kopf?“, fragte sich Kraus, die da zudem schon in ihrer Abschlussarbeit steckte. „Man kann sich in Mietsachen organisieren und engagieren. Aber letztlich hat man die Situation nicht in der Hand, man fühlt sich ihr ausgeliefert“, sagt sie.

Nach vier Wochen erhielt Kraus den erlösenden Anruf. Die Wohnungsbaugenossenschaft „Am Ostseeplatz“ eG würde den Kauf übernehmen. In der Galiläakirche wurden kurz darauf alle Mieter eingeweiht.

Bezirksverordnete fürchteten Haushaltssperren

Rund sechs Wochen später arbeiten Bezirk und Land den Fall noch auf. Der Senat hatte angekündigt, Stadtrat Schmidt mit dem Millionen-Kauf allein zu lassen, Bezirksverordnete fürchteten Haushaltssperren. Bei Miriam Kraus dagegen hat die Hängepartie keinen Nachgeschmack hinterlassen. „Die Diese eG ist für uns im Haus noch immer eine positive Instanz“, sagt sie. „Ohne sie hätte es die Lösung der ‘Am Ostseeplatz’-eG nie gegeben.“

Sie sei Stadtrat Schmidt dankbar, dass er überhaupt eine Genossenschaft als Ersatz für die WBM hinzuzog. Kraus blickt jetzt nach vorn. Ende des Monats gehen die Mieter des Hauses in ihre erste Mitgliederversammlung der eG. Und zum 1. Februar überweisen sie erstmals Miete als Genossen.

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