Wohnungsverkäufe

Privatmann rettet bedrohte Kreuzberger Mieter

Michael Kölmel, der „Investor mit Herz“, bewahrt erneut Bewohner vor unabsehbaren Forderungen neuer Eigentümer.

Das Haus an der Mariannenstraße 34 wurde erst im vergangenen Jahr umfangreich renoviert.

Das Haus an der Mariannenstraße 34 wurde erst im vergangenen Jahr umfangreich renoviert.

Foto: Patrick Goldstein

Fragt man den 29-jährigen Krankenhausarzt aus dem zweiten Stock, was im Haus während des ungewissen Verkaufszeitraums als ganz besonders schmerzlich empfunden wurde, sagt er: „Die Besichtigungen derer, die in unsere Wohnungen nachziehen wollten und sich nun alles einfach anschauen durften, Schlafzimmer und, Privates.“ Die Mieter von der Mariannenstraße 34 in Kreuzberg haben schwere Monate hinter sich, in denen ihnen drohte, in absehbarer Zeit aus ihren Wohnungen zu fliegen.

Zum Beispiel Alexander, Urologe im St. Hedwig-Krankenhaus in Mitte. Mit seiner 31-jährigen Lebensgefährtin, Lehrerin in Neukölln, lebt er seit zwei Jahren im Jahrhundertwendebau. 90 Quadratmeter, drei Zimmer, im Hausflur reichlich Stuck. Kreuzberg, wie man es sich als Mieter erträumt. Mit dem obligatorischen Graffiti an der Fassade.

Jetzt rückte die Mietergemeinschaft zusammen

Dass sich etwas zusammenbraut, hätte man schon Anfang vergangenen Jahres begreifen müssen, sagt der Arzt rückblickend. Da begannen umfangreiche Renovierungsarbeiten. Auf den Hinterhof kamen Rollrasen und Fahrradständer, die Fassade wurde gestrichen. Kaum waren die Arbeiten abgeschlossen, erhielten Bewohner ihre Briefe: Die Wohnungen würden verkauft, schrieb die Hausverwaltung. Zuvor blieben den Bewohnern 14 Tage, um die Räume selbst zu erwerben.

„Bis dahin waren wir eine Hausgemeinschaft, bei der man sich auf der Treppe grüßte und weiterging. Jetzt rückten wir zusammen“, sagt Alexander. Abordnungen sprachen bei Mieterberatern vor, beim Bezirksamt erbat man Hilfe. Doch die Lage an der Mariannenstraße 34 war vertrackt. Die Mieter hatten keine Chance, sich zu wehren: Ohne ihr Wissen hatten die Wohnungen Ende der 90er-Jahre schon die Eigentümer gewechselt. „Die Sperrfrist war abgelaufen, das Milieuschutzrecht griff nicht“, so Alexander.

„Höchstens etwas am Stadtrand leisten“

Mieter stellten sich darauf ein, ausziehen zu müssen. Manche wohnen seit mehr als 40 Jahren im Haus, es gibt die Studenten-WG, Menschen mit gutem Einkommen, Kleinfamilien, eine Frau, die als Reinigungskraft ihr Geld verdient. Neuere Mieten betragen rund zwölf Euro pro Quadratmeter, Alteingesessene zahlen vier bis sechs Euro. „Für die war klar, dass sie sich höchstens etwas am Stadtrand leisten können, weitab von ihrem gewachsenen Bekanntenkreis und der Familie.“ Jetzt wurden für den Kaufquadratmeter zwischen 4200 bis 4700 Euro gefordert.

Die Hausverwaltung habe keine Zeit verloren. „Kaum war die Kauffrist der Mieter abgelaufen, ging eine Verkaufsseite online.“ Darauf betonten die Makler, dass die Mieter im Haus „kein Vorkaufsrecht“ hätten, dass es „keine Sperrfrist“ gebe. „Das hebt natürlich den Wert für einen möglichen Käufer“, sagt Alexander.

Am Telefon war der Investor

Die Verkäufer warben mit der „gefragten Lage nahe Paul-Lincke Ufer und dem Landwehrkanal“, „Markthalle Neun 15 Minuten zu Fuß entfernt“, „zahlreiche Cafés und Bars“. Bilder zeigen einen Bioladen um die Ecke, den Markt am Maybachufer und den Görlitzer Park in einer Ausleuchtung wie der New Yorker Central Park an Staatsfeiertagen.

Zufällig stieß Alexander auf einen Bericht über Michael Kölmel. Der Chef des Filmverleihs Weltkino und emsige Unternehmer mit turbulenter Karriere, etwa als Eigentümer des Leipziger Zentralstadions, hatte wie berichtet 2019 schon am Strausberger Platz ein Haus erworben, nachdem die Mieter dort angesichts eines ähnlichen Verkaufs um ihre Wohnungen fürchteten und öffentlich einen „Investor mit Herz“ suchten. Alexander schrieb ihm, erklärte die Situation. „Kurz darauf klingelte mein Handy. Kölmel sagte: Da muss man doch etwas unternehmen“, erinnert er sich.

Märchenhafte Konditionen

Von 16 Wohnungen im Haus waren zehn verkauft. Kölmel übernahm die restlichen sechs. Wer jetzt bei ihm mietet, lebt unter märchenhaften Konditionen, etwa: Keine Mieterhöhung der Kaltmiete in den nächsten fünf Jahren, keine Eigenbedarfskündigung in den nächsten zehn Jahren, keine Kündigung für Bewohner ab 65 Jahren.

Auf den Erfolg stießen Kölmel und seine zukünftigen Mieter nach Vertragsunterzeichnung bei einer Flasche Sekt an. Für Alexander allerdings, der den Coup erst möglich gemacht hatte, ist ein Happy End noch nicht in Sicht. Seine Wohnung hatte eine Käuferin schon vor Kölmel übernommen. Von ihren Plänen damit erfahren er und seine Partnerin Ende des Monats in einem ersten Gespräch.