Kreuzberg

Markthalle Neun: „Warum kann Aldi nicht bleiben?“

Der Discounter Aldi muss die Markthalle in Kreuzberg verlassen. Am Montag startete die Nachbarschaftswoche.

Am Auszug des Discounters entzündete sich eine Diskussion, bei der es um mehr geht als faire Lebensmittel.

Am Auszug des Discounters entzündete sich eine Diskussion, bei der es um mehr geht als faire Lebensmittel.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Im Streit um den Verbleib des Discounters Aldi in der Markthalle Neun in Kreuzberg hat Montag die Nachbarschaftswoche begonnen, bei der Besucher ihre Forderungen hinterlassen können. Ab elf Uhr kehrte die abstrakte Diskussion, das monatelange Pro und Kontra zu Aldi in der Markthalle Neun, zornig ausgefochten im Internet, publiziert mit Plakaten und Flyern, zurück in die Realität. An einer Stellwand, die vom Eingang Eisenbahnstraße aus gar nicht zu übersehen ist, haben sich dazu drei Interviewer postiert. Eine „Nachbarschaftswoche“ lang werden sie bis Sonnabend im Auftrag des Bezirksamts die Forderungen der Besucher und Anwohner an die Betreiber der Kreuzberger Halle schriftlich aufnehmen.

Die Drei haben an diesem Vormittag von Anbeginn keine ruhige Minute. Denn der Gesprächsbedarf der Menschen im Kiez ist groß. „Zu dem Thema hat seit dem vergangenen Jahr hier jeder eine Meinung“, kommentiert Anwohner Peter.

Markthalle Neun in Kreuzberg: Der Aufschrei war groß

Anfang 2019 war bekannt geworden, dass Aldi die Markthalle verlassen muss. Stattdessen sollte eine Filiale von Drogeriekette dm folgen. Der Aufschrei war groß. Der städtische Bau war den jetzigen Geschäftsführern 2011 immerhin mit der Vorgabe übertragen worden, einem damaligen Slogan der Anwohner folgend, eine „Halle für alle“ zu schaffen. In Diskussionen, Kundgebungen und abendlichen Veranstaltungen rund um den Discounter-Abzug zeigte sich nun: Die einzige Nutzung der Halle, die sich viele Menschen noch leisten können, ist der Einkauf bei Aldi. Letztlich lenkten die Chefs ein, bremsten den Abzug des Ladens und ließen sich auf ein Dialogverfahren mit den Bürgern ein, nach dessen Resultat sie ihren Markt zukünftig ausrichten soll.

Christa und Hans Schonert gehören zu jener Gruppe, die Protestierende von vornherein als Hauptleidtragende sahen: Senioren, denen der Weg zum dann verbleibenden nächsten Supermarkt Lidl an der 500 Meter entfernten Zeughofstraße zu beschwerlich wäre. „Ich sehe nicht ein, warum in der Halle nicht genug Platz sein soll für den Discounter. Warum kann der nicht auch bleiben?“, sagt Hans Schonert, 79. Das Argument der Aldi-Gegner, dass die Waren an den Ständen der Halle nachhaltiger sind, lässt er nicht gelten. „Im Supermarkt gibt’s genauso Bio.“

Christa Schonert, 78, sagt, sie sei nicht gut genug zu Fuß, um zukünftig längere Strecken zum Einkauf zu laufen. Außerdem geht es ihr ums Prinzip: „Wir beobachten seit langem, dass die Preise hier exorbitant steigen. Früher kauften wir mal ein Stück Käse oder Kuchen. Das geht jetzt nicht mehr.“ Die Seniorin hat Standbetreiber dazu zur Rede gestellt, den Blumenhändler etwa, und vor der Halle einen Lebensmittelverkäufer. „Die Standmiete steigt, wir müssen mitziehen“, sagten sie mir“, so Schonert.

„Aber es gibt viele Leute im Kiez, die haben kein Geld“

Bei einer Demonstration im Dezember war das Paar dabei. Mit Protestschildern. Besonders ärgerlich finden sie, dass es in der Halle Produkte gebe, etwa Weine, die anderswo günstiger angeboten werden. „Man fühlt sich für dumm verkauft“, sagt Christa Schonert.

Einige Schritte entfernt lässt sich der 56-jährige Anwohner Peter am Stand der Nachbarschaftswoche ausführlich interviewen. Er sagt, den Bedarf der Aldi-Kunden müsse man respektieren. Andererseits halte er überhaupt nichts von industrieller Lebensmittelproduktion, sei für eine Ernährungswende. „Aber ich kann leicht reden: Ich verdiene gut“, sagt der IT-Ingenieur. „Es gibt hier viele Leute, die haben kein Geld.“

Für sie und alle, die jetzt wegen ihrer Wohnungsmiete fürchten müssen, sei der Kampf gegen die Markthalle „wie ein Ventil“. Der Interviewerin Doris Wietfeldt hatte er zuvor in ihr Klemmbrett diktiert, dass die Markt-Betreiber offensiv Anwohner in die Halle ziehen sollten, etwa zu Workshops darüber, warum im Supermarkt das Pfund Fleisch 3,99 Euro koste. „Man muss die Menschen abholen“, sagt Peter.

Hallen Co-Chef Nikolaus Driessen macht derweil bei einem Snack an einem benachbarten Bistrotisch Mittagspause. Von einem Aldi-Abzug versprechen sich viele in der Halle bessere Umsätze. Zu Befragung und Dialogverfahren sagt Driessen, er und seine Kompagnons freuten sich über jeden, der daran Teil nimmt. „Und am Ende schauen wir uns das Ergebnis an.“