Gentrifizierung

Markthalle Neun: Bürger sollen sich zum Aldi-Streit äußern

Die Anwohnerbeteiligung geht am Montag in die nächste Runde. Dann beginnt die harmlos klingende „Nachbarschaftswoche“.

Die Markthalle Neun steht für den Handel mit nachhaltig gewonnenen Lebensmitteln.

Die Markthalle Neun steht für den Handel mit nachhaltig gewonnenen Lebensmitteln.

Foto: Patrick Goldstein

In der Kreuzberger Markthalle Neun beginnt am Montag die „Nachbarschaftswoche“. Was harmonisch-harmlos klingt, ist die nächste Stufe im Streit um den Verbleib der Aldi-Filiale im denkmalgeschützten Bau an der Eisenbahnstraße.

Bis zum 11. Januar können Markthallenbesucher, Anwohner und Aktivisten vor Ort mitteilen, was sie sich dort wünschen, etwa welche Form von Lebensmittelversorgung. Ende Januar werden die gesammelten Stellungnahmen bei einer sogenannten Dialogwerkstatt präsentiert. Laut Bezirksamt fließt das Material in die zukünftige Ausrichtung der Markthalle ein. Die Auseinandersetzung um den privat betriebenen Markt begann, als Anfang vergangenen Jahres bekannt wurde, dass die Aldi-Niederlassung ausziehen und durch eine Drogerie ersetzt werden soll.

Balanceakt der Grünen-Bürgermeisterin

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) hat den Fall inzwischen zur Chefsache gemacht. Als Vertreterin der stärksten Partei im Bezirk fordert ihr der Protest für Aldi einen Balanceakt ab: Die Angst von Anwohnern vor Folgen der Gentrifizierung ist ein ur-grünes Thema, dem Herrmann und ihre Stadträte beispielsweise durch die Wahrnehmung des Vorkaufsrechts entgegensteuern. Mit dem Bekenntnis zur Markthalle, den dort gehandelten nachhaltigen Lebensmitteln und deren Verkauf verprellen die Grünen jedoch jene Bewohner des Bezirks, die sich diesen Lebensstil nicht leisten können.

Zum Gerichtsfall wurde die Markthalle indes wegen zwei Wohnungen in der Markthalle, die nicht als solche genutzt werden. Gegen die Anordnung des Bezirksamts im Juni 2019 gingen die Betreiber gerichtlich vor. Sozialstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) erwartet aber, den Rechtsstreit zu gewinnen und kündigte ein Bußgeldverfahren an.

„Legitimation für den Rausschmiss von Aldi“

Im Internet gab es eher hämische Reaktionen auf den Beginn der Bürgerbefragung. Auf Facebook posteten Aktivisten der Gruppe „Aldi bleibt“ am Sonntag etwa, Bezirksbürgermeisterin Herrmann und nicht genannte „Immobilienspekulanten“ wollten sich die „Legitimation für den Rausschmiss von Aldi holen“. Die Beteiligung von Anwohnern sei ein „Pseudo-Dialog“. Als Folge der Einbeziehung erwarten sie nur „Alibi-Zugeständnisse“ als „Ausgleich, dass Tausenden von Aldi-Kunden die Grundversorgung entzogen wird“. Kämpferischer Aufruf in Richtung Anwohner: „Sagen wir Ihnen das ab morgen, 11 h.“