Verkehr

Mehr als 3000 Unterschriften gegen autofreien Wrangelkiez

Anwohner und Gewerbetreibende übergaben die Petition. Ihre Sorge: Ohne Autos kommt die Verdrängung im Wrangelkiez.

Kazim Metin ist Chef von „Copytime“. Er sorgt sich um die Wrangelstraße.

Kazim Metin ist Chef von „Copytime“. Er sorgt sich um die Wrangelstraße.

Foto: Patrick Goldstein

Der Aktenordner ist drei Zentimeter dick. „100 Seiten pro Zentimeter“, überschlägt Kazim Metin. Er muss derlei wissen. Seit 1993 hat er an der Kreuzberger Wrangelstraße den Kopierladen „Copytime“. Gefüllt ist der Hefter mit rund 3000 Unterschriften von Anwohnern. Sie haben Metins Petition unterschrieben, die er jüngst Bezirksbürgermeisterin Monika Hermann (Grüne) im ehemaligen Rathaus Kreuzberg übergab. Metin und seine Mitstreiter kämpfen gegen einen autofreien Wrangelkiez. Manche von ihnen fürchten um ihre Umsätze. Noch weit mehr fürchten, dass nach dem Aussperren des Verkehrs auch für sie bald kein Platz mehr im Kiez wäre.

Was viele Anwohner sorgt, sind Anzeichen erheblicher Veränderungen. Ladenbesitzer und Gastronomen wie Metins Nachbar Hüseyin Güleryüz, Chef des Cafés „Estate Coffee“, etwa ärgern sich noch immer über das strenge Vorgehen von Bezirksamt und Polizei gegen Musikbeschallung und Straßenverkauf am 1. Mai. Dabei liegt die Wrangelstraße mit ihrer Nähe zum Görlitzer Park günstig zum jährlichen My Fest.

Eltern klagten, sie könnten ihre Kinder kaum noch auf die Straße lassen

Im August folgten die Poller. In den Kreuzungsbereichen Wrangel- und Falckensteinstraße sowie Wrangel- und Cuvrystraße wurden Diagonalsperren aufgestellt. Dadurch sollte der Durchgangsverkehr zwischen Kreuzberg, Neukölln und Treptow abgeschnitten werden. Anwohner hatten sich beklagt, Eltern sagten, sie könnten ihre Kinder kaum noch auf die Straße lassen.

Doch wer sich danach im Kiez umhörte, stieß auf viel Kritik. Ladenbesitzer sagten, das schnelle Geschäft von Kurzparkern sei eingebrochen. Kazim Metin erklärt, an die Stelle sei eine höhere Verkehrsbelastung durch Lieferwagen getreten, die die Straße bei Abbiegemanövern versperren und für Rückstau sorgen. „Das reinste Chaos“, sagt der 52-Jährige.

Wegfall von Parkplätzen

Die nächste Veränderung komme mit dem Ergebnis einer bereits in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie, sagt Metin. Das Bezirksamt Friedrichhain-Kreuzberg und die Initiative Autofreier Wrangelkiez hatten eine Studie angestoßen, die die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz finanziert. Es wird untersucht, wie Verkehr reduziert werden kann, es wird um den Straßenraum gehen, um Bänke und andere Aufenthaltsmöglichkeiten dort, wo jetzt noch Autofahrern Platz gelassen wird.

Verkehrssenatorin Regine Günther hatte angekündigt, man wolle modellhaft untersuchen, wie man Straßenraum in Lebensraum für die Anwohner umwandeln kann. Unternehmer Metin bringen solche Ankündigungen in Rage. „Die Grünen sehen Friedrichshain-Kreuzberg als Bastel-Stube, in der sie alles Mögliche ausprobieren können.“ So entstünden 1,7-Millionen-Euro-Projekte wie die Begegnungszone Bergmannstraße, die Kazim für misslungen hält.

„Dann rücken hier Reiche nach“

„Wenn niemand mehr mit dem Auto in die Wrangelstraße darf, verliere ich meine Großkunden“, sagt Kazim. Dann entfielen die Aufträge für Firmenpräsentationen, Großplakate, Architekturbüros. Und er sagt einen erheblichen Einwohnerwandel voraus. „Diejenigen, die auf ihr Auto angewiesen sind - und das sind in dieser Gegend viele Migranten -, würden irgendwann wegziehen. Dann rücken hier Reiche nach, die sich steigende Quadratmeterpreise und Eigentum leisten können.“ Gewerbetreibende machten jetzt schon steigende Forderungen zu schaffen. „Die Zusammensetzung von Läden wird sich ändern: Wer kann unten Döner verkaufen, wenn oben im Haus alle Veganer sind?“

Metin würde durchaus auch ohne Auto von Britz zur Arbeit fahren. Aber der öffentliche Nahverkehr mache es ihm schwer, sagt er. „Statt 15 bis 25 Minuten erwarten mich ich da eine Stunde für Fahrt und Fußweg mit dreimal Umsteigen.“ Ein gewisser Wandel im Kiez sei ja hinzunehmen. „Wir sind schließlich ein Innenstadtbezirk.“ Aber eine rasante Verteuerung von Wohnraum im Stil von London und Paris käme erst durch ein Autoverbot im Kiez zustande, meint er.