Kultfigur

Kreuzberg bekommt einen Rio-Reiser-Platz

Die Debatte, einen Kreuzberger Platz nach Rio Reiser zu benennen, gipfelte in Beleidigungen und einem Saalverweis.

Musikalisch, politisch, poetisch: Rio Reiser in den 90er-Jahren. Fans in Kreuzberg halten die Benennung eines Platzes nach ihm für falsch.

Musikalisch, politisch, poetisch: Rio Reiser in den 90er-Jahren. Fans in Kreuzberg halten die Benennung eines Platzes nach ihm für falsch.

Foto: picture-alliance /

Berlin. Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg hat am späten Mittwochabend nach einem Antrag der Linken beschlossen, den Heinrichplatz in Kreuzberg in Rio-Reiser-Platz umzubenennen. In einer emotional geführten Debatte ging es darum, ob man im Fall des Musikers von einer bestehenden Regel des Bezirks abweichen darf.

Denn einem BVV-Beschluss von 2005 zufolge sollen im Bezirk bei Benennungen von Straßen, Wegen und Brücken stets Frauen als Namensgeber geehrt werden, um ein geschlechtliches Gleichgewicht herzustellen. Pascal Striebel von den Grünen etwa erklärte, er werde aus diesem Grund gegen die Umbenennung stimmen. Noch immer kämen auf einen Frauennamen neun Männernamen im Bezirk.

Befürchtung: Der Rebell würde zum Gentrifizierer werden

Rio Reiser gilt als Ikone der Hausbesetzerszene, seine Stücke mit der Band Ton Steine Scherben erklangen bei Demonstrationen und waren häufig systemkritisch und deutlich politisch links angesiedelt. Allerdings thematisierte er auch seine Homosexualität. Dadurch kommt Reiser eine Vorbild-Stellung in einer Zeit zu, als es im deutschen Strafgesetzbuch noch den restriktiven, sogenannten „Schwulenparagraf“ 175 gab. Dies betonten Redner am Mittwoch in der BVV.

Laute Proteste begleiteten die Sitzung. Von der Tribüne herab pöbelten Anwohner und Aktivisten aus dem links-alternativen Lager die Bezirksverordneten an, beleidigten Redner, worauf sie wiederum vom Rednerpult aus durch Riza Cörtlen, Verordneter für „Die Partei“, als „Alkoholkranke“ bezeichnet wurden. Schließlich kam es zu einem Saalverweis gegen einen der Besucher, worauf sich ihm auch seine Begleiter anschlossen.

„Amüsiermeile Oranienstraße“

Der Einwand gegen die Umbenennung kommt mehrheitlich von Anhängern Reisers und seiner Ideale. Die Umgebung, so die Befürchtung, werde noch mehr zum Touristenanziehungspunkt. Anwohner der Oranienstraße klagen schon jetzt, die Gegend entwickle sich zunehmend zum Party-Ort. Die Zahl von Spätis nehme zu, alteingesessene Ladenbetreiber würden verdrängt.

So kursiert im Viertel ein Flugblatt zum Umbenennungsplan. Er wird von Erben und Verwandtschaft Reisers als Marketingidee zum 70. Geburtstag des Musikers im kommenden Jahr gedeutet. Die Kritiker sprechen von einem Ausverkauf der Stadt und prophezeien: „Die Amüsiermeile Oranienstraße wäre um eine ,Attraktion‘ reicher, und noch mehr Touristen kämen, um Selfies auf dem Heldenplatz zu knipsen.“ Ihr Appell: „Macht Rio nicht postum zu einem weiteren Gentrifizierer!“

Nach Heinrich Prinz von Preußen benannt

Der Verein Berliner Geschichtswerkstatt, der die Umbenennung maßgeblich vorantrieb, widersprach am Donnerstag den Bedenken. Mit der Umbenennung des Heinrichplatzes werde nicht ein Stück Kreuzberger Geschichte gelöscht, sondern vielmehr aufgewertet, so Sema Binia vom Verein.

Der Platz ist seit 1849 nach Heinrich Prinz von Preußen benannt. „Nach so vielen Jahren wäre es vielleicht mal an der Zeit, den alten Monarchen durch jemanden zu ersetzten, der einiges für den Bezirk getan hat, der eine Band gründete, die im Nachhinein als Erfinder vom ,Mythos Kreuzberg‘ bekannt wurde“, so Sema Binia.

Zwölf Prozent wollten keine Ehrung

In Folge eines Antrags von Linke-Fraktionschef Oliver Nöll in der BVV, nach dem ursprünglich ein Teil des Mariannenplatzes umbenannt werden sollte, erhielten im vergangenen Jahr 5000 Haushalte im Bezirk Fragebogen dazu, wie sie zur Benennung einer Straße nach Reiser in Friedrichshain-Kreuzberg stehen. Allerdings gab es nur einen Rücklauf von 950 Bogen. 25 Prozent sprachen sich für den Teil des Marienplatzes aus. Ein Drittel bevorzugte den Heinrichplatz, 30 Prozent zogen ein Denkmal oder eine Gedenkinstallation vor, zwölf Prozent wollten gar keine Ehrung im öffentlichen Raum.

Weitgehend einig waren sich zumindest die Bezirksverordneten am Mittwoch über Reisers Verdienste um schwule Emanzipation, ebenso wie für die Bekanntheit eines typisch Kreuzberger Lebensgefühls. Entsprechend gaben die meisten Fraktionen das Abstimmungsverhalten für ihre Mitglieder frei. Am Ende wurde für die Umbenennung 27-mal mit Ja und achtmal mit Nein gestimmt. Es gab zwölf Enthaltungen.

Zur Person

Rio Reiser wurde am 9. Januar 1950 in Berlin geboren. Bevor er sich einen Künstlernamen gab, hieß er Ralph Christian Möbius. Nachdem er eine Fotografenlehre abgebrochen hatte, gründete er 1970 die Band Ton Steine Scherben. Sie spielte rauen Rock’n’Roll, der sich durch Reisers mal politische, mal poetische Texte auszeichnete. Zeilen wie „Keine Macht für niemand“ und „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ wurden zu populären Slogans. In seinen Solo-Jahren schrieb er Radio-Hits wie „König von Deutschland“. Reiser starb 1996 in Fresenhagen (Nordfriesland).