Drogenhandel

Görlitzer Park: Anwohner haben Angst vor Dealern

Trotz der zwei mobilen Wachen verkaufen die Dealer weiterhin Drogen im Görlitzer Park. Anwohner berichten von Beschimpfungen.

Zwei mobile Wachen stehen seit Anfang des Monats regelmäßig im Park.

Zwei mobile Wachen stehen seit Anfang des Monats regelmäßig im Park.

Foto: Patrick Goldstein

Sie waren beim Innensenator und bei der Polizeipräsidentin. Deren Konzepte für den Görlitzer Park fanden sie viel versprechend. Dennoch bleiben Anwohner Barbara Giese* und Stefan Jahn* skeptisch. „Was in den vergangenen Jahren zugelassen wurde, lässt sich nicht zurückdrehen“, sagt Giese, die am liebsten fortziehen würde. Auch Jahn hat die Geduld verloren: „Die Stadt muss hier die öffentlichen Räume zurückholen, die sie jahrelang der Organisierten Kriminalität überlassen hat.“

Jahn und Giese sind Zufallsbekanntschaften, beide Mittfünfziger und als Hochschullehrer beschäftigt, zwei von rund 70 Anwohnern, die miteinander in Kontakt getreten sind, weil sie das, was am und im Park läuft, nicht mehr hinnehmen wollen.

Anfang des Monats hatte die Berliner Polizei immerhin die Zahl der Mobilen Wachen im Park von einer auf zwei erhöht. Ein Sprecher betont aber, dass Wagen und Besatzung nicht für Einsätze dort sind, sondern um „präsent zu sein“, möglicherweise eine Anzeige aufzunehmen und ein „Gefühl der subjektiven Sicherheit zu vermitteln“.

Wenn das abendliche Hauptgeschäft der Dealer beginnt

Auf die Wachen angesprochen, sagt Giese, dass die Dealer sich nur dort, wo die Wagen gerade stehen, nicht blicken lassen. Vor Ort war dies etwa Mitte der Woche zu erleben: Während im oberen Teil des Parks zwei Polizeiautos parkten, herrschte schon ab der Mitte, Höhe Falckensteinstraße ein ganz normaler Handelstag. Die jungen Afrikaner sprachen Passanten an, im Park bereits aus der Ferne. „Gegen 16.30 Uhr zieht die Polizei ab“, sagt Jahn kopfschüttelnd. Genau dann, wenn das abendliche Hauptgeschäft der Dealer beginne.

Und es sei schlimmer geworden im vergangenen halben, dreiviertel Jahr, sagt er. Es gebe mehr Dealer und viele stünden selbst zunehmend unter Drogen. Viele hätten wohl durch Kriegserfahrung in der Heimat und auf der Flucht psychisch Schaden genommen.

„Die bräuchten Behandlung. Statt dessen knallen sie sich ihre eigenen Sachen rein“, sagt Jahn. „Über den Tag verlieren sie zunehmend die Kontrolle über sich. Es wird gegrölt, die gehen aufeinander los.“

Stimmen im Treppenhaus

Wo früher das Gewicht auf dem Verkauf von Cannabis lag, bekomme er jetzt auch Kokain angeboten. „Die Stimmung in der Nachbarschaft kippt“, sagt er. Eine Familie ist wegen der Dealer fortgezogen. Vor Gieses Wohnungstür ließen sich neulich Nacht zwei Fremde im Treppenhaus nieder, redeten über Polizei und Verkäufe, rauchten ihren Joint. „Und als die Polizisten kamen, die ich gerufen hatte, nahmen sie nicht einmal die Personalien auf.“

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Unlängst war ihre Mutter mit dem Auto dort. „Als sie losfahren wollte, eilte plötzlich ein Dealer herbei und holte sich seine Drogen zurück, die er auf einem Rad des Wagens unter dem Kotflügel zwischengelagert hatte“. Jahn ist es inzwischen unangenehm, wenn ihn seine Eltern von auswärts besuchen. Gieses Kollegen schauen sie schief an, wenn sie erzählt wo sie wohnt. „Die leben in Charlottenburg, in Dahlem, und ich schäme mich und denke: Du hast die Kurve nicht gekriegt.“

Vorbei an einem Spalier von Männern

Statt durch den Park zum Bus zu laufen, geht sie jetzt drumherum. „Am Ausgang stand zu oft ein Spalier von Männern, die einen anmachen“, sagt sie. „Wenn man sich das verbittet, schreien die einem ‘Nazi’ hinterher.“ Eine Bekannte mache abends nach Betreten der Wohnung nicht gleich das Licht an, damit man von draußen nicht verfolgen kann, in welcher Etage sie wohnt.

Jahn sagt: „Man checkt und scannt schon bei Verlassen des Hauses pausenlos, wer wo steht, wer von denen wie drauf ist, was von denen zu erwarten ist.“ Darum ist es den beiden wichtig, in der Berichterstattung durch kein Detail identifizierbar zu sein.

„Mit Massivität und Präsenz da rein“

Im Oktober waren sie mit anderen Anwohnern bei Innensenator Andreas Geisel (SPD). „Er werde das Problem in den Griff bekommen, sagte er uns“, so Giese. Geplant ist unter anderem, ab Januar 2020 zusätzlich 60 Nachwuchspolizisten für drei Schwerpunktorte von Kriminalität im Bezirk einzusetzen, bis Mai 2020 sollen es 125 sein. „Die Polizeipräsidentin sagte uns, die Situation sei tatsächlich unzumutbar“, so Giese.

„Was jetzt kommen muss, sind Maßnahmen, die nachhaltig die Dealer vertreiben. Nicht nur schnell mal für drei Monate“, meint Jahn. Giese sagt: „Ich will, dass hier gesetzliche Vorgaben durchgesetzt werden. Die Stadt muss mit Massivität und Präsenz da rein, mit Polizei, Ordnungsamt und sicher auch Sozialarbeit.“ Weniger reiche nicht. Das Problem im Park sei zu lange vernachlässigt worden.

Law & Order-Typen

Am Ende sagt Jahn, in einem Nachgedanken, dass es ihn furchtbar ärgere, dass ihn die Nachlässigkeit der Politik „zu einem Law & Order-Typen macht - der ich gar nicht sein will“. Dabei sehe er sich politisch „eher links“. Aber das hatte ihm schon eine Anwohnerin bei seinem Einzug am Park prophezeit: Die Situation dort werde ihm sein „Linkssein“ schon austreiben.

(*Namen von der Redaktion geändert)