Strausberger Platz

Haus wird verkauft: Mieter suchen sich Investor

Als ihnen hohe Mieten und Verkauf drohte, suchten sich die Mieter vom Strausberger Platz einen „Investor mit Herz“.

Noch mal Glück gehabt: Sylvia Dornbusch (l.) und Yvonne Sonnet (52) ausdem Haus am Strausberger Platz 12

Noch mal Glück gehabt: Sylvia Dornbusch (l.) und Yvonne Sonnet (52) ausdem Haus am Strausberger Platz 12

Foto: Patrick Goldstein

Rund 30 Mal hat Friedrichshain-Kreuzberg bisher sein Vorkaufsrecht gezogen, die Menschen in gut 700 Wohnungen wurden so vor drohenden Extrem-Mieten bis hin zum Verkauf ihrer vier Wände bewahrt. Die Mieter im Haus am Strausberger Platz 12 in Friedrichshain halfen sich selbst.

Als sie erfuhren, dass ihr Haus auf dem Markt ist, suchten sie via Medien einen „Investor mit Herz“. Der fand sich in Person des deutschlandweit bekannten Unternehmers Michael Kölmel.

Am Freitag vor Pfingsten dieses Jahres erhielten die rund 60 Mieter im Haus die Mitteilung: Ihre Wohnung wird verkauft, bitte lassen Sie Besichtigungen zu. Mieterin Sylvia Dornbusch, 57, brachte in Erfahrung, dass die Kinder des langjährigen Eigentümers das Haus loswerden wollten. „Im Internet fanden wir es für 6,9 Millionen Euro inseriert“, sagt ihre Nachbarin Yvonne Sonnet, 52.

„Als ob man mir den Boden weggezogen hätte“

Mancher ließ sich eilig ausrechnen, was der Kauf der eigenen Wohnung kosten würde. Sonnet kam für ihre 2-Zimmer-Wohnung mit 65 Quadratmetern auf 246.000 Euro. Aus familiären Gründen kann sie nicht weit fort vom Strausberger Platz. „Aber vergleichbare Wohnungen kosten hier statt meiner 600 Euro gleich 1000 Euro“, sagt sie. Nüchtern räumt sie ein: „Die Eigentümer machten mit einem Verkauf ja nichts Verbotenes, die Regeln sind halt so.“ Sylvia Dornbusch dagegen sagt: „Die Nachricht war für mich, als ob man mir den Boden weggezogen hätte.“

Im Haus, in dem Menschen unterschiedlichster Berufe und Jahrgänge leben, wo der eine die Katze des anderen bewacht und Nachbarn Schlüssel und Aufgaben füreinander übernehmen, wurde zügig eine Anwohnerversammlung einberufen. Zwischen Zornesbekundungen und in ängstlicher Stimmung entstand die Idee: „Suchen wir uns doch selbst einen Käufer.“

Das Haus binnen sechs Wochen loswerden

Die Zeit drängte. Der Makler der Eigentümer sagte, sie wollten das Haus binnen sechs Wochen loswerden. Während deren Kauf-Interessenten durch die Wohnungen streiften, „hier eine Tür öffneten, dort lautstark darüber diskutierten, wie und wo sie etwas umbauen werden“, so Sonnet, verbreiteten die Mieter über die Medien ihre eigene Suche nach einem Käufer, einem „Investor mit Herz“, wie sie sagten. „Sogar Bekannte in San Francisco erfuhren davon“, sagt Sonnet.

Tatsächlich gab es bald über ein Dutzend Rückmeldungen, fünf bekundeten ernsthaftes Interesse und einer schickte einen 14-seitigen Fragekatalog, etwa wer wo wie lange wohnt.

Michael Kölmel: Ein Unternehmer mit Geschichte

Der es da so genau wissen wollte, war Michael Kölmel. Ein Unternehmer mit Geschichte. Der 65-jährige Karlsruher mit Wohnsitz Leipzig ist Gründer von Filmverleih „Kinowelt“, Video/DVD-Label „Arthaus“, Wirtschaftsmagazin „Finanzen“, wurde wegen Wirtschaftsdelikten 2004 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, bewahrte 1998 Berlins 1. FC Union vor der Pleite, war bis 2016 Eigentümer des Leipziger Zentralstadions und ist derzeit in Leipzig Geschäftsführer des „Weltkino“ Filmverleihs.

Investor Kölmel spricht ohne viel Pathos von seiner Entscheidung. Er sagt, er habe von den Sorgen der Mieter aus den Medien erfahren. „Ich hörte, dass die in der Patsche sitzen. Da habe ich mich gemeldet“.

Er ist Wirtschaftsmann genug, nicht aus reinem Idealismus gekauft zu haben. Das Haus habe schon seinen Wert. So sei es als Teil des Ensembles an der Karl-Marx-Allee ein „Hotspot von Architektur- und Fotoszene. Es ist im Gespräch, zum Weltkulturerbe erklärt zu werden“. Zudem sei der Bau gut renoviert und Rücklagen gebe es auch.

Nicht immer nur auf die Rendite schauen

Unabhängig vom Kauf des Gebäudes ist Kölmel daran interessiert, zu wiederholen, woran er selbst Teil hatte. „Die Rechte am Webseiten-Namen investormitherz.de habe ich mir gesichert.“ Dort wirbt er jetzt dafür, es ihm gleich zu tun. „Ich wollte mit meinem Kauf ein Beispiel geben, nicht immer nur auf die Rendite zu schauen.“ Kölmel zielt dabei etwa auf Menschen, die geerbt haben, „die das Geld möglicherweise nicht dringend brauchen“. Er sei fest überzeugt, dass es in Deutschland „Leute gibt, die sagen: Mieten sind etwas Existenzielles, dadurch können Menschen in Not geraten“.

In Berlin, wo sich die Politik erhofft, mit einem Mietendeckel ein Stück Normalität zurückbringen, klingt die Perspektive Kölmels fast märchenhaft: „Wir wenden uns an Investoren, die akzeptieren, ein bisschen Miete zu bekommen, ohne alle Möglichkeiten auszureizen“, sagt Kölmel.

Keine Kündigung für Menschen über 65 Jahre

Das ist auf Kölmels Webseite in vier Grundsätzen formuliert. Ein „Investor mit Herz“ muss bereit sein, bei Kauf für fünf Jahre auf eine Erhöhung der Kaltmiete zu verzichten. Zehn Jahre lang darf es keine Eigenbedarfskündigung geben.

Überhaupt keine Kündigung soll erhalten, wer über 65 Jahre alt ist. Dies sind die Maximen, die Kölmel auch den Mietern am Strausberger Platz versprochen hat. Zudem muss der Käufer das jeweilige Gebäude aus eigener Tasche zahlen, um nicht von Fonds und Banken abhängig zu sein, die indirekt höhere Mieten erzwingen könnten.

Die Initiative habe erste Erfolge, sagt Kölmel. „Es haben sich schon einige gemeldet, die ebenfalls investieren wollen.“ Daneben gebe es Mieter, die in der selben Situation sind wie die Mieter vom Strausberger Platz und über die Seite einen Retter suchen.

Gereizte Stimmung in der Stadt

Nach der Zukunft des Berliner Mietmarktes gefragt, zeigt sich Kölmel trotz täglicher dramatischer Meldungen und einer gereizten Stimmung in der Stadt, abwartend. „Man hat mit dem Mietendeckel eine Bremse angelegt, um Zeit zu haben, die Situation zu überdenken, ohne von der Entwicklung überrollt zu werden“, sagt er. „Es gibt natürlich Städte in Europa, in der die Mieten viel höher liegen. Aber es besteht die Gefahr, dass dies auch in Berlin geschieht.“