Coworking

Nach Google-Absage - Neues Leben im Kreuzberger Umspannwerk

Eva Mörchen ist Chefin einer nicht ganz typischen Arbeitsplatz-Vemietung im Kreuzberger Umspannwerk.

Geschäftsführerin Eva Mörchen bietet Raum für faire Projekte.

Geschäftsführerin Eva Mörchen bietet Raum für faire Projekte.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Statt - wie einst geplant - für den Internetgiganten Google wird im ehemaligen Umspannwerk in Kreuzberg seit diesem Monat nun still und unauffällig für wohltätige Organisationen gearbeitet. Von Kinderprojekten bis zur Umschulung blinder Frauen geht es der betterplace Umspannwerk GmbH (bUm) unter Geschäftsführerin Eva Mörchen jetzt auf zwei Etagen nicht um Kommerz sondern Mitmenschlichkeit und Anteilnahme.

Die Vorgeschichte kennt Mörchen, 34, nur aus der Ferne. Im Kiez sorgte das, was ursprünglich im Umspannwerk vorgesehen war, für einen Riesenärger, der auch die Landespolitik beschäftigen sollte. Unter dem Titel „Google-Campus“ war im Gebäude an der Ohlauer Straße ein Coworking-Space zur Förderung von Start-up-Unternehmen vorgesehen.

Der Konzern hatte die Pläne im November 2016 mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) bekanntgegeben. Anwohner und Aktivisten sahen darin die Gefahr, dass ihr Viertel durch den Zuzug derart aufgewertet werden würde, dass sich Wohn-, Gewerbe- und Mietstruktur noch mehr zu ihren Ungunsten verändern würden. Im Baugenehmigungsverfahren stellte das Bezirksamt klare Forderungen, erlaubte etwa statt eines beantragten Coworking-Areals nur einen offenen Begegnungs- und Café-Bereich.

In unerträglicher Lautstärke mit Musik beschallt

Die Gegner waren bei ihren Demonstrationen nicht zimperlich. Sie demonstrierten vor dem Gebäude, beschallten den Ort einmal im Monat in unerträglicher Lautstärke mit Musik. Im September 2018 gab es eine kurzzeitige Besetzung, die durch die Polizei beendet wurde.

Im Oktober vor einem Jahr teilte Google dann überraschend mit, dass man den Kreuzberger Standort noch vor dessen vollständigem Ausbau als Sitz aufgeben werde. Dafür würden das gemeinnützige Kreuzberger Sozialunternehmen Betterplace und die Sozialgenossenschaft Karuna die Räume für fünf Jahre kostenlos nutzen. Betrieben wird der Ort von Mörchens bUm-Team.

Auf 2500 Quadratmetern gibt es rund 80 flexible Arbeitsplätze, Veranstaltungsflächen und Konferenzräume zur gemeinschaftliche Nutzung. Von diesem Monat an ist auch eine Kantine vorgesehen mit bezahlbaren Preisen. Weiter hinten im Untergeschoss gibt es eine Teeküche für jedermann, die mit einem sympathischen Durcheinander von Geschirr und unterschiedlichen Getränke- und Lebensmittelpackungen WG-Flair hat.

Fremdkörper im Kiez

Den Fehler, wie Google als Fremdkörper in den Kiez zu kommen, wollte Eva Mörchen nicht wiederholen. So lud sie im September zum Grillen ins Gebäude. Rund 50 Anwohner und Neugierige kamen, ließen sich durch das Gebäude führen, unterhielten sich mit den Betreibern.

Voraussetzung, einen Raum buchen zu können, ist es, einer nicht-gewinnorientierten Organisation anzugehören. Eventmanager Marcel Faska, einer der vier Mitarbeiter im bUm, hat für November schon mal elf Buchungen akquiriert.

Von den günstigen Räumen sollen Menschen und Vereinigungen profitieren, die sich sozial engagieren und für positiven gesellschaftlichen Wandel einsetzen, so die Betreiber. Der Zugang wird dabei nicht pro Team sondern pro Person berechnet.So kostet ein Tagespass sechs Euro, die Nutzung pro Monat und Jahr 45 und 450 Euro. „Es gab Organisationen, die sagten, wie günstig die Preise sind. Darum haben wir zu den üblichen Gebühren auch Preise aufgeschrieben für jene, die in der Lage sind, mehr zu bezahlen - natürlich freiwillig“, sagt Mörchen. Für den Monatspass beträgt der Solipreis dabei 60 Euro.

„Ganz schnell Gewinn machen“

Um die geringen Gebühren zu finanzieren, können anteilig auch kommerzielle Unternehmen ins bUm. Sie haben Zugriff auf zehn bis 20 Prozent der Flächen, zahlen allerdings die marktüblichen Preise. Für den Jahrespass sind das beispielsweise 1500 Euro, der Veranstaltungssaal des Auditoriums für 200 Personen kostet 3500 Euro pro Tag. Laut Mörchen haben bisher 14 Organisationen Jahrespässe reserviert oder gebucht. Darunter ist etwa „Discovering Hands“, wo blinde und sehbehinderte Frauen in der Untersuchung von Brustkrebsfrüherkennung geschult werden. Auch eine Musikakademie für geflüchtete Kinder ist Mieterin.

„Wir haben hier nicht das klassische Start-up-Denke: Ganz schnell Gewinn zu machen“, sagt Mörchen. Davon zeugen auch Hausregeln, die sich wohl in kaum einem Coworking-Space finden: In die augenzwinkernd „Goldene Grundsätze des Miteinanders“ genannten Gebote haben sie und die Kollegen hineingeschrieben, dass man sich im Haus grüßt, sich mit Namen anspricht und nachfragt, wenn man diesen noch nicht kennt. „Sprich mit jemandem, der nicht zu deinem Team gehört“, lautet ein weiterer Grundsatz, ein anderer mahnt: „Wenn uns etwas stört, sprechen wir dies freundlich, ohne Vorwürfe und Schuldzuweisung an“.

Mag der wirtschaftliche Verlust und Image-Schaden für Friedrichshain-Kreuzberg im vergangenen Jahr beklagt worden sein: Mit seinen nicht-kommerziellen Zielen und der Rückkehr zu einer oft vermissten Umgangskultur könnte sich das neue bUm an der Ohlauer Straße als Bereicherung für den Bezirk erweisen.