Mieten

Kita-Eltern kämpfen gegen Verdrängung

Die Mütter und Väter aus der Kindertagesstätte „Trau Dich“ an der Eisenbahnstraße haben nur noch bis Jahresende Zeit, sich zu wehren.

Raus bis zum 31. Dezember: Vier Eltern aus der Kreuzberger Kita "Trau Dich" mit ihren Kindern.

Raus bis zum 31. Dezember: Vier Eltern aus der Kreuzberger Kita "Trau Dich" mit ihren Kindern.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Das Jugendamt hat ihnen geraten, sich einen Plan B zurecht zu legen. Und besser auch einen Plan C. Dennoch hoffen die Eltern von 22 Kindern der Kreuzberger Kita „Trau Dich“, dass ihre Charlottenburger Vermieterin ihnen eine Chance gibt und doch noch einem Fortbestand über dieses Jahr hinaus zustimmt.

Am Donnerstag wollen sie vor das Wohnhaus der Eigentümerin ziehen und dort lautstark protestieren. „Denn seit wir von ihren Plänen wissen, kommen wir nicht an sie heran“, sagt Mathias, 43, einer der Eltern, die sich an diesem Montagmorgen im Tobe-Raum der Kita an der Kreuzberger Eisenbahnstraße, nahe der Markthalle Neun, eingefunden haben.

Briefe und selbst ein persönlicher Besuch bei der Verwaltung halfen nicht, sagt neben ihm der 50-jährige Ruppert. Obwohl er auf sein Klingeln hin hinter der Wohnungstür Bewegung gehört habe, sei ihm nicht geöffnet worden. „Es ist deren gutes Recht, zu erklären, man wolle jemand neues in seinen Räumen. Aber für uns wäre ein Gespräch über einen Aufschub wichtig gewesen.“

Trauerfall in der Familie

Dabei gibt es „Trau Dich“ schon seit 25 Jahren. Durch eine Toreinfahrt gelangt man auf einen wild bewachsenen rauen Hinterhof, mit Fahrrädern, Kinderwagenanhängern und Blick in die 190 Quadratmeter der Kita im Erdgeschoss. Leiterin Tina (58) ist eine der Gründerinnen des Trägervereins. Doch nach einem Trauerfall in der Familie wird sie von Berlin nach Baden-Württemberg umziehen müssen. In Folge wird es auch den Verein nicht mehr geben.

„Wir dachten bei der Nachricht im September, dass es nun wahnsinnig schwer wird, einen neuen Träger zu finden“, sagt Mathias. Stattdessen gab es von der Kitaaufsicht grünes Licht fürs Weitermachen, dann vom Jugendamt und schließlich fand sich sich ein Träger. „Nur der Kontakt mit der Eigentümerin kam nicht zustande“, sagt Ruppert. Leiterin Tina war verwundert. „Wir hatten bis dahin ein gutes Verhältnis. Wenn sie hier war, sagte sie immer, wie sehr ihr alles gefalle.“

Schweren Herzens gekündigt

Die Eltern waren ungewiss und Chefin Tina saß in der Zwickmühle: Würde sie nicht fristgemäß zum 31. Dezember 2019 kündigen, liefe das Mietverhältnis weiter. Andererseits würde sie so die Eltern um ihre Räume bringen, ohne dass es eine Perspektive auf Fortsetzung von „Trau Dich“ gäbe. Am Ende kündigte sie schweren Herzens, aber mit dem Verständnis der Eltern.

„Erst dann gab es Resonanz. Von Seiten der Vermieterin wurde die Kündigung bestätigt“, sagt Mathias. „Aber auch verdeutlicht, dass ein Fortbestand mit neuem Träger nicht erwünscht sei und dass alle Kita-Einbauten verschwinden müssen. Wenn nicht, werde man das kostenpflichtig selbst erledigen.“

„Selbst die Sparkasse ist weggezogen“

Bald sei ein Makler erschienen, habe Fotos gemacht und erklärt, in die Kita kämen Büros, sagt Mathias – und trotz der ernsten Lage müssen er und die anderen Eltern im Tobe-Raum da schmunzeln. „Wie die Vermieterin das umsetzen will, ist uns nicht klar“, sagt er.

Im Haus gäbe es schon seit langem Leerstände, der Bau sei in schlechtem Zustand und auf Beschwerden reagiere die Verwaltung nicht. Die Eltern hätten deshalb während der vergangenen Jahre alle Arbeiten in den Räumen lieber gleich selbst erledigt. „Wie will die Eigentümerin hier Büros hineinbekommen, wenn sie bereits mit den jetzigen Zuständen im Haus überfordert ist?“, sagt Mathias.

Zurück bleibt für die Mütter und Väter das Problem, wo sie ab Januar ihre Kinder unterbringen sollen. Bis sie bei „Trau Dich“ angenommen wurden, hatten beispielsweise Mathias und seine Partnerin eine Liste mit 80 Kitas durchgearbeitet. Nach den bereits hoch angesetzten elf Euro kalt pro Quadratmeter der Kindertagesstätte suchen die Eltern dieser Tage nach neuen Räumen.

„Aber an der Ecke hier ist selbst die Sparkasse ausgezogen, die Post im Kiez ist weg. Das sind Mieten von 20 Euro, die eine Kita gar nicht zahlen kann“, sagt Ruppert. Die Empfehlung des Jugendamts, sich Alternativen zu suchen, falle da schwer. Für Plan B und C bleibt immer weniger Freiraum im Bezirk.