Auszeichnung

Amerika Gedenkbibliothek ist beste deutsche Bibliothek

Die Zentral- und Landesbibliothek beherbergt nicht nur Bücher, sondern auch digitale Medien. Besuch in der Amerika Gedenkbibliothek.

ZLB-Direktor Volker Heller in der Amerika Gedenkbibliothek am Blücherplatz in Kreuzberg.

ZLB-Direktor Volker Heller in der Amerika Gedenkbibliothek am Blücherplatz in Kreuzberg.

Foto: David Heerde

Im Sekundentakt durchschreiten Menschen die gläserne Pforte. Sie gehen an der steinernen Gedenktafel vorbei, auf der der dritte US-Präsident Thomas Jefferson mit den Worten „Diese Gründung beruht auf der unbegrenzten Freiheit des menschliches Geistes“ zitiert wird.

Amerika Gedenkbibliothek hat 1800 Quadratmeter große Lesehalle

An den daneben liegenden Rückgabeautomaten haben sich kurze Schlangen gebildet. Die meisten Besucher der Amerika Gedenkbibliothek (AGB) – dem Kreuzberger Standort der Zentral und Landesbibliothek Berlin (ZLB) – steuern aber direkt die rund 1800 Quadratmeter große Lesehalle im Erdgeschoss an.

Dort stöbern sie zwischen den Regalen in Fachbüchern, Romanen, Comics, DVDs und CDs. „Die haben Bestände hier, die sind unglaublich“, schwärmt Pit Mischke. Allein 700 Titel würden sich mit Georgien befassen. Das habe er vor Reisen dorthin festgestellt. „Alles da“, sagt der 68 Jahre alte Kreuzberger weiter, der seit 45 Jahren regelmäßig in die AGB kommt.

Für viele ist die Bibliothek aber auch ein Ort zum Verweilen, Musikhören und Lesen. An den Gemeinschaftstischen im Kinder- und Jugendbereich im Untergeschoss machen Schüler zusammen Hausaufgaben.

Die rund 70 Sitzplätze an der großen Fensterfront der Lesehalle sind überwiegend mit lernenden Studenten besetzt. Dort sitzt auch Riccardo und schreibt eine Bewerbung. „Wenn andere Menschen um mich herum arbeiten, kann ich mich besser konzentrieren“, sagt der 24-Jährige. Er käme zweimal pro Woche – zumeist um seine Übungen aus dem Deutschkurs zu wiederholen, so der Italiener weiter. „Und außerdem gibt es hier viel italienische Literatur.“

ZLB verfügt über mehr als 3,5 Millionen Medien

Am Donnerstag wird die ZLB zur Bibliothek des Jahres 2019 gekürt. Die Auszeichnung wird alljährlich vom Deutschen Bibliotheksverband und der Stiftung Deutsche Telekom vergeben und ist mit 20.000 Euro dotiert.

Die Jury würdigte einstimmig den Modernisierungsprozess, denn die ZLB in den vergangenen Jahren beschritt. „Wir haben uns unglaublich gefreut“, sagt ZLB-Direktor Volker Heller. Eine Bestätigung, dass man auf dem richtigen Weg sei.

In der AGB, dem Archiv in Moabit und der Berliner Stadtbibliothek (BStB) in Mitte verfügt die ZLB über mehr als 3,5 Millionen Medien. Damit ist sie die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands. Die 1949 von den USA als Symbol der Meinungsfreiheit gegründete AGB ist mit 7000 Quadratmetern zwar deutlich kleiner als die 26.000 Quadratmeter große BStB.

Während dort aber vor allem wissenschaftliche Literatur ein eher akademisches Publikum anzieht, locken die geisteswissenschaftlichen Fachgebiete, schönen Künste, Belletristik, Filme, Musik und die Artothek mehr Menschen nach Kreuzberg.

Das Publikum bilde den Querschnitt der Bevölkerung ab, so Heller weiter. Der Standort, der einst für 500 Besucher am Tag gebaut wurde, zählt mittlerweile das Siebenfache dessen. Platz ist rar. Abhilfe schaffen auch mobile Toiletten, die vor dem Haupteingang aufgestellt wurden.

Die ZLB nennt sich die bestbesuchte Kultureinrichtung Berlins. „Ich würde sogar sagen mit Abstand“, sagt Heller. In den vergangenen fünf Jahren sei die Besucherzahl von jährlich 1,2 auf 1,5 Millionen gewachsen. „Das ist ein Zeichen, dass wir das tun, was die Menschen von uns erwarten.“

„Das Buch ist nur eines der Mittel zum Zweck“

Die Auszeichnung als beste deutsche Bibliothek würdigt vor allem die Veränderungen, die es seit 2015 in der ZLB gab. Eine Bibliothek sei nicht mehr ausschließlich ein Ort für Bücher, sagt Heller. „Das Buch ist nur eines der Mittel zum Zweck, und der Zweck ist: Wir wollen Wissen teilen.“ Entsprechend gebe es Veranstaltungen, Menschen sollen sich austauschen. Um dafür Raum zu schaffen, habe man Regale zur Seite schieben müssen. „Und man muss auch zulassen, dass es nicht immer nur leise ist.“

Konkret wurde auch die Arbeitsweise der rund 300 Mitarbeiter rationalisiert. Das Zurückstellen der Medien in die Regale übernehmen seit zwei Jahren Mitarbeiter der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Das Anschaffen neuer Medien wurde an einen Dienstleister vergeben. „Die gewonnene Zeit unserer Mitarbeiter ist so für die Arbeit mit unserem Publikum frei geworden“, sagt Heller.

Mitarbeiter beraten bei Onlineangelegenheiten

Digital verfolgt die ZLB zwei Strategien. Zum einen haben Besucher den Zugang zu kostenpflichtigen Datenbanken – auch von zu Hause aus. „Wir bieten Zugänge, die sich Menschen sonst kaum erschließen können, etwa weil sie zu teuer sind.“

Außerdem gebe es mittlerweile ein Streamingportal mit rund 2000 Filmen. Daneben geht es darum, Menschen die Teilhabe an der digitalen Welt zu ermöglichen. Jüngst ergab eine Studie des Digitalbranchenverbands Bitkom, dass 20 Prozent der Deutschen sich nicht souverän im Internet bewegen können. Gleichsam stellen immer mehr Banken, Unternehmen und Verwaltungen auf digitale Kommunikation um – auch das Finanzamt. Die ZLB bietet jedes Jahr um den Abgabetermin der Steuererklärung Beratungen zu Onlineangelegenheiten an.

Sie finde zwar gut, dass es das gibt, brauche es selbst aber nicht, sagt Besucherin Elke. Sie komme regelmäßig um „ganz klassisch“ etwas auszuleihen oder zu stöbern. „Man bekommt alles in ruhiger, schöner und angenehmer Atmosphäre“, sagt die 46 Jahre alte Neuköllnerin und zeigt, was sie sich ausgesucht hat: zwei Filme von Ulrich Seidel sowie CDs von Fleetwood Mac und Spliff.