Seniorenvertreter

Die Probleme von Senioren in Friedrichshain-Kreuzberg

Friedrichshain-Kreuzberg ist mehr als Party, Latte macchiato und Eltern-Sorgen: Seniorenvertreter kämpfen für Interessen ihrer Generation.

Dieter Kloß, Vorsitzender Seniorenvertretung Xhain

Dieter Kloß, Vorsitzender Seniorenvertretung Xhain

Foto: Patrick Goldstein

Am Ende kommen sie auf das zu sprechen, was in ihren Augen Auslöser der Misere ist: Ein überbordender Egoismus, sagt der eine. Nur der altvertraute ewige Generationenkonflikt, sagt der andere. Drei Männer sind in einem Traditionscafé an der Friedrichshainer Karl-Marx-Allee zusammengekommen, um zu erzählen, was im jungen Trendbezirk meist niemand hören will. Davon, dass die Stadt nicht nach ihren Bedürfnissen gebaut wird. Davon, immer wieder vertröstet zu werden. „Ich fühle mich an den Rand gedrängt“, sagt der 65 Jahre alte Joachim Konieczny. Und spricht damit für die Kollegen am Tisch.

Die Herren, die im „Café Sibylle“ anfangs bei der Bestellung der Getränke breit grinsend darüber scherzen, wie schlecht sich die georderte Cola auf ihren späteren Mittagsschlaf auswirken werde, sind ehrenamtliche Mitglieder der 17 Frauen und Männer zählenden Seniorenvertretung Friedrichshain-Kreuzberg. Gemäß Mitwirkungsgesetz sollen die im Fünfjahresturnus gewählten Bürger eine aktive Beteiligung Berliner Senioren am sozialen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben fördern.

Respektvoll weist ihnen das Gesetz die Aufgabe zu, „dabei Erfahrungen und Fähigkeiten zu nutzen, die Beziehungen zwischen den Generationen zu verbessern, die Solidargemeinschaft weiterzuentwickeln“. Ihr Mitwirken soll „den Prozess des Älterwerdens in Würde und ohne Diskriminierung unter aktiver Eigenbeteiligung der Berliner Seniorinnen und Senioren“ gewährleisten. In der Realität wären sie schon froh, wenn sie seitens der Bezirkspolitik gelegentlich Updates bekämen, wie es denn bei der Umsetzung ihrer Forderungen aus den Ausschüssen vorangeht.

Verstorben, bevor die neue Wohnung gefunden war

Um zu erfahren, was die Menschen ihrer Generation brauchen und erwarten, empfangen die Seniorenvertreter regelmäßig in zehn Heimen und Begegnungsstätten zu Beratungsstunden. „Eine Rentnerin brauchte beispielsweise Unterstützung beim Wohnungstausch innerhalb ihrer Wohnbaugesellschaft“, sagt Joachim Konieczny (65), der selbst behindert ist. „Internet, Anträge, eine widerwillige Verwaltung: Das Procedere war nicht seniorenfreundlich“, sagt er. Konieczny und Kollegen gaben Hilfestellung. Doch letztlich verstarb die Frau, bevor die neue Wohnung gefunden war.

Seniorenvertreter sind dabei, wenn Stadtgebiete neu geplant werden. Bei der Begehung im Fördergebiet Friedrichshain-West etwa forderten sie von Vertretern des Planungsbüros, bloß nicht wieder Bordsteinabsenkungen und sanfte Übergänge zur Fahrbahn zu vergessen, mit denen auch Alte sowie Rollstuhl- und Rollator-Nutzer an der Stadt teilhaben können.

Hinzu kommen sogenannte Mobilitätsspaziergänge, Touren durch die Kieze mit den jeweiligen Anwohnern. Da geht es um Hindernisse, die jüngere Menschen nie wahrnehmen würden, die für einen Älteren aber dafür sorgen, dass Einkaufs- und Behördengänge zu Slalomläufen werden.

„Seit Jahren hat sich nichts geändert“

„Wir erfahren von den Senioren, wo Gehwegplatten hochstehen, wo ihnen Reklameaufsteller, Schankvorgärten und Geschäftsauslagen auf dem Bürgersteig den Weg versperren“, sagt Vertreter Rainer Witzel (66). „Mancher winkt dann aber auch ab: Ich komme nicht mehr mit, sagen die, die Missstände haben sich seit Jahren nicht geändert, für mich ist das Zeitverschwendung.“

Den Kontakt zur Bezirkspolitik halten Seniorenvertreter in den Ausschüssen der Bezirksverordnetenversammlung, wo ihnen Sitze zustehen. „Aber wir haben kein Antragsrecht“, beklagt Dieter Kloß (72), Vorsitzender der Seniorenvertretung. Kollege Witzel etwa forderte im jüngsten Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Verkehr und Immobilien bei der Neuplanung von Straßenverläufen, Ampelschaltungen so zu verlängern, dass Senioren in einem Gang auf die andere Straßenseite gelangen, statt auf der Mittelinsel in den Autoabgasen verharren zu müssen.

Ein weiteres Problem laut Witzel: „Unterbelichtete Straßen Die Seitenstraßen der Karl-Marx-Allee etwa sind im Winter dunkel, hinzu kommen die unebenen Gehwege. Dort bin ich selbst schon gestolpert.“ Senioren halte so etwas davon ab, überhaupt vor die Tür zu gehen.

Zunehmend verschwindet der Einzelhandel für den täglichen Bedarf

Konieczny erzählt, dass die Gehbehinderten aus seinem Block an der Büschingstraße mitunter auf der Fahrbahn laufen, weil sie mit ihren Einkäufen die Höhe der Gehwege nicht schaffen. „Auch, dass an einer Straße wie der Karl-Marx-Allee zunehmend der Einzelhandel für den täglichen Bedarf fehlt und man dafür lange Wege zurücklegen muss, hören wir in den Beratungsstunden.“ Den Wegfall der Postfiliale an der Skalitzer Straße und ihren Umzug in die anderthalb Kilometer entfernte East Side Mall hatten 2018 besonders Senioren beklagt.

„Was nervt“, sagt Witzel, „ist, dass wir auf unsere Forderungen oder Zuarbeiten für Parteien und Bezirksamt keinen Rücklauf bekommen. Wir wünschen uns, dass mitgeteilt wird: Ja, auf die Forderung hin passiert etwas im Amt. Damit man das Gefühl hat, es wird zur Kenntnis genommen, was wir einbringen.“ Seit zweieinhalb Jahren dränge man den Bezirk beispielsweise, bei jeder Baumaßnahme Bordsteine seniorengerecht anzulegen, sagt Kloß und schlägt unvermittelt auf den Tisch. „Aber nichts passiert.“

Es geht ihnen darum, nicht ausgeschlossen zu werden. Teil haben zu können. „Im Vordergrund stehen zu sehr die Autos, die Radfahrer, der Einsatz von Pollern“, sagt Konieczny. „Ich möchte, dass wir Fußgängerhauptstadt werden“, fügt Witzel hinzu. Seine Kollegen am Tisch stimmen zu. Dann eilen die Drei zu ihren nächsten Terminen.