Stadtentwicklung

Was Investoren auf dem RAW-Gelände planen

Nachdem das Projekt „House of Music“ erfolgreich läuft, stellen Eigentümer ein Haus für Film- und Fotografie-Unternehmen in Aussicht.

Wochenende auf dem RAW-Gelände: Wo früher Reichsbahnen ausgebessert wurden, drängen sich die Flohmarktbesucher.

Wochenende auf dem RAW-Gelände: Wo früher Reichsbahnen ausgebessert wurden, drängen sich die Flohmarktbesucher.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Eigenwillige Second-Hand-Mode mit viel 80er-Jahre-Style, portugiesisches Streetfood und Musik aus jedem zweiten Verkaufsstand: Macht das Wetter mit, werden sich an diesem Wochenende wieder die Besucher auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain drängen. Auch hinter den Kulissen herrscht Bewegung: Die Göttinger Kurth-Gruppe zurrt jetzt die Voraussetzungen für die Planung eines Areals fest, das bislang eher durch Partyströme und Kriminalität als für innovative, anwohnerfreundliche Bebauung auffiel.

„House of Music“: Erstes Bauprojekt, das umgesetzt wurde

Das bisher als einziges umgesetzte Bauprojekt auf dem 70.000-Quadratmeter-Geländes ist das „House of Music“. Im April eröffnete die für mehr als zehn Millionen Euro modernisierte ehemalige Radsatzdreherei. Darin befinden sich etwa auf zirka 4200 Quadratmetern Proberäume, die Musikakademie British and Irish Modern Music Institute und der legendäre Mikrofonhersteller Shure.

„Den Anfragen nach könnten wir inzwischen zwei bis drei davon vermieten“, sagt Lauritz Kurth. Die Kurth-Gruppe ist seit viereinhalb Jahren Eigentümer des größten von drei Teilen. Es sei ein weiterer Medienbau denkbar, diesmal für den Bereich Film und Fotografie.

„Nach der Musik etwa ein ‘House of Images’“, sagt Kurth. Schließlich sei ein großer Teil der Nutzung auf dem Gelände für Kultur vorgesehen. „Damit sich das trägt“, laute eine Strategie, der Kulturwirtschaft Räume zu vermieten.

Kultur mit Flohmarkt, Clubs, Freiluftkino und Gastronomie

Kultur mit Flohmarkt, Clubs, Skaterhalle, Freiluftkino und Gastronomie prägen derzeit Bild und Anziehungskraft des Areals an der Revaler Straße. Das Ringen um den Bestand der laut Kurth 65 bis 75 Kunst-, Kultur- und gesellschaftlichen Akteure auf dem Areal fand eine Lösung in der Einbindung der GSE gGmbH.

Diese „Gesellschaft für Stadt-Entwicklung gemeinnützige GmbH“ hat vom Land Berlin den Treuhandauftrag, Objekte zu mieten und zu bewirtschaften, damit bestimmten Bedarfsgruppen Wohn- und Gewerberäume angeboten werden können.

Für die betroffenen Flächen auf dem RAW-Gelände, die sich alle im Bereich der Kurth-Gruppe befinden und wegen ihrer Anordnung auf dem Geländeplan als „soziokulturelles L“ (SKL) bezeichnet werden, wird die GSE Hauptpächter. Gleichzeitig ist die Gesellschaft dann Vermieter der soziokulturellen Gruppen, die in ihr dann einen zuverlässigen Partner haben – mit auf 30 Jahre festgelegten Verträgen.

„Derzeit laufen die Gespräche zwischen diesen Gruppen und der GSE“, sagt der Vorsitzende des Kulturausschusses von Friedrichshain-Kreuzberg, Werner Heck (Grüne). „Unter dem Dach der GSE können die Gruppen dann zukünftig eigene unabhängige Strukturen schaffen“, so Heck, der auch im Bauausschuss sitzt.

„Der Mietvertrag wird gerade ausgearbeitet“, ergänzt Lauritz Kurth. Spätestens Ende des Jahres liege dieser vor. Bis die Projekte dann bei der GSE unterschreiben können, wurden, wo sie ausliefen, Verträge zur Überbrückung geschlossen, so Kurth. Sie variierten von einem Jahr bis Ende 2020.

Ein weiteres Hochhaus im Bereich Warschauer Straße

Im Gegenzug für den Mieterschutz gab die BVV wie berichtet im Juni der Kurth-Gruppe als erste der drei Eigentümer für ihre 52.000 Quadratmeter grünes Licht zum Start des Bebauungsplanverfahrens. Zudem wird den Göttingern eine beachtliche Geschossfläche von 2,9 zugebilligt, das heißt, eine zu bebauende Grundfläche multipliziert mit dem Faktor 2,9. Damit erhält die Gegend um die Warschauer Straße ein weiteres Gebäude von bis zu 100 Metern Höhe.

Kritik am Deal übt Christoph Casper, seit 2013 engagiert bei der Initiative RAW.Kulturensemble, jetzt Sprecher im bezirklich getragenen Stadtteilbüro Friedrichshain. Trotz drei sogenannter Dialogwerkstätten mit Teilnehmern vom Eigentümer bis zum Anwohner im vergangenen Jahr, habe es an der „Einbeziehung der Nachbarschaft“ gefehlt. „Das wird sich rächen, wenn die Pläne konkretisiert werden und die Anwohner feststellen, dass dort ein Hochhaus entsteht.“

Gespräche über ein Schwimmbad

Zweitgrößter Investor ist International Campus (IC). Auf ihren 17.000 Quadratmetern sollen Gebäude für Büros, Coworking, Gastronomie und Einzelhandel entstehen. Im März brachte Niederlassungsleiter Andreas Malich als Bonbon den Bau eines im Bezirk dringend benötigten Schwimmbades ins Gespräch. Anderseits wünscht er sich eine bis zu zehnstöckige Bebauung.

Die große Unbekannte bleiben die Pläne für das kleinste der drei Areale, zwischen Kurth- und IC-Gelände gelegen. Dort befinden sich etwa Veranstaltungsort Badehaus Szimpla und Stadtfahrt-Anbieter Hotrod Tours. Werner Heck sagt, Vertreter der Eigentümer seien durchaus im Ausschuss vorstellig geworden.

„Aber außer, dass sie dort groß bauen wollen, war nicht viel zu erfahren“, so der Bezirksverordnete. „Was von denen kam, war relativ unbefriedigend.“ Die Eigentümer hätten wissen lassen, dass man auf dem Teilstück gern ein Hochhaus errichten wolle, so Heck.

„Allerdings gibt es dafür gar kein Baurecht. Christoph Casper sagt, die Besitzer wollten vermutlich abwarten, wie der Bezirk über die Bauvorhaben – und Bauhöhen – der großen Eigentümer entscheidet, bevor man eigene Pläne vorlegt.

Nach dem Verhältnis zu IC gefragt, spricht Kurth von „nachbarschaftlicher Abstimmung“. Synergieeffekte oder gar gemeinsame Projekte auf dem RAW-Gelände seien dagegen nicht vorgesehen. Und bis ein Bebauungsplan steht, werde es gewiss noch zwei bis drei Jahre dauert, sagt er. Genug Zeit also, und vor allem Platz, für noch viele Flohmarkt-Wochenden an der Revaler Straße.