Verkehr

Poller im Kreuzberger Wrangelkiez aufgestellt

Die Maßnahme soll die Abkürzungsfahrer aus dem Gebiet südlich der Skalitzer Straße verbannen. Die Poller sorgen auch für Kritik.

Im Kreuzberger Wrangelkiez sollen Poller den Verkehr ableiten.

Im Kreuzberger Wrangelkiez sollen Poller den Verkehr ableiten.

Foto: Reto Klar

Berlin. Es ist die neueste Aktion der demonstrativen Kreuzberger Verkehrsberuhigungspolitik: Seit Dienstagmorgen stehen Poller an zwei Stellen im Wrangelkiez. Sogenannte Diagonalsperren an den Kreuzungen von Wrangel- und Falckensteinstraße sowie Wrangel- und Cuvrystraße sollen dafür sorgen, dass Autofahrer das kinderreichen Viertel nicht mehr als Abkürzungsstrecke nutzen. Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne) war persönlich vor Ort, um die Aufstellung der zehn rot-weißen Sperren zu begleiten. Zum Anlass gab es sogar Musik. Schmidt erklärte, nach einem Jahr werde die Maßnahme auf ihre Wirkung überprüft.

Nirgendwo in Berlin wird die von Rot-Rot-Grün angestrebte Verkehrswende so konsequent umgesetzt wie in Friedrichshain-Kreuzberg. Der Bezirk setzt das Berliner Mobilitätsgesetz in den Straßen und Kiezen, die in seiner Verwaltung stehen, zügig um. So wurde probeweise auf der Bergmannstraße die Fahrbahn verengt, auf der Tamara-Danz-Straße in Friedrichshain wurden Radwege mit Kleinpollern gegen parkende Autos abgeschirmt. Und auch im Friedrichshainer Samariterkiez wurde in der vergangenen Woche Diagonalsperren errichtet.

Die Senatsverkehrsverwaltung indes finanziert die Machbarkeitsstudie „Autofreier Wrangelkiez“, die der Bezirk und die Initiative selbst angestoßen hatten. Baustadtrat Schmidt sagt am Dienstag vor Ort, Eingriffe wie diese seien „Pilotprojekte für den ganzen Bezirk“. Kritiker fürchten: für ganz Berlin.

Poller im Wrangelkiez: Entschleunigung vor den Haustüren

In der Wohngegend spricht man weniger von Visionen und gesamtberliner Konzepten. Die Leute wollen vor allem: Entschleunigung vor der Haustür. Dirk Schneising (54) vom Wrangelkiezrat e.V. wohnt dort seit 1982. Er möchte keine autofreie Zone, sondern kämpft für den Erhalt von Parkplätzen. Aber die Diagonalsperren findet er gut. „Wir haben hier ständig Autofahrer, die von der Skalitzer Straße kommen und besonders in Berufs- und Feierabendverkehr rechts in die Wrangelstraße abbiegen, um über die Taborstraße zur Schlesischen Straße nach Treptow zu gelangen. In die andere Richtung: genau das Gleiche.“

Die Sperren kosten rund 15.000 Euro und machen den Kiez keineswegs dicht, sondern leiten Autos fort von der Wrangelstraße. Einzufahren spart nun keine Zeit mehr. Aber Anwohner oder auch die Kunden von Ayse Andics stadtbekanntem Fischgeschäft an der Hausnummer 82 kommen jetzt umständlicher ans Ziel.

Die neuen Poller auf der Wrangelstraße sieht Schneising als Umsetzung einer Forderung, die die Nachbarschaft seit Jahren erhoben hatte. Jetzt müssten Schwellen und Hinweis-Piktogramme auf der Straße folgen. Denn der Wrangelkiez sei eine verkehrsberuhigte Zone, in der Schrittgeschwindigkeit gilt. „Aber das wissen die wenigsten“, sagt Anwohner Peter Zimmermann. Den Effekt der Poller beurteilen die Anwohner unterschiedlich. Markus Becker (47), der mit Kind zur Pollerbaustelle gekommen ist, sagt, allein an diesem Morgen sei schon weniger Verkehr in der abgehenden Cuvrystraße spürbar gewesen. Joana Virgils (31) mahnt, dass trotz Fahrbahnerhöhungen an der nahen Lübbener Straße die „Lkw weiter da entlangbrettern.“ Zudem würden sich zukünftig wohl Radfahrer rasant zwischen den Pollern entlang schlängeln.

Ein Stück von der Poller-Baustelle entfernt schauen jene herüber, die von den Sperren überhaupt nichts halten. Der Besitzer von „Nahkauf“ an der Cuvrystraße, Tuncay Oguz, etwa befürchtet lange Staus. „Ich bekomme drei bis vier Lieferungen täglich. Nun wird aber an der Wrangelstraße permanent in der zweiten Reihe geparkt. Wenn jetzt ein Lieferwagen zu mir kommt, ist die Straße dicht“, so der 60-Jährige, der sein Geschäft seit 1992 führt. „Es gibt in anderen Ländern viel vernünftigere Strategien für Kieze: Etwa Einfahrt nur für Anwohner und Gewerbe – warum geht das nicht hier?“ Bäcker Sirri Inci fürchtet ebenfalls Stau und auch, dass weniger Durchgangsverkehr für weniger Kunden bedeuten. „Ich hätte mir eine Lösung mit Einbahnstraßen gewünscht.“

Stadtrat Florian Schmidt: "Leute wollen das Raue, Wilde erleben"

Manche Anwohnern befürchten, ein verkehrsberuhigter Kiez würde dessen Attraktivität erhöhen und so eine Gentrifizierung vorantreiben. Dem widerspricht Stadtrat Schmidt: „Leute ziehen nach Kreuzberg, um das Raue, Wilde des Ortsteils zu erleben und nicht um der Ruhe Willen.“ Nach 40 Jahren im Kiez sieht Anwohnerin Petra wegen der neuen Verkehrslenkung schwarz. „Noch schaffe ich alles mit der Bahn“, sagt die 65-Jährige, die bis in die Nacht in Schöneberg in der Gastronomie arbeitet. „Aber in absehbarer Zeit brauche ich ein Auto, um voranzukommen.“ Dann durch ein unübersehbares Straßensystem im Kiez zu kommen und lange Wege von einer Parklücke zurückzulegen – „da bin ich überfordert.“