Kündigung

Gerichtsvollzieher schließt Kreuzberger Kult-Späti

Initiativen und Politik hatten sich monatelang für das Traditionsgeschäft an der Oranienstraße 35 in Kreuzberg eingesetzt.

Ora 35 in Kreuzberg: Vor dem geschlossenen Oranien-Späti steht ein Protestpodest, das über den Fall und die Situation im Kiez informiert.

Ora 35 in Kreuzberg: Vor dem geschlossenen Oranien-Späti steht ein Protestpodest, das über den Fall und die Situation im Kiez informiert.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Am Mittwoch war es soweit. Der Gerichtsvollzieher holte den Schlüssel für den Späti an der Oranienstraße 35 in Kreuzberg und zog das Metallgitter herunter. Monatelanger Protest und die Demonstration von rund 100 lautstarken Aktivisten an diesem Morgen hatten nichts genutzt. Familie Tunc ist nun ohne Geschäft. Obwohl Zekiye Tunc und ihre Familie seit mehr als 30 Jahren im Kiez unterschiedliche Läden betrieben.

Wie berichtet, war der Familie gekündigt worden, worauf der Fall vor dem Gericht landete. Unter den Aktivisten auf der Oranienstraße, die zeitweise von der Polizei gesperrt wurde, war Swenja Ritschie von der Kiez-Initiative Ora Nosta. Sie sagte, die Schließung sei Ausdruck einer zweiten Welle der Gentrifizierung in Kreuzberg. Nun würden die Eigentümer-geführten Läden verdrängt zu Gunsten anonymer Filialisten.

Hintergrund: Späti "Ora35": Angst vor der Zwangsräumung

Späti Ora 35 in Kreuzberg geschlossen: Protest geht weiter

„Es ist unglaublich, dass Gewerbetreibende in einem Milieuschutzgebiet wie diesem nicht auch unter besonderem Schutz stehen, wie er für Mieter von Wohnraum besteht“, so die 52-Jährige. Besonders Unternehmer mit Migrationshintergrund seien dabei betroffen. So musste auch Hassan Qadri in diesem Jahr sein Geschäft „Kamil Mode“ am Kottbusser Damm schließen.

Ritschie kündigte an, sich mit Aktivisten im Kiez weiterhin gegen den Austausch alteingesessener Geschäfte zu stemmen. Die Ausstellungsfläche eines sogenannten Protestpodests vor dem zugesperrten Späti hält Passanten und Interessierte derzeit über die Situation an der Oranienstraße mit Informationsmaterial auf dem Laufenden.

Kreuzberger Oranienstraße: „Symptomatisch für unsere Gegend“

Von einem Bericht der „B.Z.“, nach dem in der Türkei auf Zekiye Tunc und ihren Mann in der Türkei angeblich mehrere Dutzend Immobilien eingetragen sind, zeigte sich Swenja Ritschie unbeeindruckt. „Das hätte doch mit der hiesigen Situation der Familie Tunc nichts zu tun: Die werden mit einem Eigentümer-geführten Laden durch hohe Mietforderungen aus dem Kiez gedrängt. Und das ist symptomatisch für unsere Gegend“, so Ritschie.