Durchbruch

Berlins erste Spielstraße auf Zeit in Kreuzberg

Auch Initiativen in anderen Bezirken wollen Fahrverbote zugunsten von Spielzeiten durchsetzen – und landen mit ihrer Forderung vor Gericht

Die drei Politikerinnen in der Mitte hatten sichtlich Spaß an der Eröffnung der Spielstraße: (v.l.) Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz und Verkehrssenatorin Regine Günther (alle: Grüne)

Die drei Politikerinnen in der Mitte hatten sichtlich Spaß an der Eröffnung der Spielstraße: (v.l.) Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz und Verkehrssenatorin Regine Günther (alle: Grüne)

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Man erkannte die Straße nicht wieder. Jungen und Mädchen, die Hula-Hoop-Reifen um ihre Hüften kreisen ließen, wilde Fußballschüsse von einem Bürgersteig zum anderen und überall Kreide-Malereien auf dem Asphalt – kein gewohnter Anblick in der Stadt. Und tatsächlich ist das neu in Berlin: In Kreuzberg wurde am Mittwoch die erste temporäre Spielstraße eröffnet.

Die Neuerung bedeutet, dass bis September mittwochs die Böckhstraße von 14 bis 18 Uhr zwischen Grimmstraße und Graefestraße für den Autoverkehr gesperrt ist. Den Impuls gaben die Anwohner und ihre Initiative „Für eine temporäre Spielstraße im Graefekiez“. Ähnliche Modelle gibt es etwa in Bremen und in Frankfurt am Main. „Die Regelung gilt auch für die folgenden Jahre und ist entsprechend ausgeschildert“, sagte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne). Zur Eröffnung kamen außer ihm auch Verkehrssenatorin Regine Günther, Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann und die Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz (alle Grüne).

„In der Stadt sind sowieso zu viele Autos unterwegs“

Die 41 Jahre alte Anne aus Neukölln war mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn Oskar gekommen. Ein Flyer hatte sie über den außergewöhnlichen Tag informiert und Oskars Kita ist nicht weit entfernt. „Meiner Meinung nach sind sowieso in der Stadt zu viele Autos unterwegs“, sagte sie. „Da will man ständig sein Kind an der Hand halten.“ Die Idee der Spielstraße in einer Metropole findet sie ideal. Ich bin selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen. Da war es ganz normal, auf der Straße zu spielen.“

Verkehrssenatorin Günther sagte, sie hoffe, dieser Tag bilde den Auftakt für viele weitere Spielstraßen in Berlin. „Es ist richtig, dass den Kindern die Straße zurück gegeben wird“, so Günther. Die Umsetzung fordern Familien auch in anderen Bezirken. So gab es im Mai in Pankow eine Demonstration in der Gneiststraße. 150 Anwohner äußerten dort den Wunsch, den Verkehr auszusperren.

Als Veranstalter hatten die Arbeitsgemeinschaft Verkehr der Baugenossenschaft Bremer Höhe und der Grünen-Kreisverband Pankow zeigen wollen, dass eine Wohnstraße mehr sein könne, als nur eine schnelle Durchfahrt für Berufspendler, Transporter und Taxis. „Die zwei Stunden alternative Straßennutzung haben wieder einmal klar gemacht, dass auch Verkehrsstraßen ein lebendiger Ort sein können, an dem Kiezleben stattfindet“, erklärte Patrizia Flores, die Initiatorin der Aktion, damals. Sie sagte: „Wir fordern mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer, für Flaneure und spielende Kinder und werden auch mit weiteren Aktionen dafür sorgen, dass Straßen anders erlebt werden können.“ Eltern forderten Mut zur Durchsetzung von Spielstraßen.

Und auch an der Gudvanger Straße in Prenzlauer Berg wird noch nach Jahren für dieses Ziel gekämpft. Dort geht es um eine vorübergehende Sperrung in Höhe der Hausnummern 16 bis 22. Formell wurde ein solches Projekt an dieser Stelle schon vor vier Jahren beschlossene Sache – und auch schon erprobt. Nach einem ersten Versuch des Models an diesem Ort zeigte sich aber: Nicht alle Anwohner wollten ihre Autos aus dem Sperrgebiet fahren – so landete der Streit um Platz zum Spielen auf der Fahrbahn vor Gericht.

Dann gab es im Juni 2017 zwischen Bezirksamt Pankow und klagenden Anwohnern eine außergerichtliche Einigung vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Nun sollte nur noch einmal im Monat zwischen 14 und 18 Uhr gespielt werden. Umgesetzt habe das Bezirksamt Pankow dieses Vorhaben aber bisher nicht, beklagte Matthias Groh, der Sprecher der örtlichen Elterninitiative.

Zunächst soll eine rechtliche Bewertung der Spielstraße abschließen

Ursprünglich war gefordert, dass die Gudvanger Straße von Mai bis Oktober immer dienstags von 10 bis 18 Uhr für den Autoverkehr gesperrt und zum Spielen freigeben wird. Doch bislang ist das nicht geschehen. Der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) will den Plan zwar weiterhin umsetzen, möchte aber zunächst eine rechtliche Bewertung der temporären Spielstraße zum Abschluss bringen. Es laufe derzeit eine Prüfung, inwieweit die verkehrliche Anordnung erteilt werden kann, sagte er. „Ich habe diejenigen, die geklagt hatten, angeschrieben, und auch wegen der Ferien noch keine endgültige Reaktion bekommen. Aber wir müssen uns noch einmal verständigen“, sagte Kuhn im Interview mit der Berliner Morgenpost.