Sommerserie

Der letzte Weg der Promis führte nach Kreuzberg

Eine Tour zu Familie Mendelssohn und E.T.A Hoffmann auf den Friedhöfen vor dem Halleschen Tor.

Stadtführer Ralph Jakisch vor der Grabstelle für obdachlose Menschen, die Pfarrer Joachim Ritzkowsky initiierte. Auch er liegt hier begraben.

Stadtführer Ralph Jakisch vor der Grabstelle für obdachlose Menschen, die Pfarrer Joachim Ritzkowsky initiierte. Auch er liegt hier begraben.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. „Welch tiefe Ruhe ist über alle Friedhöfe gebreitet! Wenn man dort mit über der Brust gekreuzten Armen liegt, gehüllt in das Leichentuch, dann gleiten die Jahrhunderte vorüber und stören so wenig wie der Wind, der durch das Gras fächelt.“ So elegant beschreibt der französische Romancier Gustave Flaubert den Ort der letzten Ruhestätte. Stille, ein Moment, um dem Gedanken der Endlichkeit Raum zu geben, innehalten – kann das mitten in Kreuzberg funktionieren?

Die Frage stelle ich mir, während ich mit dem Rad in Richtung Mehringdamm unterwegs bin. Großstadt pur – wie einst von den Expressionisten beschrieben: Monsterkreuzungen, auf denen sich Autofahrer und Radfahrer und Fußgänger beschimpfen. Gedrängel auf Bürgersteigen. Touristen, Hipster, Mütter mit Kinderwagen haben nicht dasselbe Gehtempo, Gereiztheit liegt in der Luft.

Eintritt durch den Eingang Zossener Straße. Und tatsächlich – eine fast zauberische Ruhe liegt über der 55.000 Quadratmeter großen Anlage. Hier wartet Ralph Jakisch, Experte für Historische Stadtführungen, der uns zwei Stunden lang begleitet und viel zu berichten weiß über die Friedhöfe vor dem Halleschen Tor, die eigentlich eine Friedhofs-Mélange sind.

Denn der Kirchhof wurde von fünf Gemeinden gemeinsam genutzt. Es ist ein Gelände, das Blessuren davon getragen hat. Ab Ende der 1960er-Jahre zum Beispiel, als Berlin „autogerechte Stadt“ wurde. Und dafür Teile des einstigen Friedhofes platt machte, um die Blücherstraße auszubauen. Die Toten wurden umgebettet, wenn auch nicht wirklich mit Konzept, eher mit der typischen Berliner Wurstigkeit. Heute hätte die Stadtpolitik sicher mit engagierten Nachbarn zu tun. Partizipation war vor fünfzig, sechzig Jahren kein Thema. Leider.

Das Gelände wurde im 18. Jahrhundert als Armenfriedhof genutzt, im 19. Jahrhundert kam viel Prominenz dazu. Warum? „Weil mehrere Kirchengemeinden ihre Toten hier begraben haben – außerhalb der Stadtmauern“, erklärt Ralph Jakisch. Das hatte hygienische Gründe. Kam damals der Wind aus Westen, terrorisierte fauliger Verwesungsgestank die Stadtbevölkerung.

Schauspieler, Künstler und Kreative aus Mitte

Das Bestattungswesen stand am Anfang seiner Kunst. Damals haben also fünf Berliner Gemeinden ihre Toten außerhalb der damaligen Zollmauer beigesetzt. Das waren die Jerusalems- und Neue Kirchengemeinde, die Dreifaltigkeitsgemeinde, die Bethlehems- oder Böhmische Gemeinde sowie die Brüdergemeine Berlin. Die Promi-Toten kamen aus der Neuen Kirchengemeinde, deren Gotteshaus der Deutsche Dom am Gendarmenmarkt war – Schauspielerinnen und Schauspieler etwa, die am Königlichen Schauspielhaus (heute Konzerthaus) brillierten.

Nicht nur Künstler und Kreative schätzten im 19. Jahrhundert das inspirierende Umfeld in Mitte. Auch Unternehmer und Gelehrte siedelten sich rund um den Gendarmenmarkt an. Der letzte Gang führte sie dann nach Kreuzberg, so wie bei Felix Mendelssohn-Bartholdy, E.T.A. Hoffmann und Rahel Varnhagen. Die Mendelssohns sind in Mannschaftsstärke auf den Friedhöfen am Halleschen Tor vertreten, insgesamt finden sich die Gräber von 28 Familienmitgliedern, darunter auch das von Fanny Hensel. Die ältere Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn war musikalisch mindestens so hochbegabt wie ihr Bruder. Doch ihr blieb die musikalische Karriere verwehrt, Stichwort Rollenbilder. Welche Chancen hätte Fanny Hensel gehabt, wäre sie zwei Jahrhunderte später geboren worden? Der Rundgang bietet Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen in eine andere Zeit.

Vor dem Grab des romantischen Dichters E.T.A. Hoffmann geht es gedanklich in die andere Richtung. Da scheint sich wenig verändert zu haben: Bis zu seinem Tod 1822 saß er gerne in der Sektkellerei „Lutter & Wegner“. Noch heute knallen Sektkorken an seinem Grab, treue Anhänger versammeln sich am Geburtstag des Dichters im Januar und trinken auf sein Wohl. Das ist nur ein Schlückchen Exzentrik.

Von der Schriftstellerin und Salonière Rahel Varnhagen weiß Stadtführer Jakisch sogar noch mehr Exzentrisches zu berichten: Vor ihrem Ableben 1833 verfügte sie aus panischer Angst vor dem Scheintod, in einem Glassarg oberirdisch aufgebahrt zu liegen. Wie Schneewittchen lag sie also 34 Jahre lang in der Aufweckungshalle, bis sie im Jahre 1867 auf Veranlassung ihrer Nichte neben ihrem Gatten auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I endlich beigesetzt wurde.

Das Grab der jüdischen Rahel Varnhagen ist ein Ehrengrab des Landes Berlin, ebenso wie die nur wenige Schritte entfernte Ruhestätte für Henriette Herz, ebenfalls eine berühmte Salonière Berlins. Auf diesem steht ein goldumrandetes, schwarzes Gusseisenkreuz. „Beiden war es damals wichtig, dass verschiedene Schichten, also Adel, Militär und Bürgertum, miteinander ins Gespräch kamen“, erzählt Ralph Jakisch und lässt Raum für den Gedanken, dass es auch im 21. Jahrhundert wichtig ist, dass unterschiedliche gesellschaftliche Schichten miteinander im Gespräch bleiben. Was hätten die beiden Salonièren wohl heute zu sagen? Würden sie in den sozialen Netzwerken posten?

Joachim Ritzkowsky, der Pfarrer für die Obdachlosen

Beim Stichwort „soziale Unterschiede“ lenkt Ralph Jakisch seine Schritte in Richtung Ausgang Zossener Straße. Wir hören von einem Mann, dessen Namen nicht allen etwas sagt. Joachim Ritzkowsky (2003 in Berlin gestorben), Pfarrer der Heilig-Kreuz-Kirche, hat sich Zeit seines Lebens für Obdachlose eingesetzt. Sein letztes Projekt war eine würdige Grabstelle für Obdachlose. In dieser liegt auch er begraben, neben „Kalle“, „Hotte“ und vielen anderen. „Diese Grabstelle bekommt viel Besuch von Obdachlosen“, weiß Ralph Jakisch zu berichten.

Nur einmal im Jahr bekommt dagegen ein anderer Toter Besuch. Dieser Besuch kommt aus Österreich, es ist eine Delegation, die das Grabdenkmal von Erzherzog Leopold Ferdinand von Österreich-Toskana ehrt. Auf dem Kreuz ist allerdings ganz bescheiden der Name Leopold Wölfling zu lesen. Denn der Spross der Habsburger hat es gewagt, eine Bürgerliche zu heiraten und es kam zum Bruch mit dem Kaiserhaus.

„Das schmiedeeisernen Kreuz mit dem Christuscorpus unter einem halbkreisförmigen Dach verweist auf die Herkunft des Verstorbenen aus stark katholisch geprägten Gefilden“, sagt Ralph Jakisch. Einst evangelisch, sind die Friedhöfe am Halleschen Tor heute längst überkonfessionelle Gedenkorte – Christen, Juden, Muslime und Buddhisten können ihre Toten einträchtig nebeneinander auf den Friedhöfen am Halleschen Tor zur letzten Ruhe betten.

Ralph Jakisch führt für „Crossroads“ durch die Stadt. Das Projekt des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte bietet touristische Serviceleistungen mit Blick auf die kirchliche Landschaft Berlins. „Berlin mit anderen Augen“ heißt das Motto: Gotteshäuser, Friedhöfe, religiöse und historisch bedeutsame Orte sind Sehenswürdigkeiten, die nicht in jedem Reiseführer zu finden sind. Neben den öffentlichen Führungen können auch Rundgänge individuell vereinbart werden.

Info und Buchung "Berlin mit anderen Augen"

Die nächsten Führungen: Sonntag, 14. Juli, 14 Uhr, „Vom Sportplatz in die Muckibude – Körperliche und nationalpolitische Ertüchtigung bei Turnvater Jahn“, Treffpunkt in der Hasenheide (Neukölln) vor dem Jahn-Denkmal, 10 Euro pro Person. Sonntag, 20. Juli, 14 Uhr, „Der 20. Juli und sein Umfeld – Eine Begehung in Erinnerung an das Attentat auf Adolf Hitler“, Treffpunkt am Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, 10 Euro pro Person.

Anmeldung und weitere Informationen: 030/526802-135; www.crossroads-berlin.com; crossroads@besondere-orte.com.