Möckernkiez

Keine Angst mehr vor dem Vermieter

In der Genossenschaft Möckernkiez haben die rund 900 Anwohner das Sagen. Es lebt sich dort unbeschwerter.

Auszeit mittendrin: Regina (43, li.) nutzt die Mittagspause, um ihre Freundin Macella (38) und deren Tochter Nora im Möckernkiez zu besuchen.

Auszeit mittendrin: Regina (43, li.) nutzt die Mittagspause, um ihre Freundin Macella (38) und deren Tochter Nora im Möckernkiez zu besuchen.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Service

Berlin. Es ist eine Besonderheit, die so mitten im Zentrum der Stadt, wo wenige Schritte entfernt der Autolärm tost und alle Welt möglichst ohne Reibungsverlust von A nach B eilt, sofort auffällt: Im Kreuzberger Möckerkiez grüßen sich die Menschen. Drei Jahre nach Grundsteinlegung, zwei Jahre nach dem Richtfest herrscht nahe den Yorckbrücken, am Rand des Park am Gleisdreieck inzwischen reges Leben im neuen Wohnviertel. Stadtleben, das in etwas anderen Bahnen verläuft als in Berlin üblich.

In der Möckernkiez Genossenschaft leben rund 900 Menschen. 14 Häuser bieten Patz für 471 Wohnungen. Wer einziehen möchte, muss Mitglied werden, Beitrittsgebühr zahlen, Anteile kaufen, später weiteres Geschäftsguthaben erwerben (siehe Text unten). Im Gegenzug gibt es sichere Mieten und keine Gefahr, dass Eigentümer mit findigen Tricks die Kosten anheben oder gar die Umwandlung in Eigentum forcieren. Auch ist das ein Unterschied zu weiten Teilen Berliner Wohnungslandschaft.

Alle Ziele des Alltags mit dem Rad erreichen

Gefragt, was er gegenüber früheren Wohnungen am Leben im Kiez bevorzugt, sagt etwa der 46 Jahre alte Mieter Tobias: „Das Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, wenn wie jetzt eine Mieterhöhungswelle durch die Stadt geht.“ Mit einem seiner drei Kinder vor sich im Buggy, nennt er ein weiteres Argument: „Dieser Kiez ist autofrei. Die Kinder nennen ihn ‘Bullerbü’. Sie können jederzeit hinaus, es sind andere Kinder da.“ Zudem ist das Domizil so gelegen, dass er und seine Frau ihre Arbeitsplätze und alle Ziele des Alltags mit dem Rad erreichen können.

Das gelassene Leben aber hat seinen Preis. Vier-Zimmer-Wohnungen mit 100 Quadratmetern kosten zwischen 862 und 1304 Euro kalt. „Das sind 25 Prozent mehr als in unserer früheren Wohnung. Und der Platz ist für fünf Personen eng bemessen“, sagt der 46-Jährige.

Im Jahr 2014 drohte dem Projekt das Aus

Dagegen sind die Wege durch den Kiez großzügig konzipiert. Fast zwischen jedem Haus steht eine Buddelkiste, alle 50 Meter gibt es Bänke, allein vor zwei Hauseingängen sind immerhin 20 Fahrradbügel installiert. Es fehlt aber an Grün und dies ist, was sich Frank Nitzsche, einer der beiden Vorstände der Genossenschaft, als Ziel der nächsten fünf Jahre nennt. Ansonsten setzt er eher darauf, das, was besteht, zu konsolidieren.

Der 64-Jährige ist einer der beiden Retter des Kiezes. Als 2014 plötzlich die Finanzierung des damals größten Neubauprojekts einer Genossenschaft in Deutschland schon beim vierten Rohbau still stand, wurden Diplom-Kaufmann Nitzsche und Architektin Karoline Scharpf an die Spitze geholt, um den Möckernkiez nicht untergehen zu lassen. Im Juni 2016 wurden nach bangen 20 Monaten die Bauarbeiten wieder aufgenommen. „Die Erfahrung hat die Genossen zusammen rücken lassen“, so Nitzsche, der die Bewohnerstruktur als „untere und mittlere Schicht“ beschreibt.

Selbstbestimmt bis ins hohe Alter wohnen

Vieles was für die Menschen heute Zukunft bedeutet, ist im Möckernkiez schon Gegenwart“, sagt er. Beispielsweise sei dies eine Wohnform, die für alle Generationen funktioniere. „Mieter können hier selbstbestimmt bis ins hohe Alter wohnen. Alle Häuser haben Aufzüge, ein Drittel der Wohnungen sind rollstuhlgerecht. Da kann man im Keller seinen Rollstuhl über Nacht mit Strom aufladen und sich per Lift im Hausrollstuhl hinauf in seine Wohnung bringen lassen.“ Energetisch ist die größtenteils barrierefreie Siedlung mit 27 Zentimetern Wärmedämmung, Blockheizkraftwerk und selbst fabriziertem Strom aus Abwärme und Photovoltaikanlagen auf dem neuesten Stand.

Dritter Vorzug im Kiez sei das Gemeinschaftsgefühl. „Leute, die sich nach einer Wohnung erkundigen“, so Nitzsche, „frage ich immer: Wollen Sie eine Wohnung oder wollen Sie miteinander leben?“ Es gebe nun die Alten, die mit den Kindern im Haus Schularbeiten machen, während die Eltern arbeiten. Es gebe die Jungen, die älteren Nachbarn die Mineralwasserkästen mitbringen. In den Hausfluren ist gemeinsames Kochen im Café der Siedlung annonciert, in Gemeinschaftsräumen treffen sich Chor, und Pilatesgruppen. 15 Arbeitsgemeinschaften behandeln Angelegenheiten des Kiezes, Hausgruppen tragen Anliegen in den Beirat, verwalten vieles selbst, etwa die Nutzung der gemeinsamen Dachterrassen. „Es gibt keinen Eigentümer, der etwas beschließt und die Mieter müssen es hinnehmen“, sagt Nitzsche.

Beim vegetarischen Mittagessen

Vor der Tür seines Büros sitzen zwei Freundinnen beim vegetarischen Mittagessen des Kiezcafés. Macella, 38, die als Untermieterin im Kiez wohnt, und Regina, die dort ihre Arbeitspause verbringt. Die 43-Jährige sagt, schon in der Bauphase sei sie unterwegs zur Arbeit stets am Gelände vorbei gekommen. „Ich fürchtete, was da bloß wieder hinkommt“, sagt die Zehlendorferin. „Inzwischen merke ich: Hier ist etwas entstanden, das die ganze Gegend aufwertet.“

Mehr zum Thema:

Genossenschaften sind ein Modell für Jedermann

Möckernkiez: Hier probiert man Idealismus aus