Tradition

Ein 100 Jahre altes Start-up Unternehmen

Von KaDeWe bis BER: Was in Berlin Rang und Namen hat, ist Kunde bei Hruby Werbetechnik. Nun feiert die Kreuzberger Firma Jubiläum.

Fritz Naumann ist der Co-Inhaber der Hruby Werbetechnik GmbH.

Fritz Naumann ist der Co-Inhaber der Hruby Werbetechnik GmbH.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Unten in der Werkhalle wird an langen Bänken lautstark produziert. Im stillen ersten Stock dagegen sitzen junge Menschen ohne Anzug und Krawatte bei raffinierten Kaffeegetränken mit einem Kunden unter strahlendem Morgensonnenschein auf der Terrasse. Im Loft-artigen Inneren sind kreuz und quer Schreibtische verteilt, aktenbeladen die meisten, ein weiter Raum voller Licht und moderner Weißtöne. Der Chef sitzt irgendwo mittendrin zwischen den Kollegen. Sein Look unterscheidet ihn nicht von den Angestellten. Das alles wirkt wie der Sitz eines frischen Start-ups. Nur, dass Fritz Naumanns Kreuzberger Unternehmen Hruby Werbetechnik in diesem Jahr 100 Jahre alt wird.

Von Anbeginn in Kreuzberg angesiedelt, stellt Hruby seit 1919 Außenwerbung her. Dazu zählen etwa schrille Autobeschriftungen, Leuchtbuchstaben für Veranstalter, Schildersysteme an öffentlichen Einrichtungen, bis hin zum Werbeaufsteller für die lokale Zahnärztin. Immer überdimensional, immer auffällig.

Werbewände, die ganze Fassaden bedecken

Naumanns Mannschaft verarbeitet Aluminium, Holz, PVC-Planen und Folien. Die in der Großstadt allgegenwärtigen Werbewände als Large Format Printing, die ganze Fassaden bedecken, kommen aus seinem Haus. Bei ihm orderten und ordern Firmen, die wie Hruby Tradition haben. Vom KaDeWe bis zu Reichelt und Leiser. Namen, die zu Berlins unternehmerischer DNA zählen wie Tiffany an der Fifth Avenue zu New York.

Naumann, Co-Chef mit seiner Frau Alke, beschäftigt in Kreuzberg und einem Marzahner Sitz 25 Mitarbeiter. Als einer der deutschen Branchenführer macht Hruby einen Jahresumsatz von mehr als drei Millionen Euro.

Bunt wie eine Ragtime-Steptanzmelodie

Wer die TV-Serie „Babylon Berlin“ gesehen hat, erinnert sich an die Bilder: Zwischen den Weltkriegen war die Innenstadt nachts geprägt von leuchtender Werbung, in der sich eigenwillige Schriftzüge und pfiffige Slogans gegenseitig überschrien. „Fabelhaft bunt wie eine Ragtime-Steptanzmelodie“, schrieb Maler George Grosz damals bei der Fahrt durch Berlin. Malermeister Karl Hruby und sein Bruder Zdenko, gelernter Kaufmann, gründeten 1919 ihr Unternehmen „Gebrüder Hruby, Firmenschilderfabrik“ an der Gitschinerstraße 15 und waren bald überall bekannt und gefragt. Die Werbung für „Lux“-Zigaretten auf Telefonzellen: Gebrüder Hruby. Ein Kunde wurde auch das KaDeWe. „Außenwerbung war in den 20er-Jahren ganz groß“, sagt Naumann. „Wenn man früh etwas Neues anbietet und damit einigermaßen allein auf dem Markt ist, gewinnt man schnell Bedeutung.“ Dafür, dass die Hrubys die Finger am Puls der Zeit hatten, sprach auch das sensationelle Detail, dass das Unternehmen immerhin über drei Telefonleitungen verfügte.

Ein ehemaliger Lehrling, Peter-Rainer Nitka, übernahm 1970 die Firma. 1983 begann Fritz Naumann dort seine Ausbildung. „Wir wohnten an der Lindenstraße, in Kreuzberg, im Hochhaus, alles ganz modern, im 13. Stock.“ Die Nähe zur Obentrautstraße, wo Hruby damals saß, habe die Entscheidung wohl begünstigt, sagt Naumann mit einem Schmunzeln.

Er erhoffte das Gegenteil eines Praktikums als technischer Zeichner: „Da kam man morgens hin, machte seine Skizzen und ging abends nach Hause. In diesem Job hier dagegen sitzt du, stehst du, bist ständig geistig gefordert“, sagt der 52-Jährige.

Manchmal trat das Wasser aus den Toiletten

Das Arbeitsumfeld wirkte rustikal: „Der Firmensitz war eher einer Baracke, in der das Wasser aus den Toiletten kam, wenn es regnete.“ Dennoch wuchs Naumann in spannenden Zeiten ins Fach hinein. Zum einen arbeitete es sich „sehr komfortabel in West-Berlin, denn die Konkurrenz war übersichtlich.“ Dieser Tage dagegen schreiben er und seine Frau in Reaktion auf Online-Anfragen 20 bis 30 Angebote pro Tag.

Zudem war Naumann damals, als Computer ins Spiel kamen, genau im richtigen Alter. „Privat hatte ich schon meine Mutter überredet, mir einen Rechner zu kaufen, einen Commodore. Und mein Chef war risikobereit, er schaffte im richtigen Moment einen Rechner an. Ich bin ihm bis heute dankbar, das er darin Vorreiter war.“ Den fortwährenden Erfolg des Unternehmens schreibt er unter anderem diesem Prinzip zu: Immer technisch auf neuestem Stand zu sein. Davon zeugen jetzt etwa die 3-D-Drucker im Erdgeschoss, denen er bei Fortentwicklung in den kommenden fünf Jahren große Bedeutung für das Gewerbe voraussagt.

Das Malheur mit dem Porsche

Der neue Computer half nun etwa, wenn es um den Ausschnitt von Buchstaben ging. „Allerdings hatte der Chef ein bisschen Angst vor dem Ding. Ich dagegen war ein junger Bursche und kannte mich aus.“ Wenn der Rechner abstürzte, ließ der Chef den Lehrling in der Berufsschule anrufen: Er müsse rasch kommen, da sei was passiert. „Und ich freute mich immer: schulfrei“, sagt Naumann. Beim Rundgang durch das Gebäude an der Köpenicker Straße weist er auf einen prähistorisch wirkenden Philips-Computer, der zwischen Farbfolien, Druckerfarbe und Spraydosen einen Ehrenplatz in den Regalreihen hat. „Schauen Sie: noch mit Floppy-Discs“, sagt er.

Rückblickend vergleicht Naumann die Chancen der Digitalisierung mit der Elektrifizierung Berlins bei der Gründung von Hruby. „Als ich anfing, brauchte man für einen Auto-Auftrag vier Tage, an denen man Farbe für Farbe auftrug. Heute druckst du einfach eine Folie aus: Morgens kommt der Kunde, abends fährt er mit dem Wagen vom Hof.“

Derlei Technik vermeidet zudem hässliche Zwischenfälle, wie jenes Malheur kurz vor Naumanns Eintritt in die Firma. Ein bildschöner Porsche Carrera wird nach umfangreicher Bemalung abgeholt. Der ungeduldige Fahrer lässt zu früh den Motor an - und das Prachtstück geht in Flammen auf, denn die Lüftungsschlitze am Motor waren noch abgeklebt.

„Man braucht einen vertrauten Menschen an seiner Seite“

Während in West-Berliner Zeit der Einzelhandel die Aufträge lieferte, seien es inzwischen die Agenturen. „Wie damals fehlt die Großindustrie in der Stadt. Aber die Agenturlandschaft ist stark“, sagt Naumann. 2010 hat er Hruby übernommen. Wie der Chef führt der das Unternehmen mit der Ehefrau. „Wenn es um Zahlen geht, braucht man einen vertrauten Menschen an seiner Seite“, erklärt er. So ist Alke Naumann nicht nur Mutter der gemeinsamen Söhne Karl und Fritz. Sie regelt im Geschäft auch das Finanzielle.

Neben Aufträgen für den Großflughafen BER, die internationale Agrarministerkonferenz und mächtige Verlage, beschäftigt Fritz Naumann sein Rückzug aus dem Geschäft. Seine Jungen haben andere Berufswünsche. Es gibt aber einen Mitarbeiter, der übernehmen will, vielleicht zwei, sagt Naumann. Rund zehn Jahre werde dieser langsame Abschied dauern. Bis dahin genießt er die immer selbe und dennoch ständig neue Überraschung: „Es vergeht kein Tag in Berlin, an dem ich nicht etwas sehe, ob an einem Haus oder einem BVG-Bus, das aus unserem Haus kommt.“ Es ist höchst wahrscheinlich ein Erlebnis, das die Gebrüder Hruby schon vor einem Jahrhundert kannten.