Gewerberäume

Wieder Angst vor Rauswurf am Kottbusser Damm

Rund 100 Vereinsmitglieder trainieren bei Aikido Berlin. Nach einem Eigentümerwechsel ist die Zukunft des Clubs bedroht.

Horst Oldehus und Latifa Rothacker fürchten um ihren Trainingssaal am Kottbusser Damm.

Horst Oldehus und Latifa Rothacker fürchten um ihren Trainingssaal am Kottbusser Damm.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Für Horst Oldehus ist die kommenden Woche entscheidend. Sein berlinweit renommierter Sportverein droht die Trainingsräume zu verlieren. Ein Todesfall und ein mietrechtlicher Winkelzug lassen den 49-Jährigen um den Fortbestand von Berlin Aikido in einem Loft über dem Kottbusser Damm fürchten. Am Mittwoch trifft er die neuen Vermieter zu ersten Verhandlungen.

Die Situation von Oldehus hat auch die Bezirksverordneten von Friedrichshain-Kreuzberg alarmiert. In ihrer jüngsten Sitzung sprachen sie sich in der vergangenen Woche für Eingaben von Grünen und SPD aus. In einer Resolution heißt es jetzt: „Die BVV Friedrichshain Kreuzberg unterstützt den Sportverein Aikido (...) und fordert den Investor und neuen Eigentümer auf, Gespräche mit dem Verein zu führen, um eine Lösung bezüglich einer weiteren Nutzung zu finden.“ Der neue Eigentümer solle dem Sportverein ein faires und annehmbares Angebot unterbreiten. „Dieser Sportverein leistet einen wichtigen Beitrag für den Sportbezirk Friedrichshain Kreuzberg“, so die Bezirksverordneten.

Ikone des asiatischen Kampfsports

Sitz von Berlin Aikido ist das Haus am Kottbusser Damm 25, in dem sich auch Woolworth befindet. Im hinteren Bereich sind Wohnungen, vorn lichtdurchflutete Gewerberäume, mitunter mit zwei Fensterfronten. Dieses Gebäude wollte die Mitgründerin der Aikido Föderation Deutschland, Anita Köhler Anfang des Jahrzehnts kaufen, unter anderem, um den asiatischen Kampfsport, als deren Ikone sie in Deutschland galt, in Berlin populär zu machen. Die Immobilienmaklerin lebte in Darmstadt, pendelte für Unterricht, den sie in Berlin erteilte und plante, sich für die Verbreitung ihrer Aikido-Leidenschaft in der Hauptstadt niederzulassen.

„Der Kauf kam aber nicht zustande“, erzählt Horst Oldehus. „Es hätte viel saniert werden müssen, was ihre Möglichkeiten überstieg.“ Statt dessen erhielt Köhler 2013 einen Mietvertrag für die dritte Etage. Dort richtete sie einen beachtlichen Sportsaal ein. Für rund 100.000 Euro, so Oldehus. Sie ließ Schwingboden verlegen, damit Nachbarn nicht gestört werden, orderte aus Italien elegante Bodenfliesen für den Vorraum, die Rede ist von 100 Euro pro Quadratmeter.

Horst Oldehus wurde mit seinem Verein ganz offiziell Untermieter bei ihr. „Mir sagte sie, dass wir uns keine Sorgen machen müssten, wir könnten mindestens zehn Jahre lang bleiben“, sagt Oldehus.

Von der Krankheit schon stark gezeichnet

2017 erkrankte sie an Krebs. Im Februar 2018 verstarb Anita Köhler. Im Vorraum von Horst Oldehus Trainingssaal steht ein Schwarz-Weiß-Foto der bewunderten Lehrerin in schwarzem Rahmen auf dem Fensterbrett.

Und es sollte nicht beim großen Verlust allein bleiben. Bald erfuhr Oldehus, dass der etablierte Standort bedroht war. Köhler hatte die Räume im Wissen übernommen, das Mietverhältnis für jeweils fünf weitere Jahre verlängern zu können. Doch als sie Ende 2017 die Option hätte wahrnehmen müssen, war sie laut Oldehus von der Krankheit schon stark gezeichnet. So verstrich die Möglichkeit.

„Ein Schnäppchen“, gibt Oldehus zu

Davon erfuhr Oldehus erst vom Lebensgefährten Anita Köhlers. Den inzwischen neuen Eigentümer konnte Oldehus nicht mehr als kurzfristige Verlängerungen abringen. Wissend, dass er eine Miete von 1700 Euro Warm für 280 Quadratmeter nicht wieder finden würde, ein „Schnäppchen“, wie er zugibt, machte er sich auf die Suche nach neuen Räumen.

Doch entweder wurden ihm Schrottimmobilien mit Bordell im Vorderhaus, Taubenkot und verrotteten Sanitäranlagen gezeigt, oder es hieß, man wolle keine Vereine. Von anderen Clubs, die schließen mussten, weiß Oldehus: „Etwas in unserer Größe kann man lukrativer als Büroraum vermieten.“

Gewiss könne er in eines der Industriegebiete der Stadt ziehen. „Aber mehr als die Hälfte unserer Mitglieder sind Kinder, viele hier aus dem Kiez. Da werden die Eltern nicht einfach sagen: ‘Ich fahre dich mehrfach wöchentlich nach Tempelhof oder Marienfelde’.“

Therapeutisches Bogenschießen

Nicht nur er steht unter Druck. Untermieterin Latifa Rothacker arbeitet im Saal mit psychisch und psychosomatisch Kranken. Sie lehrt therapeutisches Bogenschießen. „Dabei geht es eher um Stärkung der Konzentrationsfähigkeit, als exakt zu treffen“, sagt Rothacker. Soziale Dienste und die Havelklinik schicken viele Patienten zu ihr. Ihr Unternehmen „Bogenwege“ ist gut ausgelastet. Aber kommende Aufträge muss die 52-Jährige seit einiger Zeit ausschlagen, weil sie nicht weiß, wie lange sie am Kottbusser Damm bleiben kann. „Neue Räume zu finden ist fast unmöglich. Wenn Vermieter ‘Bogenschießen’ hören, denken sie gleich, etwas geht kaputt.“ So blickt auch sie mit Sorge dem Gespräch am Mittwoch entgegen.

Momentan zahlen Erwachsene bei Horst Oldehus 60 Euro Mitgliedsbeitrag, wer das nicht leisten kann, dem kommt er um 10, 20 Euro entgegen. Geflüchtete trainieren kostenlos. Sollte er jetzt wegen hoher Mietforderungen gehen müssen, so wissen nicht nur die Verordneten im Rathaus von Friedrichshain-Kreuzberg, verlöre der Bezirk eine weitere Oase für Mitmenschlichkeit, für Bürgerengagement und Teamgeist, einen Ort, an dem man nicht wohlhabend sein muss, um Teil einer Gemeinschaft zu sein.