Drohende Staufalle

Oberbaumbrücke - Ärger um Verkehrsregelung für Radfahrer

Die Oberbaumbrücke ist Baustelle. Radfahrer sind wütend und besetzten zeitweise die Brücke. Die Verkehrssenatorin macht ein Angebot.

Fahrrad-Aktivisten von Changing Cities u.a. besetzen die Brücke und legen den Verkehr lahm. Der Grund: Eine Fahrradspur an der Baustelle fehlt.

Fahrrad-Aktivisten von Changing Cities u.a. besetzen die Brücke und legen den Verkehr lahm. Der Grund: Eine Fahrradspur an der Baustelle fehlt.

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Berlin. Die aktuelle Verkehrsführung auf der Oberbaumbrücke ist zum akuten Streitfall geworden. Auf der einen Seite Autofahrer, die sich über undisziplinierte Radfahrer beschweren. Auf der anderen Seite die Radfahrer, die am späten Dienstagnachmittag mit einer Sitzblockade der Brücke Korrekturen und sichere Wege einforderten. gegen 19 Uhr wurde der Verkehr auf der Brücke wieder freigegeben.

„Hier wird das Mobilitätsgesetz (§39) missachtet, Autoverkehr gesichert, Rad&Fuss an der Seite gedrängt“, hieß es in einem vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) über Twitter verbreiteten Demonstrationsaufruf. Verlierer des Streits scheinen die Fußgänger zu werden, die sich von rasenden Radfahrern bedrängt fühlen.

Seit Montagmorgen, 7 Uhr, ist die Oberbaumbrücke eine Großbaustelle. Die Fahrbahn ist schwer geschädigt und soll bis Anfang November für 700.000 Euro saniert werden. Das Verkehrskonzept, dass sich die Straßenverkehrsbehörde des Senats für die wichtigste Verbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg während der fast sechsmonatigen Bauzeit ausgedacht hat, sorgt allerdings für jede Menge Konfliktstoff.

Nur eine Fahrspur pro Richtung

Weil die Brücke halbseitig gesperrt ist, steht dort nur noch eine Fahrspur pro Richtung zur Verfügung. Zunächst war vorgesehen, dass sich Fahrrad- und Autofahrer die Spur in Richtung Kreuzberg teilen. Doch weil es auf dem schmalen Streifen zu gefährlichen Situationen kam, änderte die Straßenverkehrsbehörde noch am Montagabend das Konzept.

So wird der Radverkehr in Richtung Kreuzberg nun direkt auf den Gehweg auf der Westseite der Brücke gelenkt. Radfahrer werden per Verkehrsschild aufgefordert, dort abzusteigen.

Doch auch dieses Konzept geht nicht auf. Kaum ein Radfahrer hält sich an die von der Behörde angeordnete Absteigepflicht. Stattdessen wird in den allermeisten Fällen mit unverminderter Geschwindigkeit auf den schmalen Gehweg auf der Westseite der Brücke gefahren, wie bei einem Vor-Ort-Besuch am Dienstagnachmittag zu beobachten war.

Keine Kontrollen von Radfahrern

Weder Polizisten noch Mitarbeiter des Ordnungsamtes im zuständigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kontrollierten die Absteigepflicht der Radfahrer. Der Fußgängerverband Fuss e. V. beschreibt die Situation auf der Westseite der Brücke mit drastischen Worten. „Schwachsinnspunkt an der Brücke: Unten führt Radspur auf Gehweg, oben sagt Schild, diese Radspur ist gar keine. Spur muss weg + Kontrolle muss her, um Fußverkehr wirksam zu schützen. Radverkehr dort, wo jetzt Fahrbahn ist!“

Unterstützung gibt es dazu vom Verein Changing Cities: „So sehen wir das auch. Es ist unverständlich warum solche Konflikte angeordnet werden und die schwächeren Verkehrsteilnehmer gegeneinander ausgespielt werden.“

Auf der anderen, der östlichen Seite der Oberbaumbrücke sieht es jedoch kaum besser aus. Dort sollen sich Fußgänger und Radfahrer den Gehweg unter den Arkaden teilen.

Weder für den einen, noch für den anderen Verkehrsteilnehmer reicht der Platz aus. Diese Verkehrsführungsvariante gehe nicht, teilte Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) nach einem Vor-Ort-Termin mit der Senatsverkehrsverwaltung gleichfalls via Twitter mit. „Wir arbeiten jetzt mit Hochdruck an einer radfreundlichen Lösung!“, versicherte sie.

Für den CDU-Verkehrsexperten Oliver Friederici ist es „ein Stück aus dem Tollhaus“, dass die Verkehrslenkung Radfahrer zum Wechsel auf den Gehweg zwinge – „offenbar aus falscher Rücksichtnahme vor Rasern“. Ohne Frage müsse die Sicherheit oberste Priorität haben. „Wir schlagen daher vor, dass Polizei und bezirkliches Ordnungsamt vor Ort zumindest in den Hauptverkehrszeiten dafür sorgen, dass Kraftfahrer die Baustelle langsam und mit der erforderlichen Aufmerksamkeit passieren.“

Verkehrssenatorin Günther schlägt neue Lösung vor

Am Dienstagabend verkündete Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) schließlich eine „neue Lösung für den Rad- und Fußverkehr“. Danach soll künftig der Gehweg auf der Westseite der Brücke allein den Radfahrern (in Richtung Kreuzberg) zur Verfügung stehen. Alle Fußgänger sollen auf den Gehweg auf die Ostseite wechseln. Den werden sie sich dann allerdings weiter mit den Radfahrern (in Richtung Friedrichshain) teilen müssen. Um Konflikte zu reduzieren, sollen zwischen den jeweils sehr schmalen Fuß- und Radwegen sogenannte Leitboys installiert werden.

„Auch diese Lösung entspricht nicht dem Mobilitätsgesetz“, twitterte im Anschluss der ADFC. Das Miteinander von Fußgängern und Radfahrern dürfte auf der vollen Brücke kaum funktionieren, wird prophezeit. Nach Angaben der Senatsverkehrsverwaltung passieren täglich rund 8500 Radfahrende die Oberbaumbrücke.

Seit 25 Jahren ungenutzte Schienen kommen wieder raus

Während der rund 700.000 Euro teuren Brücken-Sanierung werden, wie von Berliner Morgenpost im Februar bereits berichtet, auch die Tram-Schienen entfernt. Die Gleise auf der Oberbaumbrücke haben eine gewisse Symbolkraft: Liegen sie doch bereits seit einem Vierteljahrhundert dort, ohne dass jemals eine Straßenbahn regulär darüber gefahren ist. Dabei sollten sie einmal eine neue Zeit verkünden: Die Rückkehr des umweltfreundlichen Verkehrsmittels in den Westteil der Stadt.

Bereits 1992 hatte der damals von Eberhard Diepgen (CDU) geführte schwarz-rote Senat beschlossen, die Tram von Osten aus in den seit 1967 komplett straßenbahnfreien Westen zu verlängern. Daraufhin wurden sowohl auf der Leipziger Straße in Mitte als auch auf der Oberbaumbrücke, die die Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg miteinander verbindet, Gleise für geplante Linienverlängerungen verlegt. Doch alle nachfolgenden Landesregierungen setzten – egal in welcher politischen Farbkonstellation – andere Prioritäten.

Verlängerung der Straßenbahn in der Planung

Rot-Rot-Grün hat 2016 allerdings einen spürbaren Ausbau des Berliner Straßenbahnnetzes beschlossen. Geplant wird unter anderem eine umsteigefreie Verbindung zwischen dem S- und U-Bahnhof Warschauer Straße und dem U-Bahnhof Hermannplatz. Eine erste Info-Veranstaltung hat es dazu bereits gegeben. Dabei wurden mehrere Varianten vorgestellt. Fast alle sehen übrigens eine Linienführung über die Oberbaumbrücke vor. Was auch bedeutet: In nicht allzu ferner Zeit wird die Fahrbahn auf der Oberbaumbrücke wieder aufgerissen, weil neue Schienen verlegt werden müssen.