Mercedes-Platz

Diesem Entertainment-Quartier fehlt noch der Spaßfaktor

Im Oktober 2018 eröffnete der Mercedes-Platz mit Raum für Entertainment, Gastronomie und Hotels. Ein Besuch.

Etwa 12.000 Besucher kommen an einem Wochentag auf den Mercedes-Platz in Friedrichshain, an einem Sonntag bis zu 30.000. Die Geschäftsleute sind nach gut einem halben Jahr zufrieden.

Etwa 12.000 Besucher kommen an einem Wochentag auf den Mercedes-Platz in Friedrichshain, an einem Sonntag bis zu 30.000. Die Geschäftsleute sind nach gut einem halben Jahr zufrieden.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. An der East Side Gallery drängen sich die Touristen: Vor den Comic-Figuren mit den wulstigen Lippen, dem Bild mit Hunderten von bunten Handabdrücken, vor einem Straßenmusiker mit Gitarre und Mikrofon. Die Berlin-Besucher treten für ihre Handybilder rückwärts auf die Straße. Es ist voll.

Wo es dagegen gar nicht voll ist: auf dem gegenüberliegenden Mercedes-Platz. Dem jungen Areal, das an drei Seiten von Restaurant-, Büro und Entertainment-Bauten umrahmt ist, haftet an diesem Montagmittag noch immer etwas Provisorisches an. Neben einem kleinen Bauloch steht ein Wagen der Berliner Wasserbetriebe, dahinter nehmen Veranstaltungstechniker per Kran die Aufbauten vom Premieren-Wochenende auseinander. Es sind mehr Bauarbeiter auf dem Platz als Flaneure.

Will Smith läuft über den Roten Teppich

Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist das Friedrichshainer Entertainment-Areal zugänglich. Dass Showbiz-Riese Walt Disney seinen Hollywoodstar Will Smith zum Start seines Films „Aladdin“ vor zwei Wochen dort über den erstmals ausgerollten roten Teppich schickte, empfindet Michael Kötter, „als unseren Ritterschlag“. Der 45-Jährige ist Vice President Immobilien und Entwicklung beim Eigentümer des Geländes, der Anschutz Entertainment Group (AEG) Europe.

Zehn Jahre nach Start der Mercedes-Benz Arena, damals: O2 World, wurde der Mercedes-Platz an der East Side Gallery im Oktober 2018 eröffnet. In der Verti Music Hall spielte als erster Rock-Musiker Jack White ein gefeiertes Konzert. Am Standort, an dem sich das neue Areal als Anziehungspunkt jetzt noch bewähren muss, gab es vor 20 Jahren schon mal einen Publikumsmagneten, der sich später als Berliner Nightlife-Ikone erweisen und zugkräftiger Wirtschaftsfaktor würde: Das Ostgut, Vorläufer des Clubs Berghain, der lange als die beste Disco der Welt gelten sollte.

Mediaspree: Ein Viertel, in dem man leben kann

Das Stadtbauprojekt Mediaspree, ein Dienstleistungszentrum mit Wohnflächen entlang der Spree beendete die fidele Anarchie. Selbst ein Bürgerentscheid dagegen verfehlte 2010 seine Wirkung. Wer heute von einem der jährlich 150 Events in der Mercedes-Benz Arena kommt, sieht als letztes Überbleibsel an der Fassade eines Altbaus auf der anderen Spreeseite aus alten Zeiten ein dort hingepinseltes „Fuck Mediaspree“.

+++ Kommentar: Mercedes-Platz wirkt oft wie ausgestorben

Inzwischen ist ein kleines Viertel entstanden, in dem man sich 24 Stunden lang pausenlos amüsieren kann, um das herum man nach Fertigstellung in den kommenden Jahren zudem arbeiten, einkaufen, insgesamt also leben kann, ohne einen Radius von 500 Metern zu verlassen. 22 Gastrobetriebe sind da, Medientürme und LED-Wände, ein Kino mit 14 Sälen, in dem man sich das Ticket elektronisch zieht, drei Hotels, eine Filiale der Bowling World. Laut AEG werden im Quartier entlang der East Side Gallery bis 2022 circa 20.000 Büroarbeitsplätze entstanden sein. Hinzu kommen rund 2000 Mitarbeiter etwa in Restaurants und Hotels.

Unterschiedliche Reaktionen von Besuchern

Die Reaktion in den sozialen Medien von Besuchern nimmt man bei AEG ernst. Sie reicht von Begeisterung bis zum Vorwurf, das Quartier passe nicht in den Bezirk. Dem setzt Kötter entgegen, es sei dem Unternehmen darum gegangen, auf dem ehemaligen Ostgüterbahnhof 20 Hektar städtebaulich zu entwickeln – nicht um die Frage, „ob das dann zur Bergmannstraße passt“.

Am Quartier wird noch kräftig gebaut. Die Hälfte der Geschossfläche dort ist noch nicht errichtet, gibt Kötter zu bedenken. Vom ersten Stock eines italienischen Restaurants mit teurem skandinavisch-rauem Holzmobiliar wie aus dem Jamie-Oliver-Kochbuch beispielsweise sehen Gäste noch hinab in die momentan auffälligste Baustelle am Platz.

Neues Bürogebäude entsteht

Dort entsteht das Bürogebäude „Stream“. Modeversand Zalando, der mit einer Reihe Niederlassungen bereits vor Ort ist wird auch in „Stream“ einziehen. Am Ende soll eine Weg-Achse zwischen Ostbahnhof und Warschauer Brücke, parallel zur East Side Gallery entstanden sein, sagt Kötter und weist in Richtung Stadtmitte, wo große Platanen über Sitzgelegenheiten Schatten spenden.

Hier haben sich französische Schülerinnen mit einem Snack hingesetzt, dort brettern Skateboarder über die Holzkonstruktionen und filmen sich dabei. Zur Spree hin sind die Bänke vorübergehend meterlang mit jugendlichen Touristen voll besetzt. „So wollten wir das haben“, sagt Kötter.

Dass allerdings der Zugang zur East Side Mall über die Warschauer Brücke von Amtswegen noch nicht offen sein darf, ist für ihn „eine Katastrophe“. Dadurch sei von dort der Zugang zum Quartier, die Anbindung zur Nachbarschaft versperrt. Aus dem Bezirksamt heißt es allerdings jetzt, dass eine Öffnung bevorsteht.

Viele Touristen sind unterwegs

Tagsüber begegnet man auf dem Platz vornehmlich Touristen. Zur Lunch-Zeit kommt kurzzeitig Bewegung auf. Daniel und Anastasia etwa laufen wie viele von ihrem Arbeitsplatz in der neuen Zalando-Unternehmenszentrale zur Mall, um sich dort einen Snack zu besorgen. „Wir nutzen den Platz aber bislang nur, wenn wir ihn passieren“, sagt der 27-Jährige.

„An unserem früheren Sitz begannen die Preise für Mittagessen bei drei Euro. Hier sind es fünf. Über die Woche summiert sich das.“ Wenn erst der Sommer kommt, würden er und die Kollegen sicherlich nach Dienstschluss auch mal draußen in den Lokalen sitzen.

Bowlingbahn und Kino sind zufrieden mit der Auslastung

Der Geschäftsführer der Bowling World, Stefan Frenkel, spricht von einem guten Start. „Wir hatten 170 Veranstaltungen mit zehn bis 170 Gästen – aus einem Kaltstart heraus.“ Für den Hallensport sei zwischen Oktober und März Hauptsaison. Jetzt folge die Bewährungsprobe und da sei durchaus „Luft nach oben“ zu spüren. Bei Starts in Lübeck und Hannover habe das Unternehmen eine Spanne von zwei bis drei Jahren einkalkuliert, bis man „bei den Umsätzen ist, zu denen wir wollen“. Am Mercedes-Platz sei man aber im Vergleich viel erfolgreicher gestartet.

Nadine Breuer von der UCI Multiplex GmbH sagt: „Nach der Eröffnung im vergangenen November hat es zwei, drei Monate gedauert, bis sich verankert hatte, dass es ein neues Kino in der Stadt gibt.“ Erfreut ist sie über zahlreiche Buchungen von Sälen durch Unternehmen, darunter für Veranstaltungen von TV-Sendern. Sie denke, „dass wir zum Jahresendgeschäft mit Star Wars 9 unsere Zielzahlen erreichen werden“. Zu den zwei Hotels, die in Oktober und November 2018 am Platz starteten, erklärt auch Kerstin Harms von der Betreibergesellschaft Tristar Hotels, man sei sehr zufrieden – so zufrieden, dass es nicht nötig gewesen sei, Gäste mit gesonderten Eröffnungsangeboten zu locken.

„Faktor Wohnen noch gar nicht einbezogen“

Michael Kötter sagt, an einem Montag seien bis zu 13.000 Menschen auf dem Platz, an einem Sonnabend seien es 30.000. Nicht schlecht, sei das, verglichen mit einem Volksfest wie der Feier der Luftbrücke am 12. Mai auf dem Tempelhofer Feld, wo 50.000 Besucher kamen. Er erwartet, dass mit dem Wachsen des Quartiers auch der Zulauf zunimmt.

So zählt er auf die Vollendung der Achse Warschauer Straße/ Ostbahnhof. Auch sei „der Faktor Wohnen noch nicht einbezogen“. Bis 2021 sollen etwa in einem Bauprojekt der Premium-Gruppe 185 Eigentumswohnungen entstehen.

Außer im Deli „Dean & David“ und Japaner Shibuya, wo Michael Hapka, Geschäftsführer der Mercedes-Benz Arena mit einem Medienberater beisammen sitzt, brummt es an diesem Montag zur Mittagspause noch in keinem Lokal so recht. Zwischen zwei und elf Tische sind in den Restaurants besetzt.

Auch Daniel Widdrus, der bei einem anliegenden Bauunternehmen arbeitet, kennt den Platz nur vom Hinüberlaufen. „Morgens von der S-Bahn her und abends zurück“, sagt der 31-Jährige. Ein bisschen beeindruckt ist er allerdings schon vom futuristischen Bauensemble und der Anziehungskraft des lebhaften Wasserspiels auf dem Platz. „Immerhin war vor 15 Jahren hier nur Acker“, sagt er. Das Ganze sei „zeitgemäß und modern“ findet er. Wie gut oder schlecht der Platz in den Bezirk passt, bereite ihm wirklich kein Kopfzerbrechen. „Bezirke verändern sich.“ Das sei, sagt Widdrus, doch ganz normal für eine Stadt.