Bergmannstraße

Stadtrat Schmidt: „Ich gebe zu: Das waren Rohrkrepierer“

Im Columbia Theater diskutierten am Dienstagabend rund 330 Teilnehmer über die Ziele der Begegnungszone Bergmannstraße in Kreuzberg.

Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) im März 2018 in einem der hölzernen Parklet an der Kreuzberger Bergmannstraße.

Stadtrat Florian Schmidt (Grüne) und Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) im März 2018 in einem der hölzernen Parklet an der Kreuzberger Bergmannstraße.

Foto: Gregor Fischer / dpa

Es hätte auch ganz anders laufen können. Denn die Vorzeichen dieses Abends waren nicht gut: Eine lauter werdende Unzufriedenheit im Bezirk mit den Objekten der Begegnungszone, mit Parklets und grünen Punkten auf der Fahrbahn, dazu ein kämpferischer unbeirrbarer Baustadtrat, dem die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Folge der Auseinandersetzung Anfang des Monats offiziell eine Missbilligung ausgesprochen hatte, dazu viel Unsicherheit im Kiez, was das Ganze eigentlich soll.

Doch zum großen Knall am Columbiadamm kam es nicht. Denn die rund 330 Menschen, die am Dienstagabend auf Einladung von Bezirksamt und Senatsverkehrsverwaltung ins Columbia Theater für Diskussion, Beratung und gemeinsame Erarbeitung neuer Ziele für Bergmannstraße und Umgebung gekommen waren, suchten nicht den Krawall. Es waren Anwohner, die weniger etwas verhindern als etwas aufbauen wollen.

Kritik von Anwohnern

Jetzt waren die Bürger gefragt. Die Teilnehmer sollten sich zu den wesentlichen Fragen der Begegnungszone in kleinen Gruppen äußern. An neun Stationen ging es um Themen wie Lärm, Sicherheit, Aufenthalt und Ästhetik in der Begegnungszone, um die Lösung des Kiezes von den erheblichen Verkehrsströmen der angrenzenden Hauptverkehrsstraßen wie Mehringdamm und Gneisenaustraße, und den Versuch, vor der Marheinekehalle einen autofreien Vorplatz einzurichten.

In den Diskussionsrunden gab es Kritik von Anwohnern, dass der Testcharakter der Begegnungszone in den vergangenen Monaten nicht immer deutlich gewesen sei. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) hatte dazu eingangs eingeräumt: „Ich sage hier ganz ehrlich: Es ist nicht gut gelaufen.“ Über den Einsatz der zwei hölzernen Parklets, die vor den jetzt dort angebrachten 17 gelb-metallenen Sitzgelegenheiten installiert worden waren, sagte Schmidt: „Ich gebe zu: Das waren Rohrkrepierer.“ Diese und weitere Eisbrecher des Stadtrats kamen gut an beim Publikum.

Felix Weißbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes im Bezirk referierte zum Ist-Stand im Kiez, dass die inzwischen dort patrouillierenden Parkläufer gemeldet hätten, dass der in der Vergangenheit auf Parklet-Gäste zurückgeführte Lärm in der Straße derzeit eher von Besuchern der Cafés komme. Der Zwischenruf eines Teilnehmers: „Macht die doch auch noch zu“, wurde vom Publikum mit Buh-Rufen quittiert.

Mit dem Flixbus durch enge Straßen

Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) erinnerte daran, dass es für die Umsetzung der Begegnungszone immerhin einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gegeben hatte. Sie wandte sich gegen den seitdem ebenfalls von der BVV gefällten Beschluss vom Januar, den Versuch auf der Bergmannstraße zu beenden. „Für mich macht es keinen Sinn, den Test abzubrechen: Dann wäre es kein Test.“ Die Besucher am Columbiadamm quittierten das mit Applaus.

Überhaupt ließen sich die, die gekommen waren, voll auf die Diskussion ein, lieferten an den Stationen Beispiele aus dem Kiez-Alltag, wo es in der Begegnungszone gar nicht funktioniert, was dagegen ausgebaut werden sollte. Das waren in der Mehrheit Menschen von mindestens mittlerem Alter mit langer Erfahrung im Bezirk. Meist ging es ihnen um Verkehrsführung. Ein Anwohner sagte: „Ich lebe im Bereich Chamissoplatz. Viele Pendler schlängeln sich da täglich durch.“ Einer anderen Besucherin war „unklar, warum Flixbusse durch unsere engen Straßen müssen.“ Das griff eine Teilnehmerin auf: „Der Kiez muss so gestaltet werden, dass Autofahrer keine Zeit sparen, wenn sie die Abkürzung bei uns etwa von der Zossener Straße zum Mehringdamm nehmen.“

Bloß keine Fußgängerzone

Große Ablehnung gab es mehrheitlich gegen die grünen Punkte auf der Fahrbahn, die für Verkehrsberuhigung sorgen sollen. Anwohner bemängelten auch, dass weder Temposünder noch Zweite-Reihe-Parker bestraft werden. An Parklets kritisierte ein Besucher, die Stühle erlaubten nur den unschönen Blick auf den vorbeiziehenden Verkehr. Andere Teilnehmer erklärten ihm, das treffe nicht auf alle Sitze zu. Ein Anwohner berichtete von kleinen Kindern, die auf den Parklets klettern. „Es wird nicht lange dauern, bis eines auf einer Kühlerhaube landet“, so seine Warnung.

Angesichts einer auf verengter Fahrbahn gestiegenen Aggressivität zwischen Auto-, Fahrrad- und Busfahrern sowie Fußgängern erhielt Cordula Plischke aus der Friesenstraße viel Zustimmung mit ihrem Appell: „Wir müssen in der Bergmannstraße alle ein wenig näher zusammenrücken.“ Der Umgang miteinander müsse sich verbessern, so die 52-Jährige. Den Abend bewertete sie später positiv. Es sei viel Vorarbeitet geleistet worden, die Themen der Stationen seien gut gewählt worden. „Ich gehe hier mit guter Stimmung raus“, sagte sie.

Gegen den Vorschlag eines Teilnehmers, die Straße in eine Fußgängerzone umzuwandeln, sprach sich in der Diskussion Anwohner Max Thomas Mehr aus. Er lebe seit 46 Jahren im Kiez. Verkehr gehöre zu einer Stadt und wie unattraktiv Fußgängerzonen sind, wisse er von Besuchen in Westdeutschland, so der 65-Jährige.

Erprobung der Begegnungszone wird fortgesetzt

Kritik und Vorschläge nahmen an den Stationen Fachleute auf, etwa Amtsleiter Weißbrich. Wie auch bei der Bürgerbeteiligung für eine Radschnellverbindung im April im Rathaus Zehlendorf werden bei dieser für manchen fremd wirkenden Methode die Einwohnermeinungen gesammelt, später zusammengefasst, um als Essenz der jeweiligen Themen in neuen Fragestellungen und Vorschlägen zurück an die Bürger gegeben zu werden. Was sich Verfechter der Begegnungszone aber auch Verkehrsaktivisten wie Hans-Peter Hubert von der Initiative leiser-bergmannkiez.de immer unter Bürgerbeteiligung vorgestellt hatten: An diesem Abend, sechs Monate nach dem eigentlich für November 2018 angekündigten Start der Testphase, nahm sie im Columbia Theater Fahrt auf.

Wie immer Bezirksamt und Senatsverwaltung das momentane Stadium der Begegnungszone nennen mögen: Ihre Erprobung wird fortgesetzt. Darin waren sich auch die Teilnehmer im Columbia Theater weitgehend einig. Anfang 2020 wird es eine Abschlussveranstaltung geben. Am Ende entscheidet die BVV, ob und welche Gestaltungsvarianten auf der Bergmannstraße umgesetzt werden.