Verdrängung im Kiez

Markthalle Neun: Anwohner protestieren gegen Aldi-Schließung

Die Anwohner im Kreuzberger Kiez von sind empört, dass Aldi in der Markthalle Neun gekündigt wurde.

Kritische Zuschriften sind an einer Wandzeitung in der Markthalle Neun ausgehängt.

Kritische Zuschriften sind an einer Wandzeitung in der Markthalle Neun ausgehängt.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin.  Mancher, der sich dieser Tage in die Aushänge am Eingang der Markthalle Neun vertieft, fragt sich, ob er sich da nicht gerade verliest. Ausgerechnet im ökologisch-linken Kreuzberg sind scharfe Anwohnerproteste gegen die Kündigung einer Aldi-Filiale an der Traditionsadresse plakatiert. Viele sehen den Discounter im hochwertigen und hochpreisigen Angebot für Gourmets und Foodies als letzte Anlaufstelle für die eigenen Bedürfnisse - und finanziellen Möglichkeiten.

Die drei Geschäftsführer aber rücken von ihrer Entscheidung nicht ab und holen statt dessen eine Drogerie-Kette ins Haus.

Zur Mittagszeit haben sie sich um einen der rohen Holztische im griechischen Lebensmittelgeschäft gegenüber der Halle zusammengefunden: Menschen, die seit Jahrzehnten im Kiez leben, Kinobetriebe aufgebaut haben, Kultfilm-Poster verkaufen und Anwohnerinitiativen organisiert sind.

Die Pläne der Markthalle-Neun-Geschäftsführer empören die meisten: Nach der jüngsten Vertragsverlängerung 2016 wurde Aldi zum 31. Juli gekündigt. Spätestens im ersten Quartal 2020 zieht Drogeriekette „dm“ ein. „Wo soll jetzt unsereins Lebensmittel einkaufen?“, heißt es in der Anwohner-Runde.

Seit 130 Jahren ein Treffpunkt für den Kiez

„Der Supermarkt stellt die letzten zehn Prozent der Halle dar“, sagt der 57 Jahre alte Medienunternehmer Andreas Wildfang, „die von den normalen Leuten im Kiez genutzt wird.“ Helmut Hamm betreibt die „Galerie filmposter.net“ gegenüber der Halle. „Ich habe mich neulich mal am Stand des Bäckerei dort angestellt“, sagt der 54-Jährige. „Als ich sehe, dass ein halbes Kilo 4,50 Euro kosten, bin ich gegangen.“

Neben ihm fügt Wildfang hinzu: „Wenn mein Kind abends überraschend Mitschüler nach Hause bringt und die haben Hunger, dann gehe ich in der Halle nicht an den Gemüsestand, um zwei Stunden später Teltower Rübchen zu servieren. Da will ich die schnellen Ravioli aus dem Discounter.“ Der 56 Jahre alte Lehrer, Übersetzer und Hartz-IV-Empfänger Giles sagt: „Diese Halle ist seit 130 Jahren ein Treffpunkt für den Kiez. Das droht zu enden.“

Tatsächlich ist die Markthalle seit jeher Zentrum des Viertels. 1890 erbaut, 1891 eröffnet, war sie Teil eines Infrastrukturprogramms des Berliner Magistrats, das vorsah, Wochenmärkte in hygienischeren festen Gebäuden neue Standorte zu bieten. Die landeseigene Eigentümerin, die Berliner Großmarkt GmbH stellte die Halle 2008 zum Verkauf. Zu wenig Kundschaft und Filialen der Ketten Drospa, Kik und Aldi prägten den Ort.

Die Geschichte der Markthalle Neun heutiger Prägung war dann von vornherein vom Geist des Bezirks geprägt. Mitsprache der Anwohner, Abstimmungen, Absprache mit der Bezirksverordnetenversammlung waren Maximen des Verkaufs. Nicht der Meistbietende sollte den Zuschlag erhalten, sondern das beste Modell. Darüber, welcher der ursprünglich 19 Entwürfe in die engere Wahl kam, beriet ein Gremium von Vertretern aus Wirtschaft, Senat, Nachbarschaft und Bezirk.

Ziel war eine „Halle für alle“

Anwohnerinitiativen, eine Vereinigung von Lebensmittelhändlern im Kiez und ein Kulturverein gründeten sich, Konzepte wurden in der Halle ausgehängt. „Es sollte sich hier das ansiedeln, was den Menschen im Kiez gefällt und nicht, was am meisten Geld einbringt“, sagt die 70-jährige Elke.

Die energische Frau mit den knallrot gefärbten Haaren hatte sich bei der Entstehung der Halle in einer Initiative engagiert. Was daraus seit der Eröffnung 2011 geworden ist, sei aber „nicht mehr für uns gemacht.“ Der Slogan „Halle für alle“, mit dem man damals für das Konzept der jetzigen Betreiber gekämpft hatte, gelte 2019 für die Markthalle nicht mehr.

Constance (58), gebürtige Amerikanerin und Angestellte im Medienbereich, findet im Discounter noch, was einen Markt ausmacht: “Die Frauen an den Kassen kennen mich, mit denen kommt man immer ins Gespräch.“ Den 26-jährigen Studenten Boudy stört, dass man in der Markthalle zukünftig nicht mehr „teilhaben kann an der Stadt“. Giles klagt über Touristenströme, und Andreas Wildfang sagt, jene Feinschmecker, die am Donnerstag zu dem stadtbekannten „Street Food Thursday“ kommen, um „Austern zu schlürfen und Sherries zu kosten“, hätten nichts mit ihm und mit dem Kiez zu tun.

Dass es auch nach der Schließung in wenigen 100 Metern Entfernung weiterhin einen weiteren Supermarkt gibt, spiele keine Rolle, sagen die Anwohner in der Runde. Es gehe ums Prinzip, dass man nicht darin bevormundet werden wolle, wie und wo man einkauft.

Stückweise die Discounter loswerden

Bernd Meier, einer der drei Gründer und Geschäftsführer hat für die Darstellung seiner Sicht auf einer der langen Imbiss-Bänke im Zentrum der Halle Platz genommen. Ein Espresso steht vor ihm. „Die Markthalle war von vornherein als Ort kleinteiliger Anbieter geplant und so auch angekündigt.“

Vor ihm liegt das Nutzungskonzept, mit dem man vor zehn Jahren ins Rennen gegangen war. Eine Zeitachse zeigt, dass man stückweise die Discounter loswerden wollte und dass Aldi bereits 2015 ausziehen sollte. Weil sich aber schon beim ersten Anlauf, dies umzusetzen, Protest der Anwohner geregt hatte, wurde der Vertrag verlängert.

Dass der Abgang der Discounter stets angekündigt war, wissen auch die einstigen Markthallenverfechter der Anwohnerinitiativen. Einer von ihnen hatte Elke im griechischen Feinkostladen daran erinnert. Ihre Antwort: „Ich darf doch im Laufe der Zeit meine Meinung ändern.“ Von dem, wofür sie vor acht Jahren stimmte, fühlt sie sich wie viele derer, die jetzt protestieren, inzwischen ausgeschlossen.

Geschäftsführer Meier sagt, es gehe in der Halle um den wahren Wert von Lebensmitteln. In der Frage industrieller Herstellung contra Handwerksbetriebe, gelte „unsere Solidarität immer den Bauern“. Auch öffentlich verschließen sich die Betreiber nicht der Kritik der Anwohner. Großflächig sind die Protestschriften ausgestellt. Auf ihrer Webseite haben sie eine Reihe Antworten und Rechtfertigungen auf das veröffentlicht, was ihnen in Gesprächen während der vergangenen Wochen vorgeworfen wurde.

Kein Mitarbeiter soll seinen Job verlieren

So habe die Supermarktkette versprochen, dass durch die Kündigung kein Mitarbeiter seinen Job verliert. Man wende sich auch nicht gegen Menschen, die dort einkaufen. Man teile die Ängste vor Verdrängung und Gentrifizierung. „Wir sind jedoch überzeugt, dass Discounter und ihre Geschäftspraktiken keine Antwort auf diese Probleme bieten“, schreiben die Betreiber.

Nach dem Motiv gefragt, sich vom Supermarkt zu trennen, erklärt Meier, ein Drogeriemarkt fehle eben im Kiez, der ziehe mehr Publikum an. Noch ist nur freitags und sonnabends Wochenmarkt, hinzu kommt zumindest die wichtige Geldquelle des Street Food Abends.

Anwohnerin Elke indes sagt, die Unternehmer wurden von den Standbetreibern der Halle dazu gedrängt. Das verneinen die Geschäftsführer, ebenso Händlervertreter Wolf Siems vom Gastrobetrieb „Kantine“. Das Angebot der Halle unterscheide sich doch klar von dem des Supermarkts, so Siems. Aber: „Dass der Kiez jetzt die Halle attackiert, ist für uns existenzbedrohend. Denn die Markthalle Neun lebt vom Kiez.“