Ausstellung

"Sgt. Pepper? Ist eine echte Nervensäge für mich."

Peter Blake, bekanntester Pop-Art-Künstler Englands, stellt in Kreuzberg aus. Sein Auftragswerk für die Beatles aber ist ihm heute eher lästig

Stars, Logos und Symbole: Peter Blakes "Sources Of Pop 2"

Stars, Logos und Symbole: Peter Blakes "Sources Of Pop 2"

Foto: Peter Blake / Browse Gallery

Berlin - Kreuzberg. Reden wir nicht lange 'drum herum: Peter Blake hat 1967 das Cover von "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" gestaltet. Doch schon seit den 50er-Jahren ist der Mann aus der Grafschaft Kent im knallbunten Feld jener aufkeimenden Kunstbewegung unterwegs, als deren international bekanntester britischer Protagonist er heute, mit 86 Jahren gilt. Für die englischen Feuilletons ist er mal "Vater der britischen Pop Art" mal "Großbritanniens Andy Warhol". 2002 schlug ihn die Queen zum Ritter. Neben seiner Arbeit als Maler und Collagist hat Blake immer wieder Aufträge als Gestalter von Plattenhüllen angenommen, etwa für Eric Clapton, Paul Weller und Oasis. Einen Querschnitt von Siebdrucken der Pop-Art- und Pop-Klassiker zeigt von diesem Sonnabend an die Kreuzberger Browse Gallery. Im Vorfeld sprach Patrick Goldstein mit Peter Blake.

Berliner Morgenpost: Sir Peter, dies ist in einer langen Karriere mit vielen Richtungswechseln Ihre erste Ausstellung in Berlin. Was ist der Schwerpunkt?

Sir Peter Blake: Es sind wohl die Arbeiten, die unter den Begriff Pop Art fallen. Kern ist eine Serie von Siebdrucken, "The Sources Of Pop Art", die Bilder und Symbole der Pop Art zeigt, wie wir sie alle eingesetzt haben. Ich, Andy, deutsche, französische Künstler...

Diese Faszination der Pop Art für Stars, Ikonen und Idole: Ist das etwas, was Sie selbst teilen?

Sagen wir, ich bin fasziniert vom "Phänomen Idol". Es ist für mich keine Frage des eigenen Geschmacks. Die Stellung bestimmter Idole in der Hierarchie von Stars ist in manchem Fall einfach unverkennbar. Wenn man etwa den größten Rock'n'Roll-Star aller Zeiten benennen wollte, kommt man einfach nicht an Elvis Presley vorbei. Auch wenn ich Bo Diddley oder Chuck Berry bevorzuge. Und d i e einzigartige "Filmblondine" ist natürlich Marilyn Monroe, auch wenn mein eigenes Idol eher Kim Novak wäre.

Dass Sie seit den 60er-Jahren einer Menge dieser Berühmtheiten begegnet sind - Sie essen mit Michail Gorbatschow, Paul McCartney kommt zu Ihrem Geburtstag, Robbie Williams fährt im abgedunkelten Landrover vor, um einen Auftrag zu besprechen -, hat Ihre Sicht auf Idole nicht abgekühlt?

Nur insofern, als dass manche von ihnen Freunde geworden sind. Letzte Woche war Pete Townsend...

...von der Band The Who...

...da, um etwas zum Cover abzustimmen, an dem ich für das nächstes Album arbeite. Das war zunächst mal ein Business-Gespräch. Aber es war auch eine Begegnung mit einem alten Freund. Dann gibt es aber Treffen mit Brian Wilson...

...für dessen Soloalbum "Gettin' In Over My Head" Sie die Plattenhülle gestaltet hatten...

Er ist mehr mein unangefochtener Held geblieben, als dass wir Freunde wären.

Während Sie in Ihren Arbeiten Persönlichkeiten zeigen, die peinlich darauf bedacht sind, in der Weise wie sie sich kleiden, wie sie die Haare tragen, ein Image, eine Haltung herüberzubringen, präsentieren Sie sich, Sir Peter, konträr dazu öffentlich vornehmlich im unaufgeregten schwarzen Anzug und einem seit 50 Jahren beinahe unveränderten Bart im Stil des 19. Jahrhunderts. Zufall?

Wissen Sie, mein Freund, der großartige britische Fotograf Terence Donovan hat einmal gesagt, wenn man einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte trägt, ist man für absolut jeden Anlass passend gekleidet: Ob man sich morgens auf der Straße mit dem Müllmann unterhält oder nachmittags die Queen trifft. Der Stil macht einen uniform. Aber beständig. Es ist mein "Nicht-Stil", für den ich irgendwann bekannt wurde, so dass das dann doch wieder ein Stil wurde. Meiner, eben. Und der Bart signalisiert für mich: weiser alter Chinese (lacht). Sehr praktisch, wenn man alt wird und sein Doppelkinn kaschieren möchte.

Begegnen Ihnen Menschen ehrfüchtiger seit Sie "Sir Peter" sind?

Ich denke schon. Leute zögern, mich anzusprechen, viele sind auch unsicher, wie sie mich anreden sollen. Ich bin stolz auf meinen Ritterstand. Aber meine Autogramme schreibe ich weiterhin ohne den "Sir".

Das Cover der Benefiz-Single „Do They Know It's Christmas?" von 1984, auf das 1985 die Live-Aid-Konzerte folgten, ist ein "echter Peter Blake" den viele besitzen, ohne es zu wissen. Welche Wirkung versuchten Sie mit der Collage zu erzielen?

Ich wollte eine möglichst kitschige Weihnachtsszene schaffen, viktorianisch, der Weihnachtsmann schaut durchs Fenster hinein, es gibt Kuchen, die Stimmung ist freudig, Kinder öffnen ihre Geschenke. Und im selben Raum sitzen die hungernden äthiopischen Kinder, die nicht verstehen, was da vor sich geht. Das surreale Konzept ist, dass die britischen Kinder die Afrikaner nicht sehen und diese wiederum nicht wissen, wo sie sich da eigentlich befinden. Das Subversive daran war: Hätte ich die afrikanischen Kinder in den Fokus gerückt, hätte im Laden niemand diese Platten gekauft. Sie wären in den Regalen stehen geblieben. So aber sah die Single auf den ersten Blick aus wie eine gemütliche Weihnachtskarte. Nur wer genau hinsah, erkannte den Kontrast zum Horror der äthiopischen Hungersnot.

Für das "Sgt. Pepper"-Cover von den Beatles haben Sie 1967 ein Honorar von 200 Britischen Pfund erhalten. Es wurde zur Ikone, aber selbst Nachverhandlungen Jahrzehnte später brachten ihnen keine weiteren Zahlungen. Ist das der Grund, warum Sie heute sagen, das Cover habe sich für Sie "als Fluch erwiesen"?

Die Entstehungsgeschichte war so: Mein Galerist Robert Fraser hatte mich als Künstler dafür vorgeschlagen. Aber als er den Vertrag unterschrieb, wahrscheinlich stoned bis zum Anschlag, waren für mich darin weder Tantiemen noch Copyright festgelegt. Das hätte mich sonst ziemlich reich gemacht. Zu diesem Unbehagen ist inzwischen hinzu gekommen, dass in meinem Studio bis zu sechs Tage die Woche Pakete mit dem Plattencover eintreffen mit der Bitte von Fans, sie signiert zurück zu schicken. Manchmal sind 20 Hüllen darin, gelegentlich noch ein Fragebogen an mich. Oder man bittet, ob ich nicht noch eine kleine Zeichnung beilegen könnte. Ehrlich: Das hängt wie ein Fluch über mir. Sgt. Pepper ist mir zur Nervensäge geworden.

Wenn wir also das Cover als erste Bebilderung für dieses Interview benutzen sollten, würden Sie sagen: "Bitte nicht schon wieder, ich stehe wirklich für mehr als diese Sgt. Pepper-Hülle!"

Wahrscheinlich. Yeah.

Browse Gallery, Bergmannstr. 5, Innenhof rechts, Kreuzberg, bis 2. März, Di.-So. 14-20 Uhr, Eintritt frei

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.