Neue Wohnungen

Neubau geplant - Mieter sauer: „Warum ausgerechnet hier?“

Den Mietern von der Landsberger Allee 62–72 soll ein Neubau vor die Balkone gesetzt werden. Dagegen wehren sie sich mit allen Mitteln.

Mieter von der Landsberger Allee wehren sich gegen einen geplanten Neubau auf dem Hinterhof. In der Bildmitte steht Wolfgang Schmelzer

Mieter von der Landsberger Allee wehren sich gegen einen geplanten Neubau auf dem Hinterhof. In der Bildmitte steht Wolfgang Schmelzer

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Es ist eine Zwickmühle. Die Stadt braucht Wohnungen. Aber die, die ein Zuhause haben, wollen die benötigten Neubauten nicht in ihren grünen Innenhöfen. Zum Beispiel an der Landsberger Allee 62-72 in Friedrichshain. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft WBM plant in ihrer Siedlung ein achtstöckiges Haus. Doch die dort lebenden Mieter stemmen sich mit aller Kraft dagegen.

Ihr Gebäudekomplex mit rund 200 Wohnungen befindet sich an der Landsberger Allee. Mieter Wolfgang Schmelzer wohnt seit 1965 in seiner Drei-Zimmer-Wohnung im sechsten Stock. Drei der Gebäude im Block stammen aus Ostzeiten, die Blockrandschließung kam nach der Wende – ein willkommener Lärmschutz war das, sagt der 78 Jahre alte ehemalige Profi-Radfahrer und Zeitungsfotograf. Er ist Wortführer der empörten Anwohner, von denen sich auf seine Rundmail mehr als ein Dutzend im Hof eingefunden haben, um von ihrem Ärger zu erzählen und zu erklären, was sie an den Neubauplänen stört.

Aus dem Fenster sah man bisher die Bäume

Die sogenannte Verdichtung, also Bebauung an bestehender Wohnfläche, sieht bei ihnen ein 19 mal 19 Meter großes Haus mit 32 Mietwohnungen vor. Als Baustart ist das Frühjahr 2020 vorgesehen. Mieterin Monika Fielitz (75), die seit zwölf Jahren im Block wohnt, zeigt auf die zu bebauende Fläche. In Frühling und Sommer machen gut 20 blühende Bäume das graue Ensemble zu einem Ort, an dem man sich als Passant wohl fühle. Zehn werden gefällt, sagt sie. Fünf will die WBM nachpflanzen, der Rest wird finanziell ausgeglichen.

Mieter Christian Güse (45), dessen Block um die Ecke an der Pintschstraße ebenfalls verdichtet wird, sagt: „Wir zogen ein, nachdem unsere Tochter geboren wurde. Man trat in unsere Wohnung und blickte durch die Fenster auf eine Front wunderbarer Bäume.“ Bei ihm sollen nun auf fünf und sieben Geschossen 29 Mietwohnungen entstehen. Auch dort ist Baustart in 2020. Zehn Bäume werden gerodet, fünf kommen als Ersatz, „und eine Schmetterlingswiese auf einem der Dächer soll es geben“, sagt er verächtlich. „Das ist kein passender Ausgleich.“ Mit Wolfgang Schmelzer rechnet vor: „Rund 30 Parkplätze fallen bei uns fort. Aber hinzu kommen Wohnungen mit Mietern, die zum Teil auch Autos haben werden. Das ist alles nicht durchdacht.“

Spricht man mit den Mietern im Hof, sagt ein Rentner etwa: „Die gucken mir dann direkt im Esszimmer direkt auf den Teller.“ Ein Gewerbetreibender der Mieterschaft hat mit großen Technikaufwand eine Computer-Simulation entworfen, die die zukünftig erhebliche Schattenwirkung des neuen Hochhauses auf die Bestandshäuser darstellt. Mieterin Fielitz empört: „Wie kann so etwas genehmigt werden? Sogar in der DDR bestand die Auflage, Gebäude so weit voneinander zu bauen, dass noch im Februar jede Wohnung zwei Stunden Sonne bekommt.“ Auch werde die Lärmbelastung steigen, weil es im Hof dann mehr schallt. Zudem fürchten Mieter, dass der Standort des Mülls zu nah an Haus 66 liegt. Ein weitere Sorge: Die geförderten Neubau-Wohnungen werden an Mieter mit WBS vergeben – arme Menschen oder Leute in Not. Mancher Mieter sagt, dass solche Nachbarn nicht im Block haben möchte.

Was die Anwohner zudem bewegt, ist das Gefühl, nicht in WBM-Pläne einbezogen worden zu sein. „Irgendwie hätte der Bezirk doch mit den Bürgern kommunizieren müssen“, findet Schmelzer. Im Juni hatte die Wohnungsbaugesellschaft in einem Aushang mitgeteilt, dass der Parkplatz bebaut wird und dass man im August zu einer Informationsveranstaltung laden werde. In ihrer Hilflosigkeit schrieb Mieterin Fielitz einen Protestbrief an die Bau- und Wohnungsaufsicht. Der zuständige Mitarbeiter des Amtes erklärte, die WBM habe mit der Einladung der Anwohner durchaus „in geradezu vorbildlicher und wünschenswerter Art und Weise“ eine Bürgerbeteiligung eingeleitet. Die kämpferischen Mieter entschlossen sich, einen Einwohnerantrag bei der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) einzubringen. Dazu waren 1000 Unterschriften Wahlberechtigter Friedrichshainer nötig. 1230 gültige Signaturen kamen zusammen.

Der 89 Jahre alte Dieter Kühne war einer Anwohner, die bei Sitzungen in Bauausschuss und BVV auf ihre Situation aufmerksam gemacht und ihren Einwohnerantrag begleitet hatten. Kühne empört noch immer die Stellungnahme eines Bezirksverordneten: „Er sagte, wir seien alle in unseren Häusern gut versorgt und könnten kein Verständnis aufbringen für jene, die dringend eine Wohnungen suchen.“ Dabei wisse er sehr wohl, wie sich Menschen fühlen, die einfach kein Zuhause finden. „Zwei meiner Enkel suchen seit langem selbst – ohne Erfolg.“

Die Mieter von der Pintschstraße wollen den Neubau in ihrer Siedlung noch einmal vom Bezirksamt prüfen lassen und sammeln jetzt ebenfalls Unterschriften. „Im flächenmäßig kleinsten und mit rund 70 Prozent versiegelter Fläche am höchsten verdichteten Bezirk Berlins sollen für eine Nachverdichtung die alten und gesunden Bäume im Hinterhofgarten gefällt werden, um weitere Neubauten und damit mehr versiegelte Flächen entstehen zu lassen“, schreiben sie in ihrem Flyer.

Bei der WBM sagt Martin Püschel, man habe Verständnis dafür, dass Mieter nicht direkt vor ihrer Balkontür in ein neues Wohnhaus sehen möchten. Allerdings stoße man bei jedem Projekt der Nachverdichtung auf die Reaktion der Anwohner: Woanders gern, nur bitte nicht bei mir. Püschel verwies auf die Kooperationsvereinbarung des Landes Berlin mit den sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften Berlins aus dem April 2017. Die WBM ist beauftragt, bis 2026 10.000 neue Wohneinheiten zu schaffen.

Zumindest ein kleiner Erfolg für die Anwohner

Aus Kostengründen nutze man verstärkt Flächen auf eigenen Grundstücken. Diese befinden sich fast ausschließlich in Friedrichshain und Mitte. In der Siedlung Landsberger Allee würden laut Püschel gerade mal acht Prozent der Freifläche vom Neubau genutzt. „Auch in der Höhe reizen wir längst nicht aus, was möglich wäre.“ Es handele sich weniger um eine grüne Oase als um einen Parkplatz.

Einen kleinen Erfolg konnten die dortigen Mieter immerhin verbuchen. Ihrem Antrag folgend, beauftragte die BVV das Bezirksamt, „die voraussichtlich erheblichen Umweltauswirkungen und Einschränkung der Lebensqualität für betroffene Anwohnerinnen unter Berücksichtigung des geplanten Nachverdichtungs-Bauvorhabens in einem Umweltbericht zu beschreiben und zu ermitteln“. Ob allerdings ein Gutachten, selbst in ihrem Sinne, das Hochhaus in ihrem Innenhof verhindern würde, ist in Anbetracht der Berliner Wohnungsnot fraglich.

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