Vorkehrungen

Britische Wahlberliner: Geschäfts-Aus durch den Brexit

Dale Carr schließt ihr beliebtes Geschäft in Kreuzberg. Andere Briten in Berlin wollen Deutsche werden.

Broken-English-Chefin Dale Carr schließt ihr letztes Geschäft in Kreuzberg Ende Mai

Broken-English-Chefin Dale Carr schließt ihr letztes Geschäft in Kreuzberg Ende Mai

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  In einer zunehmend internationalen Stadt ist die Sorge vieler Wahlberliner groß, was aus ihrer Heimat Großbritannien wird, wenn das Land die Europäische Union verlässt. Und aus ihnen selbst. Das offizielle Austrittsdatum, der 29. März rückt immer näher. Viele haben bereits persönliche oder geschäftliche Vorkehrungsmaßnahmen ergriffen, um in Berlin die umstrittene Jahrhundert-Entscheidung ihrer Landsleute unbeschadet zu überstehen.

Künstlerin Rebecca Carrington spricht vom Brexit nur noch als „die Katastrophe“. Mit ihrem (Lands-)Mann Colin Brown macht sie in Berlin und Festlandeuropa turbulente Musikshows, aktuell in der Bar jeder Vernunft. Seit elf Jahren leben sie in Berlin, derzeit in Kreuzberg. „Weil wir in aller Welt auftreten, fürchten wir seit der Pro-Brexit-Abstimmung 2016, zukünftig vor Auftritten überall Visa beantragen zu müssen“, sagt sie. Statt dessen beantragte das Paar deutsche Pässe.

Für den Einbürgerungstest (Teilnahmegebühr: 25 Euro) mussten sich Carrington-Brown auf 310 Fragen vorbereiten. Sie reichten von „Was bedeutet die Abkürzung EU?“ bis zum Benennen des Wappens der Bundesrepublik aus einer Auswahl, zu der DDR- und Bundeswehrwappen sowie Christusmonogramm zählten. Beim Sprachtest galt es etwa, einen Text wieder zu geben sowie mit einem Prüfer aus dem Stegreif Konversation zu treiben. „Wir haben beides bestanden“, sagt Carrington. „Aber die Bürokratie endet nicht. Nun muss Colin, der Brite ist, aber jamaikanische Eltern hat, auch noch dokumentieren, dass er niemals beabsichtigen wird, selbst Jamaikaner zu werden.“

Bei einer Freundin, einer Pro-Brexiterin, umschiffe sie den EU-Austritt stets wohlweislich, sagt Carrington. Unternehmerin Dale Carr dagegen zeigt bei dem Thema null Toleranz. „Ich habe deshalb mit meiner besten Freundin gebrochen“, sagt sie. Seit 24 Jahren führen sie und Ehemann Robin das Kultgeschäft „Broken English“ in Kreuzberg. Dort gibt es von Delikatessen bis zum Queen-Bild britische Ware vom Feinsten. Von Ende Mai an aber nicht mehr. Carr schließt. Grund ist die Sorge, unter welchen Bedingungen sie zukünftig ihre Importe aus UK bekommt.

Lieferungen für Händler teurer

„Die kleinen Firmen, bei denen wir bestellen, sind nicht in der Lage, den absehbaren Papierkram und die Zollbedingungen für die Warenausfuhr zu bewältigen“, so ihre Prognose. Zudem erwartet Carr, dass Lieferungen bei schwachem Pfund und starkem Euro für ihre Händler teurer werden, was den Preis erhöht. „Schauen Sie sich an, wie teuer etwa Lebensmittel aus den USA im Supermarkt sind. Das können wir in Kreuzberg nicht verlangen“, sagt Dale Carr.

Viele britische Stammkunden seien jetzt in Sorge, wie ihr Leben in Berlin weitergeht. Während die Carrs deutsche Pässe haben, müssen sich auch ihre zwei erwachsenen Kinder neu orientieren. Britische Bürger sind derzeit von Behördenseite aufgefordert, sich zu registrieren.

Brexit versetzt Business letzten Schlag

Ein „Glück im Unglück“ sei, dass sie beide 66 Jahre alt sind und nun in Rente gehen können, sagt Dale Carr. Drei Filialen hatte sie zeitweilig in Berlin. Bis Ende Mai hofft sie, den Ladenbestand verkauft zu haben. Einen letzten Schlag versetzt der Brexit ihrem Business, da ihr dadurch wohl ein lukrativer Ausstieg entgeht. „Normalerweise kann man nach mehr als zwei Jahrzehnten ein so etabliertes Geschäft weiterverkaufen“, sagt sie. Doch angesichts der vielen offenen Fragen über den Handel mit UK findet Dale Carr keinen Interessenten.

Das Interesse, wie sie die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen, nimmt in der gegenwärtigen Situation zu. Laut Statistischem Bundesamt wurden 7493 Briten 2017 zu Deutschen. Ein Rekordwert. 2015 ließen sich nur 622 Briten einbürgern, 2016 waren es mit 2865 Menschen mehr als vier Mal so viele. Für die Statistiker steht fest, dass die Sehnsucht nach der Deutschland vom Brexit ausgelöst wurde.

Auch das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg meldete im Dezember 2018 einen sprunghaften Anstieg in der Hauptstadtregion. 2017 ließen sich 558 Menschen aus dem Vereinigten Königreich einbürgern. In Brandenburg wollten 70 einstige Briten Deutsche werden. 2016 waren es in Berlin gerade mal 45 Menschen, in Brandenburg 27.

Carrington-Brown: Auftritte in der Bar jeder Vernunft am 12. und 13. Januar sowie im April. Broken English: Körtestraße 10, Kreuzberg, Mo.-Fr., 11-18.30 Uhr, Sbd., 11-16 Uhr.

Wahl-Berliner:

Die Zahl der in Berlin lebenden Ausländer ist seit Anfang der 90er-Jahre überproportional gewachsen. Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg waren es am 31. Dezember 1992 385.911 Menschen. Am 31. Dezember 2017 waren es 711.282. Die jüngste Zahl von Ende Juni 2018 liegt bei 725.458.

Die Gesamtbevölkerung der Stadt wuchs dagegen von 3.456.891 Ende 1992 auf 3.723.914 Ende Juni 2018. Zu diesem Zeitpunkt waren 19,5 Prozent der in der Stadt lebenden Menschen Ausländer.

Der größte Ausländeranteil unter Bewohnern eines Bezirks zeigte sich in Mitte (33,6 Prozent), gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (26,6 Prozent), Neukölln (25,3 Prozent) und Charlottenburg-Wilmersdorf (24,5 Prozent). Am geringsten ist der Wert in Treptow-Köpenick (8,9 Prozent). Die meistgenannten Heimatländer von Ausländern in Berlin sind Türkei (98.046), Polen (57.109), Syrien (34.445), Italien (29. 9129), Bulgarien (29.414), Russische Föderation (24.178), Rumänien (22.395) und USA (20.222). Aus dem Vereinigten Königreich stammten 15.898 Wahl-Berliner.