Umfrage

Aus dem Heinrichplatz könnte ein Rio-Reiser-Platz werden

In einer Befragung spricht sich Mehrheit für eine Ehrung des Politrockers aus. Ein CDU-Abgeordneter stellt das infrage.

Rio Reiser (1950 - 1996)

Rio Reiser (1950 - 1996)

Berlin. Das Volk hat gesprochen. Nun, zumindest jener Teil, der an einer Anwohnerbefragung im ehemaligen Kreuzberger Kiez SO36 lebt. Der Sänger und Songschreiber Rio Reiser (1950-1996) war vor allem dort aktiv und in der Hausbesetzerszene der 70er- und 80er-Jahre mit seiner Band „Ton Steine Scherben" und ihren kämpferischen Liedern nicht zuletzt in Wohngemeinschaften und auf Demonstrationen präsent. 5000 Haushalte erhielten Post vom Bezirksamt, das wissen wollte, wie man zur Benennung einer Straße in Friedrichshain-Kreuzberg steht.

Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg hatte beschlossen, Reiser zu ehren und an das Wirken seiner „Scherben“ in Kreuzberg zu erinnern. Dies sollte im Bezirk sichtbar werden. Deshalb bezog der Bezirk Weggefährten, Zeitzeugen und eben Anwohner ein. Allerdings gab es nur einen Rücklauf von 950 Fragebogen.

Darin sind 25 Prozent dafür, einen Teil des Marienplatzes nach dem Musiker zu benennen. Den hatte Reiser in seiner im üblichen Ton der Zeit über West-Berlins Grenzen im Stück „Rauch-Haus-Song“ mit den Zeilen bekanntgemacht: „Der Mariannenplatz war blau, so viele Bullen waren da“.

Ein Drittel der angeschriebenen Kreuzberger würde den Heinrichplatz nach ihm benennen. 30 Prozent ziehen ein Denkmal oder eine Gedenkinstallation vor. Immerhin zwölf Prozent wollen im öffentlichen Raum gar keine Ehrung.

Kulturstadträtin Clara Herrmann (Grüne) dankte jenen, die an der Umfrage teilgenommen haben. Die Diskussion über eine passende Ehrung für Reiser werde fortgesetzt.

Der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner aus dem Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg kritisierte die Absicht einer Ehrung oder Umbenennung. "Wir sind ein historisch gewachsener Bezirk. Ich sehe keinen Grund, nach Herrn Reiser irgendetwas in Kreuzberg umzubenennen. Er hat für den Bezirk nichts getan."

Geboren wurde Reiser, der eigentlich Ralph Möbius hieß, am 9. Januar 1950 in Berlin. Dort sammelte er in den 60er-Jahren Theatererfahrungen. 1970 begann die Ära der anarchistisch-links geprägten Scherben. Nach deren Auflösung wurde Reiser, der sich zu seiner Homosexualität bekannte, als dies noch nicht überall gesellschaftsfähig war und Karrieren ausbremsen konnte, zu einer Art Popstar. Seine Solo-Singles „Alles Lüge“, „Junimond“ und „König von Deutschland“ sind Radioklassiker. 1996 starb Reiser im nordfriesischen Fresenhagen. Sein Grab befindet sich mittlerweile auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Schöneberg.

Mehr zum Thema:

Vom Dschungel ins SO 36 - Mit Bela B. im Ohr Clubs erkunden

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.