Engagement

Wie Freiwillige armen Senioren eine Weihnachtsfreude machen

Freiwillige packen 500 Pakete für arme Senioren. Die Aktion ist seit Jahrzehnten in Berlin einzigartig.

Geschenkepacken im Seniorenzentrum Bethel Friedrichshain

Geschenkepacken im Seniorenzentrum Bethel Friedrichshain

Foto: Patrick Goldstein

Friedrichshain. Die zierliche Rentnerin, die aus der Kälte in den Flur stürmt, muss jetzt aber doch mal die Stimme erheben. "Wem gehört der weiße Kastenwagen da draußen? Der versperrt allen den Weg." Es ist ein geschäftiger Morgen im Seniorenzentrum Bethel in Friedrichshain. Gut 20 Helfer packen seit neun Uhr Weihnachtstüten für bedürftige alte Menschen im Bezirk. Indes treffen jene Freiwilligen ein, mit Firmenwagen, Privatauto oder Fahrrad, um die Präsente zu den Senioren zu bringen.

"Das gibt es berlinweit nur bei uns im Bezirk", sagt Horst Martin (80) von der Seniorenvertretung Friedrichshain-Kreuzberg. Seit 25 Jahren kümmert er sich um die Aktion, die ein strahlendes Beispiel bürgerlichen Engagements, gut verwoben mit der lokalen Wirtschaft, darstellt. Grundlage sind beispielsweise die Menschen von der Sozialkommission. Leute wie die eben freie Durchfahrt fordernde Erika Walter. Die 75-Jährige zählt zu jenen, die Senioren im Namen des Bezirks ab dem 80. Geburtstag besuchen und Gratulationen überbringen. Ab dem 100. Geburtstag kommen sie und ihre Kollegen jährlich. Ein Budget von 7.50 Euro steht ihnen für den Blumenstrauß und ein kleines Präsent zur Verfügung.

"Bei solchen Terminen sehen wir, unter welchen erbärmlichen Bedingung manche von ihnen leben. Arm, einsam und mit erwachsenen Kindern, die vielleicht woanders wohnen und sich nicht um sie kümmmern", sagt Walter. Namen und Adressen sammelt die Seniorenvertretung. Dort ist Horst Martin dann einer, der die Geschenke besorgt. Früher spürte er als polizeilicher Hundeführer Verbrecher auf. Als Rentner macht er nun potenzielle Sponsoren ausfindig. Einem Drogeriemarkt trotzte er in diesem Jahr wieder eine ganze Palette Kosmetik-Artikel ab, etwa Bodylotion und Creme, die am Tag zuvor ins Seniorenzentrum Bethel an der Andreasstraße geliefert wurde.

Ein Raum dort gleicht einem Warenlager. Kistenweise Äpfel und Konfekt sind auf einem Tisch in der Mitte gestapelt, außerdem Dominosteine, Lebkuchen, Weihnachtsmänner. Rundherum stehen Freiwillige, darunter auch Wolfgang Fisch, CDU-Bezirksverordneter für Friedrichshain-Kreuzberg, der Linken-Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser, die Grüne BVV-Vorsteherin Kristine Jaath und der Staatssekretär für Arbeit und Soziales, Alexander Fischer (Linke).

Auch Politiker und Unternehmen schicken Spenden

Der erste in der Reihe legt Äpfel in die Tüte, reicht sie weiter zum Nachbarn mit dem Gebäck, der gibt sie weiter zu den Schokoladenfiguren, und so weiter. "Es wurde in diesem Jahr so viel gespendet wie nie zuvor", sagt Dieter Kloß, Chef der Senioren-Vertretung. Einer der zwei Gesandten eines Pflegediensts, die mit dem weißen Kastenwagen für ihre Senioren die zugeteilten Tüten in Rot und Weiß abholen, entfährt beim Anblick sogar die Frage: "Ist das alles darin für jeweils nur einen Empfänger?"

Gespendet haben viele in diesem Jahr. Die Mercedes-Benz Bank lieferte selbstverschnürte Pakete, die BVV gab Geld, einzelne Politiker, Unternehmen und die Entertainmentmacher der Anschütz-Gruppe ebenfalls. Es waren Summen zwischen 150 und 2000 Euro. Insgesamt kamen 8000 Euro zusammen. Das reichte für drei Paletten, die Horst Martin und seine Kollegen am Vortag im Supermarkt zusammenkaufte.

Die 37 Jahre alte Sandra Weinkauf hat als Caritas-Mitarbeiterin 24 Senioren angemeldet, die in diesem Jahr etwas bekommen sollen. "Wir gehen ja in die Wohnungen und wissen daher, wie es den Menschen geht und was sie brauchen." Ohne besondere Aufforderung packen Wolfgang Fisch und zwei weitere Helfer Weinkaufs Taschen und tragen sie hinaus zum Caritas-Wagen. Der ist bald so voll, dass weder im Kofferraum, auf dem Beifahrersitz oder auf der Rückbank noch Platz ist. Die freie Sicht mit dem Rückspiegel ist auch versperrt. "Vielleicht", sagt Weinkauf nachdenklich, "sollte ich zwei Mal fahren." Der weiße Kastenwagen ist inzwischen umgeparkt und so fährt sie bald vom Hof, ihren Schutzbefohlenen entgegen.