Als Geschenk geeignet

Start-up-Idee: Immer schön auf dem (Spiele)Teppich bleiben

Mit der Software von Friedrichshainer Felix Stock bringen Eltern mit ihren Kindern ein Abbild des eigenen Kiezes auf die Auslegeware.

Designerin Laura Bednarski, Unternehmer Felix Stock und seine Tochter Margo 

Designerin Laura Bednarski, Unternehmer Felix Stock und seine Tochter Margo 

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Margo ist zehn Monate alt, kann schon stehen und nutzt diese sensationelle Fähigkeit, um am Wohnzimmertisch die glücklicherweise nicht angezündeten Adventskerzen in aller Ruhe Stück für Stück umzukippen. Dann zieht sie weiter und lässt sich auf ihren Spielteppich plumpsen, etwa Höhe Frankfurter Allee. Die Auslegeware zeigt jenen Ausschnitt des Kiezes, in dem Margo wohnt. Ihr Vater, Felix Stock bietet seit November derlei Teppiche an, die Eltern am Computer mit bunten Haussymbolen, Autos, Hamburger-Restaurants, Feuerwehrwagen und überhaupt allem, was ihrer Meinung nach zum Viertel gehört, versehen können. Bestellt wird ebenfalls online. Vor Weihnachten ist für Stock allerhand zu tun.

Friedrichshainer Stock brachte die Idee ins Internet, nachdem ihm seine Frau Natalie irgendwann nahegelegt hatte, eine der vielen Ideen, die ihm ständig durch den Kopf gehen, nicht nur zu diskutieren, sondern einfach mal umzusetzen. In bester Start-up-Manier, also daheim, ohne viel Geld und unter Einbeziehung spezieller Fähigkeiten von Freunden und Bekannten, wandelte der 34-Jährige seine Idee in eine Software um.

Schon Bestellungen aus Straßburg und Brüssel

Die ist kinderleicht geraten. Auf kinderkiez.net gibt man die Adresse an, die dargestellt werden soll. Sie kann auch außerhalb von Berlin liegen. So gab es bei Stock schon Bestellungen aus Straßburg und Brüssel, wo Großeltern für ihre Enkel orderten. Ein Vater baute das Heimatdorf seiner Kindheit nach und versank schnell in süßen Erinnerungen. Später schickte er Stock einen Dankesbrief.

Auf dem Bildschirm erscheint dann ein Ausschnitt der Umgebung. Designerin Laura Bednarski, die beste Freundin von Stocks Schwester seit zwei Jahrzehnten, hat dafür einen Look entworfen, den sie als erfahrene Bilderbuchautorin entwickelt hat. "Der ist verspielt, aber nicht platt und kalt", sagt die 26-Jährige. Wie Stock ist sie in Nordrhein-Westfalen groß geworden. Sie lebt inzwischen in Hamburg und kommt nur zur Abstimmung mit ihm nach Berlin.

System von Programmierer entworfen

Weil nicht restlos alle Häuser der Realität auf so eine Spielstraße passen, musste ein Programmierer für Stock ein System entwerfen, welches Gebäude letztlich zu sehen ist. "Da gibt es jetzt eine automatische Abstufung. Befinden sich auf engem Raum eine Kneipe und eine Kita", sagt Stock, "wird zuerst die Kita angezeigt. Bei der Frage Späti gegen Spielplatz gewinnt der Spielplatz."

"Wichtig war auch, dass die Bilder im Druck gut aussehen", fügt Laura Bednarski hinzu. So entschied man sich für das am besten geeignete Material Polyesterfilz. "Das ist auch zu säubern. Davon, dass jemand mit schmutzigen Gummistiefeln darüber gelaufen ist, ist also noch kein Kiez untergegangen", sagt Stock

Am Bildschirm haben Kunden nun die Möglichkeit, Gebäude zu ersetzen, hier eine Kirche hinzustellen, dort ein Gesicht von Opa auf das Haus, in dem er wohnt, zu heften. Stocks Sohn Juri (3) etwa hat bei der Zusammenstellung des heimischen Spielteppichs insistiert, dass vor das Haus seines Kindergarten-Kumpels Karl eine Kehrmaschine kommt. "Kehrmaschinen finden die beiden toll,", sagt Stock. "Wenn so ein Ding vorbeifährt, rennen sie sofort zum Fenster, um sich das genau anzuschauen." Auf einen kleinen Bauernhof im Kiez hätte er gern noch neben die anderen Tieren einen Löwen platziert. "Da musste ich ihn aber erinnern: Juri, das ist ein deutscher Bauernhof", sagt Stock.

"So ein Teppich hilft Kids, sich zu orientieren"

500 Objekte hat Laura Bednarski entworfen. Für die Briten wird es bald eine rote Telefonzelle geben, für Franzosen zum Beispiel ein Baguette-Symbol. Viele Stunden saß sie über einer exakten Darstellung der Pablo-Neruda-Bibliothek an der Frankfurter Allee in Friedrichshain. Sie hatte das Gebäude nie gesehen und musste ihre Zeichnung nach dem ausrichten, was sie im Internet an Bildmaterial zusammen tragen konnte. "Wir sind oft mit unseren Kinden in dieser Bücherei", sagt Stock. Überhaupt: "So ein Teppich hilft Kids, sich zu orientieren, wo was ist in ihrem Umfeld. Da kann man sie nach einigen Jahren auch mal zum Brötchenholen schicken. Sie wissen dann schon, wo der Bäcker ist und wie man hinkommt."

Ist alles gestaltet - die Wahl hat man zwischen zwei Größen -, wird der Auftrag abgeschickt. Eine Druckerei zu finden, war anfangs gar nicht leicht. "Ich schlug einem Unternehmen meine Idee vor und die Antwort war: 'Klasse, wie viele 1000 Stück wollen Sie?'", sagt Stock. "Ich musste dann erklären, dass es sich immer nur um Unikate handeln werde." Nun macht es eine Firma bei Köln.

Nach einem Fernsehbeitrag über sein Start-up ist die Nachfrage erheblich gestiegen. Eine Bürgerinitiative meldete sich zudem, und bat, die Software für einen Workshop mit Kindern nutzen zu dürfen, bei dem sie ihre Vorstellung von Stadt entwerfen sollen. In der Pablo-Neruda-Bibliothek liegt ein Teppich für Lernspiele mit jungen Besuchergruppen.

Ab Ende kommenden Jahres will Felix Stock den Break-Even-Point erreicht haben und schwarze Zahlen schreiben. Ob der Spielteppich bei ihm daheim angesichts eines Bezirks ständiger baulicher Veränderungen, neuer Verkehrsführungen und wechselnder Restaurants dann aber überhaupt noch aktuell ist, darf bezweifelt werden.

kinderkiez.net, Teppich mit 70 x 100 Zentimeter: 99 Euro, 100 x 140 Zentimeter: 149 Euro, Bestellungen bis zum 15. Dezember treffen laut Unternehmen zu Heiligabend ein.

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