Immobilien

Kampf um die Karl-Marx-Allee

Im Internet wird die erste Wohnung für knapp eine Million Euro zum Kauf angeboten. Unklar ist, wer sie verkauft. Hunderte protestieren.

Vor dem Willy-Brandt-Haus demonstrieren Mieter aus der Karl-Marx-Allee. Sie werfen der SPD vor, die Rekommunalisierung zu verhindern.

Vor dem Willy-Brandt-Haus demonstrieren Mieter aus der Karl-Marx-Allee. Sie werfen der SPD vor, die Rekommunalisierung zu verhindern.

Foto: RubyImages/F. Boillot / F. Boillot/RubyImages

Berlin. An der ehemaligen DDR-Prachtstraße herrscht Unruhe. Im Oktober kaufte das umstrittene Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen vier Blöcke mit 700 Wohnungen an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain. Das Unternehmen verspricht zwar, die bereits 2016 in Eigentumswohnungen aufgeteilten Blöcke langfristig im Bestand halten zu wollen. Trotzdem bangen rund 2200 Mieter um ihr Zuhause, befürchten ex­treme Mietsteigerungen oder letztlich doch den Einzelverkauf ihrer Wohnungen. Am Sonntag demonstrierten mehrere Hundert Menschen vor der SPD-Parteizentrale für die Rekommunalisierung.

Im Internet bietet eine Makleragentur jetzt eine Wohnung aus dem Bestand an. „Einmalige Paradewohnung in beliebtem Stalinbau mit beeindruckender 120 qm großer Terrasse“, wird da geworben. Die Wohnung im zweiten Stock an der Karl-Marx-Allee 91 sei im vergangenen Jahr saniert worden. Sie soll 137 Quadratmeter groß sein, drei Zimmer umfassen und 988.000 Euro kosten. Hinzu kommen Maklerprovision, Grunderwerbsteuer, Kosten für den Notar sowie für den Grundbucheintrag. Der gesamte Kaufpreis liegt bei 1,14 Millionen Euro.

Deutsche Wohnen will nicht hinter dem Angebot stecken

Die Beschreibung schwärmt: von einem "imposanten Blick auf die Karl-Marx-Allee bis hin zum Fernsehturm" und einem "König der Welt Gefühl". Hervorgehoben werden Raumhöhen von bis zu 2,90 Metern, eine "schicke schwarze Einbauküche mit Gaskochfeld", die "clevere, funktionale Grundrissplanung inkl. Loungebereich" und die "imposante Architektur aus DDR-Zeiten ("Arbeiterpalast")".

Makler ist die in Berlin, Frankfurt, Palma und Stockholm vertretene Agentur "Fantastic Frank". Co-Inhaber Nico Richter sagte der Berliner Morgenpost, der Anbieter der Wohnung sei ein Mieter, der sein Vorkaufsrecht wahrnehmen wolle. Dies steht den Mietern bei Weiterverkauf zu. Laut Richter werde der Mieter den Kauf aus eigenen Mitteln bestreiten und nicht auf Darlehen zugreifen, die Senat und Investitionsbank Berlin jetzt kurzfristig anbieten. Der anschließende Verkauf über den Makler scheine dem Mieter finanziell reizvoll. Richter vermutet, die Wohnung bis Anfang 2019 verkauft zu haben.

Das Angebot sei erst seit seit kurzem im Netz. Bisher habe "eine Handvoll Interessenten" angefragt. Das bedeute unter fünf Personen. Aber er erwarte, dass durch den jetzt publizierten ersten Weiterverkauf auch andere Mieter auf die Idee kommen, das Vorkaufsrecht zu nutzen, um anschließend ein gutes Geschäft zu machen.

Friedrichshain-Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) kommentierte den Vorgang so: „Ich gehe davon aus, dass der Eigentümer jemand ist, der sich wähnt, die Wohnung zu haben.“ Laut dem Mieterbeirat werden die Wohnungen zum Vorkauf zu Qua­dratmeterpreisen von 3200 und 4400 Euro angeboten. Der hier aufgerufene Quadratmeterpreis von 7211 Euro zeige die Dimension des spekulativen Potenzials, so Schmidt. „Daher müssen wir so dringend wie möglich die Rekommunalisierung vorantreiben.“

Für rund 80 der 700 Wohnungen, die im Milieuschutzgebiet liegen, will der Bezirk sein Vorkaufsrecht nutzen. Für die übrigen Wohnungen geht das nicht. Allerdings haben die Mieter noch bis zum 4. Januar die Möglichkeit, von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen. Dazu waren zuletzt zwei Modelle im Gespräch. Aus einem Hilfspaket des Senats und der Investitionsbank Berlin (IBB) sollten sie Gelder geliehen bekommen. Für ein Darlehen von 100.000 bis 300.000 Euro mit zehnjähriger Zinsbindung sind bei einer Tilgungsleistung von zwei oder drei Prozent Zinsen von 1,83 oder 1,81 Prozent zu zahlen, je nachdem, ob man 15 Prozent Eigenkapital mitbringt oder weniger. Wer mehr als 300.000 Euro leiht, zahlt zwischen 1,76 und 1,78 Prozent Zinsen. Das würde aber nur wenigen Mietern nützen, meint Schmidt.

Er vertrat dagegen bislang ein Abtretungsmodell. Mieter sollten ihre Wohnung stellvertretend für eine öffentliche Wohnungsbaugesellschaft kaufen. Das scheine nicht möglich, so die Haltung der Senatsfinanzverwaltung in der vergangenen Woche. Am kommenden Dienstag wolle der Senat laut Schmidt nun ein drittes Modell diskutieren. Das sei über das Wochenende vom Bezirk und von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen erarbeitet worden. „Zwei Schritte: Der Mieter kauft die Wohnung zunächst und kann sie dann an eine Wohnungsbaugesellschaft weiterverkaufen.“ Seit Freitag gebe es zwei neue Partner, die mit an der Ausgestaltung arbeiten – eine Bank und eine Organisation aus der Wohnungswirtschaft. Um wen es sich dabei handelt, wollte Schmidt nicht verraten.

Mieter wollen einstweilige Verfügung erwirken

Sein ursprüngliches Abtretungsmodell hält Schmidt zwar weiter für möglich. Allerdings räumt er ein, dass es zu risikoreich und vor dem Hintergrund der knappen Zeit nicht das probate Mittel sei. Denn die Vorkaufsverträge verbieten eine Abtretung, bevor nicht bezahlt wurde. „Damit ist die Abtretung rechtlich angreifbar, wir wollen aber rechtssicher rekommunalisieren.“ Den Passus halte er allerdings für fragwürdig, da er das Vorkaufsrecht untergrabe. „Ein Skandal“, sagt Schmidt. Mehrere Mieter hätten sich bereiterklärt, in der kommenden Woche mit einer einstweiligen Verfügung dagegen vorzugehen. „Dadurch könnte das Verfahren vor Gericht gehen, der Verkauf vielleicht letztlich platzen“, so Schmidt. Zumindest wäre Zeit gewonnen. Eventuell würde sich ein Präzedenzfall ergeben, der diese Praktik stoppen könnte. Denn gerüchteweise steht schon der nächste große Verkauf an der Karl-Marx-Allee an.

Mehr zum Thema:

Bedrohte Mieter erhalten Klarheit über Zins-Konditionen

Mieter sollen Unterstützung beim Wohnungskauf bekommen

Mieter bangen um ihre Zukunft - Bezirk will helfen