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Kriminalgericht

Sanitäter mit Böllern beworfen: Bewährungsstrafe für Täter

Ein 38-Jähriger bewirft Rettungssanitäter bei einem Einsatz mit Knallern. Vor Gericht kann er sich angeblich nicht erinnern.

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Berlin. Die Vorsitzende des Schöffengerichts wirkt nicht verwundert, als der 38-jährige Sven J. von seinem „Filmriss“ erzählt. Das ist im Moabiter Kriminalgericht eine oft zu hörende Erklärung. Er wisse noch, dass er viel getrunken habe, viel mehr als gewöhnlich, sagt der Angeklagte. Seine Freundin habe ihn verlassen. Er sei deprimiert gewesen. An mehr könne er sich leider nicht mehr erinnern. Schon gar nicht an das, was im Anklagesatz steht: Ein Angriff auf zwei Rettungssanitäter, die nur ihre Arbeit machen wollten und daran von dem Angeklagten rüde gehindert wurden.

Abgespielt hat sich der Vorfall, der Sven J. vor Gericht brachte, am 5. Januar dieses Jahres in der Kreuzberger Wal­demarstraße. Gegen 23 Uhr erschien dort ein Rettungswagen, der wegen eines medizinischen Notfalls gerufen worden war. Er kam mit Blaulicht. Es war also klar, dass es sich um einen dringenden Einsatz handeln musste.

Sanitäter sofort mit Knallern beworfen

„Schon als wir eintrafen, flog in unsere Richtung ein Böller“, sagt Rainer S., der als Zeuge geladene Rettungssanitäter. Kaum seien sie ausgestiegen, sei erneut ein Böller geworfen worden. Er und sein Kollege erlitten laut Anklage ein Knalltrauma. „Als ich darum bat, das zu unterlassen, wurden wir bedrängt und angepöbelt“, erzählt der 29-Jährige. Ob er sich erinnern könne, wer der Täter war, fragt die Richterin. Rainer S. zeigt in Richtung Anklagebank.

Sein Kollege hatte schließlich die Polizei alarmiert. In der Zwischenzeit habe der Angeklagte auch noch versucht, auf einen auf dem Gehweg abgestellten Defibrillator zu urinieren. Zu zweit hätten sie ihn davon abgehalten und dann auch nicht mehr losgelassen, bis die Polizei gekommen sei, sagt der Zeuge. Sven J. habe den Kollegen angespuckt, wiederum gepöbelt und versucht, sich loszureißen.

Als die Polizei eintraf und Sven J. festgenommen wurde, waren rund 15 Minuten vergangen. Erst jetzt konnten sich die beiden Rettungssanitäter um die Person kümmern, wegen der sie eigentlich gerufen worden waren. Glücklicherweise befand sich der Patient nicht in einem lebensbedrohlichen Zustand.

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Die Rettungskräfte werden zum Glück nicht verletzt

Das Schöffengericht verurteilt Sven J. zu einer Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, tätlichen Angriffs auf Hilfeleistende eines Rettungsdienstes, gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung. Außerdem muss Sven J. 200 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

„Es hätte übel ausgehen können. Die Sanitäter wurden zum Glück nicht von Böllern getroffen“, sagt die Richterin bei der Urteilsbegründung. Wegen der starken Alkoholisierung des Täters sei das Gericht von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen. Auch die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung hatten für Bewährungsstrafen plädiert. Zum ersten Anlauf des Prozesses im August war der arbeitslose Angeklagte nicht erschienen. Deshalb hatte die Richterin nun einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, damit er beim Prozess anwesend ist.