Testphase

15 Parklets für die Kreuzberger Bergmannstraße

Am Wochenende werden neue Straßenmarkierungen aufgetragen. Spätestens Anfang Dezember sind Ruhezonen, Rampen und Radbügel installiert.

Probesitzen auf einem der neuen Parklets: (v.l.) Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne), Dirk Bartel (Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz), Sebastian Pötter (Architekturbüro A24 Landschaft)

Probesitzen auf einem der neuen Parklets: (v.l.) Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne), Dirk Bartel (Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz), Sebastian Pötter (Architekturbüro A24 Landschaft)

Foto: Patrick Goldstein

Kreuzberg. Die neuen Fremdkörper am Straßenrand haben offenbar magnetische Wirkung. Das erste knallgelbe Parklet nach Einfahrt vom Mehringdamm in die Bergmannstraße beispielsweise hat um zehn Uhr morgens zwei schwergewichtige Männer fortgeschrittenen Alters angezogen. Neben sich ihren gefüllten Jutebeutel auf der laut Hersteller mit besonders feuchtigkeitsresistentem Holz ausgelegten Bank platziert, trinken sie schweigend ihr Flaschenbier. In einem noch nicht gefüllten Kasten der Konstruktion ist Müll gelandet. Ein Passant bleibt stehen, Bernd Köppen (76), dessen Frau zwei Geschäfte gegenüber betreibt, und sagt ohne bestimmten Adressaten: "Die Dinger sind der größte Quatsch."

Spätestens Anfang Dezember ist alles bereit für den Beginn der Testphase einer "Begegnungszone Bergmannstraße". Verkehrsverwaltung und Bezirk wollen ein Jahr lang erproben, ob und wie sich die Bergmannstraße entschleunigen lässt. Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne), Dirk Bartel von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz und Sebastian Pötter vom Architekturbüro "A24 Landschaft" haben an diesem Freitagvormittag zum Ortstermin gebeten. Ihre einführenden Worte allerdings sind selbst aus der Nähe unverständlich, denn hinter ihnen brüllt ein Lkw-Fahrer im Sattelschlepper mit langem Anhänger herab zu einem Pkw-Fahrer, der seinerseits hupt, weil ihm ein DHL-Wagen den Weg versperrt. Alltag auf der Bergmannstraße.

Zur Erinnerung: Geplant ist, für 500.000 bis 600.000 Euro aus Landesmitteln zwischen den Straßen Am Tempelhofer Berg und Zossener Straße insgesamt 15 Parklets zu installieren, zudem 94 zusätzliche Fahrradbügel sowie Pflanzenkästen, an mehreren Stellen Rampen vom Bürgersteig an den Fahrbahnrand und eine sogenannte Dunkelampel vor dem Gesundheitszentrum, die per Knopfdruck angeschaltet wird. Letzteres sind Ideen, die vor allem alten Menschen, Kindern und Behinderten mehr Sicherheit im Straßenverkehr bieten sollen.

Im März waren in der Straße versuchsweise zwei Parklets aufgestellt worden. Bei einer Bürgerversammlung im September klagten vereinzelte Anwohner dann über Negativerfahrungen. Nachts hätten sich dort regelrechte Parties abgespielt, Müll habe sich angesammelt. Stadtrat Schmidt sagte am Freitag, die neuen Arten von Parklets seien weniger für langes Herumsitzen geeignet, zudem würde sich die Nutzung auf mehr als nur zwei Konstruktionen verteilen. Was dort erlaubt und verboten ist, sollen Schilder in mehreren Sprachen aufführen. Das Projekt einer im Oktober 2015 eröffneten Begegnungszone an der Schöneberger Maaßenstraße gilt indes gescheitert. Dort wird jetzt nachgebessert.

Projekt läuft im November 2019 aus

An der Bergmannstraße wird die Fahrbahn nun von neun auf 6,50 Meter verengt. Die Parkmöglichkeit links und rechts der Straße werden reduziert, einerseits durch die neuen Installationen, die an die Stelle kommen, andererseits durch das Ausweisen von Ladezonen. Am Ende bleiben 21 Parkplätze übrig. Mit der neuen Markierung auf der Straße wurde bereits begonnen, das werde an diesem Wochenende fortgesetzt, um den Verkehr zwischen Montag und Freitag nicht zu beeinträchtigen, sagt Sebastian Pötter.

Das Projekt läuft im November 2019 aus. Bürgerbefragungen sollen damit einher gehen, daraus folgend wird der Bezirk entscheiden, welche Elemente beibehalten werden. "Alles ist reversibel", sagt Schmidt. Doch er betont auch, dass vom langfristigen Ziel, einer Verkehrswende, einer "Entschärfung des Verkehrs", nicht mehr abzurücken sei.

Anfang Dezember startet mit mehrwöchiger Verspätung die Parkraumbewirtschaftung in zwei weitgefassten Zonen, die bis an Tempelhof-Schöneberg stoßen. Wenn dann nur Besitzer von Vignetten kostenlos parken, werde das für weniger Verkehr sorgen, versichert Projektleiter Pötter.

Einer, der mit den Plänen in seiner Straße keine Probleme hat, ist der 43-jährige Joscha, Co-Inhaber des Geschäfts "Ete clothing". Sein junges Angebot von Street Wear und Sport-Bekleidung ist typisch für die meisten unabhängigen Läden im Kiez. "Das Gros meiner Kunden kommt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, höchstens ein Drittel nimmt das Auto", sagt er. Die Einführung der Parkraumbewirtschaftung werde sein Geschäft nicht schwächen und auch hinsichtlich der Umgestaltung der Straße sei er "vorsichtig optimistisch", sagt er. "Ich hoffe aber, dass sie als Begegnungszone nicht so hässlich wird wie die Maaßenstraße."

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