Verkehr

Nur noch sichere und umweltschonende Fahrzeuge

Der Bund zögert, also unternimmt der Bezirk den Alleingang: Lkw im Fuhrpark von Friedrichshain-Kreuzberg bekommen Abbiegeassistenten.

Friedrichshain-Kreuzberg. Während die Stadt über die Einführung eines Verbots überalteter Dieselfahrzeuge auf bestimmten Straßenabschnitten debattiert, will das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg seinen Fuhrpark umweltgerechter machen. Und sicherer. Bis 30. Juni 2019 soll es im Bestand keinen Lkw mehr geben, der nicht mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet ist.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Berlin begrüßte den Beschluss. Sprecher Nikolas Linck sagte: „Wissenschaft und Forschung haben bewiesen, dass diese Geräte Unfälle verhindern. Friedrichshain-Kreuzberg geht jetzt in Berlin mit bestem Beispiel voran.“


Hintergrund der Entscheidung für mehr Abbiegeassistenten ist die Häufung schwerer Verkehrsunfälle aufgrund von Lkw-Fahrern, die Fußgänger und Radfahrer übersehen. Der jüngste Fall ereignete sich am Freitag, dem 5. Oktober. Ein 34-jähriger Radfahrer war auf dem Radweg der Hermann-Dorner-Allee in Adlershof unterwegs gewesen. Auf einer Kreuzung wurde von einem rechts abbiegenden Lastwagen erfasst wurde. Dabei handelte es sich um einen BSR-Wagen. Der 34-Jährige Mann erlitt derart schwere Verletzungen, dass er noch an der Unfallstelle verstarb. Dem Allgemeine Deutschen Fahrrad-Club zufolge geschahen 2018 vier von elf Unfällen mit für Radfahrer tödlichem Ausgang in Zusammenhang mit Lastwagen, die nach rechts abbogen und sie erfassten.


Indes kommt die Ausrüstung von Lastern mit den längst entwickelten Varianten von Abbiegeassistenzsystemen nicht voran. Auf Bundesebene haben Union und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart, die Technik für neue LKW und Busse zur Pflicht zu machen. Der Berliner Senat hatte eine entsprechende Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will die Regelung ab 2019 einführen. Federführend ist aber die EU, die die Pflicht für neue Laster erst zum Jahr 2022 erlassen will.

BVG hat vier Lastwagen mit Abbiegeassistent

Gängige Fabrikate bieten einerseits die Überwachung der Lkw-Seiten mittels Kamera, anderseits per Radargeräten. Diese befinden sich dann am Fahrgestell eines Lkw, erfassen die Seiten und senden ab einem bestimmten Abstand ein Tonsignal. Preise rangieren zwischen 800 und 2000 Euro.
Ende September hatte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) vier landeseigene Unternehmen aufgefordert, eine Nachrüstung ihrer Fahrzeuge mit Abbiegeassistenten „schnellstmöglich vorzunehmen“. Ihr Schreiben wandte sich an BSR, BVG, Berliner Wasserbetriebe und Messe Berlin. „Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, spätestens am 30. Juni 2019 die Nachrüstung bei allen Fahrzeugen abgeschlossen zu haben, bei denen es möglich und auch sinnvoll ist“, so die Senatorin.

Derzeit hat die BVG vier Lastwagen mit Abbiegeassistent im Bestand, ebenso die Messe Berlin. Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz sagte, vier Fahrzeuge testen derzeit, welches Nachrüstsystem besser geeignet ist. Im November werden vier neue Wagen mit Abbiegeassistent in Betrieb genommen. In Ausschreibungen für Fahrzeuganbieter haben die Wasserbetriebe die Geräte bereits vorgegeben. 2,5-Tonner eingeschlossen, wären im Bestand 400 Fahrzeuge von einer Nachrüstung betroffen. Auch die BSR testet Nachrüstsysteme. 46 georderte Müllwagen werden den Abbiegeassistenten haben.
ADFC-Sprecher Linck drängt darauf, sämtliche landeseigenen Fahrzeuge nachzurüsten. „ Bundesweit gehen etwa die Hälfte der tödlichen Lkw-Abbiegeunfällenfälle mit Radfahrenden auf das Konto von Kommunalfahrzeugen“, sagte er.


Indes sind in Friedrichshain-Kreuzberg bis Juli kommenden Jahres weitere Veränderungen im eigenen Fuhrpark vorgesehen. Sukzessive soll der Bestand auf Elektromobilität ausgerichtet werden. Bei Neuanschaffungen von amtseigenen Fahrzeugen wird zukünftig geprüft, ob ein E-Fahrzeug in Frage kommt. Zudem will das Bezirksamt untersuchen, ob Lastenräder genutzt werden können. Dadurch würde der Bezirk weniger Autos auf die Straße bringen. Bei Fahrzeugtypen, die es nur mit Verbrennungsmotor gibt, muss sichergestellt werden, dass diese die Kriterien für den Erhalt einer „Blauen Plakette“ erfüllen.
Konkrete Pläne gibt es in 2019 für die ur Beschaffung eines Elektro-Transportfahrzeuges für die Serviceeinheit Facility Management, eines Elektro-Dienstwagens des Schul-Sport-Amts sowie des Ordnungsamts. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg spiegelt die Parteienzusammensetzung des Rot-Rot-Grünen Senats wider.


Umweltstadträtin Clara Herrmann (Grüne) sagte über den aktuellen Beschluss, in ihrem Innenstadtbezirk seien die Bewohner an vielen Stellen Verkehrsrisiken, Schmutz und Lärm ausgesetzt. Da sei es zwingend, dass Fahrzeuge möglichst umweltschonend betrieben werden und von geringem Risiko für andere Verkehrsteilnehmer sind. „Hier hat die öffentliche Hand eine Vorbildfunktion.“
Bereits jetzt haben Mitarbeiter des Bezirksamts die Möglichkeit, für Dienstfahrten täglich insgesamt eine Stunde lang die Velos eines stadtweit verbreiteten Leihradanbieters zu nutzen. Das reicht, um die meisten Ziele in Friedrichshain-Kreuzberg zu erreichen. Die Räder lassen Mitarbeiter dann einfach vor Ort stehen.