Berlinweite Aktion

"Schichtwechsel": Einen Tag mit Behinderten zusammenarbeiten

Die Aktion „Schichtwechsel“ ermöglicht, einen Tag lang den Posten von Behinderten auszufüllen. Unser Reporter hat es versucht.

Dieter (l.) und Brigitte (r.) stellen Elektronikteile für die Industrie her

Dieter (l.) und Brigitte (r.) stellen Elektronikteile für die Industrie her

Foto: Carsten Koall / Carsten Koall/carstenkoall.com

Berlin. Die Angestellten werden vom Fahrdienst gebracht. Alle vier Behindertenparkplätze am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer sind aber trotz Verbotsschildern von Menschen zugestellt, die im Gegensatz zu den jetzt mitten auf der Fahrbahn mühsam aussteigenden Fahrgästen keine Behinderung haben. Es ist für die Betroffenen und ihre Fahrer der ganz normale Beginn des Arbeitstages in ihren Werkstätten. Nur dass diesmal auch gesunde Berliner wie ich für eine Schicht bei ihnen zu Gast sein dürfen. „Schichtwechsel“ heißt die berlinweite Aktion. Es soll ein lehrreicher Tag werden.

Veranstalter ist die Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Berlin e. V. Darin sind 17 Werkstätten mit 10.000 Betroffenen vertreten. Neben der Möglichkeit, sich an diesem Tag für die Arbeit in den Werkstätten zu melden, können auch Firmen der regulären Berliner Wirtschaft einen oder mehrere Plätze für Behinderte anbieten.

Die Auswahl an Arbeitsfeldern war groß: Textildruck, Schneiderei, sogar eine kleine Bonbonfabrik. Ich entscheide mich für die Elektrotechnik-Werkstatt von „Mosaik“. Der seit 50 Jahren aktive Träger beschäftigt 2000 Menschen an 50 Standorten in Berlin und Brandenburg.

In der Werkstatt sitzen wir an Holzplatten. Die sechs Mitarbeiter sind unterschiedlich stark eingeschränkt. Rita etwa sitzt im Rollstuhl und braucht ein auf sie zugeschnittenes Arbeitsumfeld, weil ihr ein Arm fehlt. Brigitte (63), die mir später mit ein paar Handgriffen aushelfen wird, wirkt beweglicher. Die gebürtige Münchnerin, seit 40 Jahren in Berlin, arbeitet hier, weil sie an einem „angeborenen Knick im Rücken“ leidet, sagt sie. Ihre Aufgaben wechseln manchmal täglich.

Immerhin 280 Produkte für 25 Firmen können hier hergestellt werden. Der Gruppenleiter der Werkstatt, Lutz Greif, Flugzeugmechaniker mit Pädagogikabschluss, steuert die Angestellten und holt nebenbei manchen Auftrag herein. Mosaik baut jenen Aufsatz, durch den sich Autos am Monitor auslesen lassen, und auch im elektronischen Schiebedach deutscher Luxuswagen sind Teile aus dieser Werkstatt verbaut. „Ein Bekannter hat mir mal vorgehalten: Du bist ja nur in einer Behindertenwerkstatt“, sagt Brigitte. „Dem habe ich gesagt: Wir sind hier genauso gut wie die Leute auf dem ersten Arbeitsmarkt.“

Edelpopcorn und Packdienst für großen Onlinehändler

Der 62-jährige Greif erklärt mir meine Aufgabe. Ein Stecker, durch den sich elektronische Schaltkästen mit dem Computer verbinden lassen, braucht Schrauben zur späteren Montage. 69 Stück sollen in die braune Kiste, ein Zettel muss hinein, der die Menge angibt, dann folgen zwei weitere Lagen, und die Kiste ist fertig. Der Versuch, die winzige Schraube mit dem Schnellbauschrauber exakt senkrecht in das Bauteil zu versenken, sodass sich darin ein Gewinde bildet, sorgt bei mir für furchtbare Geräusche. Zwei Mitarbeiter grinsen, und Greif fragt, ob ich daheim ausschließlich Handwerker kommen lasse. Das hebt die Stimmung im Kollegium.

So selbstbewusst geht es auf dreieinhalb Etagen in vielen Werkstätten zu. „Die Leute auf der anderen Seite des Berufslebens denken, hier werden nur Tüten geklebt“, sagt Greif. Aber die Palette sei breiter. Ein junges Unternehmen lässt sich teures Edelpopcorn abfüllen, sagt der Chef im Haus, Ansgar Schrey. Sendungen für Amazon werden hier verpackt und verschickt. Und die Sammelbüchsen einer großen wohltätigen Vereinigung werden geöffnet und elektronisch ausgezählt. Gesamtgewicht: 15 Tonnen. Ein Großprojekt. Mir indes sagt Lutz Greif zum Abschied, mit „einem halben Jahr Praktikum“ könne ich meine heutige Aufgabe durchaus irgendwann bewältigen. Und lächelt breit.

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