Verdrängung

Hier spielt die Musik…nicht mehr

Nach 15 Jahren im Kiez muss der Plattenladen von Christoph Fringeli dicht machen. Es ist nicht der einzige Laden, der verdrängt wird.

Christoph Fringeli in seinem Geschäft Praxis Records

Christoph Fringeli in seinem Geschäft Praxis Records

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Er hatte das Ganze ja kommen sehen. "Ich wusste, dass uns das irgendwann passsiert", sagt Christoph Fringeli. "Andererseits hoffte ich trotzdem, dass man sich mit dem Vermieter einigen würde." Der 52-jährige Plattenladenbesitzer hoffte vergeblich. Am vergangenen Wochenende war Abschiedsparty an der Lenbachstraße, ein paar Schritte vom Bahnhof Ostkreuz entfernt. Nach 15 Jahren im Kiez, einer Zeit, in der das Geschäft ebenso Anziehungspunkt für eigens anreisende Touristen wie für Musikfreunde aus dem Viertel war, muss er das metallene Rollgitter vor der Eingangstür nun für immer herunterfahren.

Bei einem Treffen zuvor sitzt im Eiscafé nebenan eine Gruppe Mütter mit ihren Kindern. Fringeli hat mit einer Flasche Mineralwasser und einem schlichtem Glas unter der Herbstsonne auf einem Stuhl Platz genommen und blickt den Annemirl-Bauer-Platz hinunter. Abends und nachts feiern dort die Touristen, ihr Müll und Lärm bringt manchen Anwohner um den Verstand. Viele Familien meiden deshalb den Spielplatz auf dem Areal.

Musik, DJs, Prosecco und Bier

2003 eröffnete Jan Herold dort auf bescheidenen 58 Quadratmetern seinen Plattenladen "Yaya 23", vor sechs Jahren stieß Schweizer Fringeli, der in Basel, London und Paris gelebt hatte, als Untermieter mit "Praxis Records" hinzu. "Wir haben hier elektronische Livesets mit DJ gehabt, die Leute sind gekommen, ich habe ein bisschen Prosecco oder ein, zwei Kästen Bier hingestellt." Seitdem sie wissen, dass sie gehen müssen, gab es das alle zwei Wochen. "Immer so laut, dass man es sich nicht noch mit den Nachbarn verdirbt", sagt Fringeli.

Seinen Lebensunterhalt bestreitet er durch den Laden, mit Albumveröffentlichungen, Onlinehandel und Auftritten als DJ. "Irgendwie geht es ganz knapp. Es ist sehr prekär", sagt er. Zumindest seine Wohnung habe seit Jahren eine stabile Miete. "Das ist eine städtische Wohnungsbaugesellschaft - zum Glück."

Statt der Sanierung kam die Kündigung

Der Wandel für den Plattenladen kam schleichend. Seit dem Eigentümerwechsel um das Jahr 2000 wurde Wohnung für Wohnung im Haus renoviert. Im Laden blieb alles, wie es war. Kohleofen, ein Allesbrenner hinten in der kleinen Küche. Andererseits: Keine Mieterhöhung seit 2003.

Statt der lange erwarteten Benachrichtigung über eine Renovierung ihres Ladens habe es dann die Kündigung gegeben. "Keine Anfrage, ob wir bleiben wollen - oder können", sagt Fringeli. "Ganz schlimm." Immerhin habe ihnen der Vermieter eine großzügige Frist gelassen, um auszuziehen.

Die Angst vor Verdrängung durch Gewerbemietforderungen, die durch bestimmte kieztypische Branchen gar nicht mehr zu erwirtschaften sind, etwa als Lebensmitteleinzelhändler, schwelt seit langem im Bezirk. Wer dort nicht in Kontakt mit den Unternehmern ist, erfährt davon aber meist gar nichts. Für Aufsehen sorgte immerhin eine Aktion an der Kreuzberger Oranienstraße im Oktober vergangenen Jahres. Ladeninhaber klebten ihre Schaufenster ab und stellten gleichzeitig für zwei Stunden das Licht aus. Der Anblick von fast 50 ausgestorben wirkenden Geschäften und Werkstätten war gespenstisch.

Jeder Umzug kostet Kundschaft

Dabei wird die Mietsteigerung gewiss nicht für dunkle Fenster und Leerstand sorgen. Denn die Nachfrage ist groß. Fringeli hat Probleme, neue Räume für "Praxis Records" zu finden. "Es gibt das Gerücht, dass jemand etwas in der Seumestraße gefunden hat", sagt er. Das wäre zwei Minuten entfernt. Als er 2013 von einem früheren Geschäft an den jetzigen Ort umzog, dauerte es "ewig, bis die alten Kunden nachkamen".

Er zeigt auf den Laden auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. "Dort drüben wurden sie auch schon herausgekündigt." Ihm war das erst aufgefallen, als der vietnamesische Betreiber des Gemischwarenladens seine Regale ausräumte. Fringeli hatte das Geschäft immer geschätzt, gab es dort doch frische Lebensmittel, Früchte, Gemüse - "was man eben täglich so braucht".

Stattdessen kommt an die Stelle nun ein Spätverkauf. "Der vierte oder fünfte in der näheren Umgebung." Das sei ja überhaupt der "interessante Aspekt an der Gentrifizierung", sagt der Schweizer lakonisch. "Sie sorgt dafür, dass alles teuer wird, aber keinesfalls anspruchsvoller: Ein guter Laden, den die Leute hier brauchten und schätzten, wird ersetzt durch einen beliebigen Späti."

Der Raum für experimentierfreudige Menschen schwindet

Durch seinen Job als Händler, DJ und Musik-Produzent ist er vertraut mit europäischen Metropolen, die jene rasante Mietentwicklung erlebt haben, die Berlin wegen der Teilung lange erspart blieb. Was er erlebt, was um ihn herum geschieht, ordnet er ein in einen internationalen Trend. "In Paris und London findet man inzwischen relativ wenige Geschäfte, die mit künstlerischen Erzeugnissen handeln. Es ist kaum noch Raum da für experimentierfreudige Menschen." Die Folge sei eine kulturelle Verarmung einst gefeierter Kunststädte. "Im Ergebnis gibt es kaum noch interessante Veröffentlichungen, die von dort kommen", sagt Fringeli. Ein bedrohliches Szenario für eine Stadt, die vor allem von ihrem Renommee als Party- und Kulturmetropole lebt.

Ein junges Paar blättert durch sieben Bücherkisten, die er vor die Tür gestellt hat. Neben Vinyl verkauft Fringeli Gedrucktes: Periodika, Philosophie- und Politikschriften, Sachen aus der Bibliothek, die er von seiner Familie übernahm und die bei ihm daheim keinen Platz mehr fanden. "Das war hier eine Superlocation", sagt er. "Die Kunden holten sich nebenan ein Eis, hörten bei uns Musik, vor der Tür der Platz: Das finde ich nie wieder."

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