Jubiläum

Mercedes-Benz-Arena: Eine kleine Stadt mitten in Berlin

Vor zehn Jahren eröffnete die Halle in Friedrichshain – begleitet von massiven Protesten. Heute ist sie unverzichtbarer Teil Berlins.

Die Mercedes-Benz Arena thront inmitten eines neu geschaffenen Stadtviertels und ist längst ein Markenzeichen der Stadt

Die Mercedes-Benz Arena thront inmitten eines neu geschaffenen Stadtviertels und ist längst ein Markenzeichen der Stadt

Foto: Daniel Schaler

Berlin. Alles begann mit Krach – in jeder Hinsicht. Ein Heavy-Metal-Konzert war am 12. September 2008 die erste Show in jener Halle, die die Stadt inzwischen als Mercedes-Benz-Arena (MBA) kennt. Lautstark Alarm hatten bei der Eröffnungsgala zwei Tage zuvor auch Gegner des 17.000-Plätze-Saals geschlagen, den sie als Vorboten schwerwiegender Veränderungen am Spreeufer sahen. Wer das Areal nun ein Jahrzehnt und rund 1350 Veranstaltungen später besucht, wird den Platz von einst tatsächlich nicht wiedererkennen.

Auf dem weiten, lange brachliegenden Gelände rings um die Arena ist ein Häusermeer entstanden. Eine beispiellose Urbanisierung nahm ihren Lauf. Eine kleine Stadt mitten im großen Berlin wurde neu erschaffen, ein Viertel, in dem sich Firmen angesiedelt haben, das aber vor allem im Zeichen der Unterhaltung steht. „Philip Anschutz hatte eine Vision, er wollte etwas bewegen. Das hat er geschafft“, sagt Peter John Lee, der Geschäftsführer des Eishockeyklubs Eisbären Berlin. Der Klub, der damals in die neue Arena einzog, spielte in der Vision des US-Milliardärs eine zentrale Rolle. Er lockt Jahr für Jahr die meisten Zuschauer in die Halle.

Die Halle am Spreeufer brachte den Wandel

Am Eröffnungsabend, genau 727 Tage nach Baubeginn, waren in die damals noch O2 World genannte Mehrzweckhalle zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke gut 1000 Ehrengäste geladen. Auf dem Platz davor wurde parallel für Neugierige und Anwohner ein Fest mit Musik, Lichtshow und Feuerwerk veranstaltet. In der Halle erklärte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die Stadt habe eine Arena dieser Größe dringend gebraucht, nun könne man Events und Stars empfangen, die Berlin sonst gemieden hätten.

Allerdings ist jener Abend auch wegen der Proteste in Erinnerung geblieben. 1200 Gegner der Ansiedlung der 165-Millionen-Euro-Halle – die rein privat finanziert worden ist von US-Milliardär Anschutz und seiner Anschutz Entertainment Group (AEG) im Rahmen des Stadtumbauprojekts „Mediaspree“ – demonstrierten. Dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Gegner besetzten vorübergehend die nahe gelegene Schillingbrücke, es wurden Feuerwerkskörper gezündet, eine Veranstaltungsbühne gestürmt. Auf dem roten Teppich der Stargäste ließ ein Demonstrant die Hosen herunter. Als dann bei einer Personenkontrolle eine Flasche herunterfiel und zerbarst, mussten 20 Polizisten ärztlich untersucht werden. Man befürchtete, eine ätzende Flüssigkeit sei ausgetreten.

Die Bebauungspläne an der Mühlenstraße hatten das Ende für eine Clubszene vor Ort bedeutet, die aus den Wirren und unklaren Eigentumsverhältnissen des Nachwende-Berlins hervorgegangen war. Auf ungenutzten Flächen, in Kellern, auf Bahnarealen und in Behördenniederlassungen stellten Clubbetreiber Musikanlagen auf und schufen – im Wortsinn: über Nacht – neue Berliner Szeneviertel. Wo dieser Tage letzte Hand an ein futuristisches Entertainment-Zentrum gelegt wird, bestand jahrelang das einzige Shopping-Erlebnis im Umkreis darin, die BP-Tankstelle an der Mühlenstraße aufzusuchen. Nachts begegnete man dort aufgedrehten Clubbern, die sich schnell etwas Nahrhaftes und ein paar Zigaretten für die nächsten Stunden besorgten, die es in Läden wie Ostgut oder Casino durchzutanzen galt.

Die Proteste zogen sich über Jahre hin. „Mediaspree versenken!“ lautete der Schlachtruf jener, die um ihre Szene fürchteten und vor Gentrifizierung warnten. Selbst ein Bürgerentscheid, mit dem 2010 die massive Bebauung des östlichen Spreeufers abgewendet werden sollte, verpuffte. Und das, obwohl im Mai des Jahres 87 Prozent der teilnehmenden 35.000 Wahlbürger gegen die Pläne gestimmt hatten. Am Ende unterlagen sie alle. Im Bezirk leben die Vorbehalte weiter. Clara Herrmann, grüne Stadträtin für Kultur in Friedrichshain-Kreuzberg, etwa hält ihren Kommentar zur Mercedes-Benz-Arena auffällig kurz: „Die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof steht mit ihrem populären Veranstaltungsprogramm nicht für die alternative Kulturvielfalt und Subkultur unseres Bezirks, ist aber mit ihren Musik- und Showangeboten eine Ergänzung.“

Dabei ist die wirtschaftliche Bedeutung des Veranstaltungshauses unbestritten. Die Mercedes-Benz-Arena legt Zahlen vor, die die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte im Auftrag der AEG gesammelt hat: Demnach erhalte das Haus rund 2000 Arbeitsplätze und sorge für eine jährliche Bruttowertschöpfung von 110 Millionen Euro. Friedrichshain-Kreuzberg profitiere davon am meisten: Dortiger Anteil seien 970 Arbeitsplätze, Ausgaben von 100 Millionen Euro und eine Bruttowertschöpfung von 60 Millionen Euro.

Eisbären und Alba entwickeln sich zu Zuschauermagneten

Diese Zahlen illustrieren, wie sehr die Stadt an der großen Halle partizipiert, an deren Fassade seit August 2015 der aktuelle Name steht, nachdem Telefonica Deutschland (O2) ausgestiegen war und aus der O2 World die MBA wurde. Die Namensrechte sind für 20 Jahre garantiert. „Die Arena hat selbst für Berlin eine neue Dimension eröffnet“, sagt Marco Baldi, Geschäftsführer des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin. Zum einen was Konzerte angeht, zum anderen den Sport betreffend. Berlin bezeichnet sich selbst gern als Sportstadt – und auf die Entwicklung dieser Sportstadt hatte die MBA einen enormen Einfluss.

Einige der größten Ligen der Welt, die NHL (Eishockey) und NBA (Basketball) aus Nordamerika, machten Station in Berlin. Die Euroleague (Basketball) trug Finalturniere in der Stadt aus. Demnächst gastiert die Handball-Weltmeisterschaft in Berlin. Deutschlands NBA-Star Dirk Nowitzki bestritt bei der Europameisterschaft 2015 sein letztes Länderspiel in der MBA. Das Istaf (Leichtathletik) konnte eine Hallenversion etablieren. Boxkämpfe unter anderem mit Vitali Klitschko fanden statt. Im Darts wurde ein Zuschauerweltrekord aufgestellt, E-Sports begeistern die Massen. „Solche Highlights sind sonst schwer zu bekommen. Diese Möglichkeiten waren vorher nicht da“, sagt Peter John Lee. Das Flair des ganz großen Sports, das sonst nur selten in Berlin zu finden war, hielt mit der Arena Einzug.

Doch nicht nur auf dieser übergeordneten Ebene machten sich die Möglichkeiten bemerkbar, die sich mit der Halle eröffneten. „Sie hat uns die Chance gegeben, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen“, erzählt Lee. Seine Eisbären wurden schon 1999 von Anschutz übernommen, um in der damals nur als Vision und Mittelpunkt eines neuen Unterhaltungsdistrikts existierenden Arena als Ankermieter konstante Einnahmen zu generieren.

Mit dem Umzug vollzog der Klub einen Wandel, entwickelte sich vom Kiezverein aus Hohenschönhausen, der im Wellblechpalast vor 4695 Zuschauern spielte, zu einem Verein für die ganze Stadt. Weckte Neugier auch jenseits seiner Wurzeln im Osten der Stadt. Oft waren die 14.200 Plätze beim Eishockey ausverkauft, immer mehr Besucher aus dem Westen Berlins strömten in die Halle, die so auch zu einem Ort wurde, an dem sich die Stadt näherkam.

Wer sich unter jenen Berliner Akteuren umhört, die in der MBA regelmäßig auf- und antreten, kommt zum Schluss, dass es sich um einen der schönsten Arbeitsplätze der Stadt handelt. „Das erste Mal dort spielen zu dürfen, war einfach atemberaubend“, sagt André Rankel, Kapitän der Eisbären Berlin. Am 14. September 2008 stand er beim ersten Match in der Halle gegen die Augsburger Panther auf dem Eis. Es war ein Spektakel, 11:0 gewann der EHC, der höchste Ligasieg der Geschichte. „Nach unserer früheren Heimat war das schon etwas anderes: größer, professioneller.“ Modern eben. Nach dem gefragt, was dem Zuschauer verborgen bleibt, hebt Rankel den weitläufigen Physio-Raum und einen Bereich für Krafttraining hervor, in dem das Team etwa nach einem Spiel noch auf dem Rad oder an den Maschinen die Regeneration in Gang bringt. „Im Vergleich zu den anderen Hallen, in denen wir spielen, ist die MBA die lauteste“, sagt Stürmer Rankel. „Aber – das liegt auch an unseren Fans.“ In den zehn Jahren, in denen die Eisbären dort spielten, kamen mehr als doppelt so viele Besucher (4,3 Millionen) als im Zeitraum zwischen dem Bundesliga-Einstieg mit der Wende bis zum Umzug 2008. Nur der Wechsel in die große Halle erlaubte es den Eisbären, die siebenfacher Meister der DEL sind, auf diesem Niveau zu agieren. Ein Verbleib im kleinen Wellblechpalast hätte zwangsweise zu anderen Ansprüchen führen müssen, weil die finanziellen Rahmenbedingungen für Spitzensport dort nicht stimmen. Die neue Halle brachte dem Berliner Sport die Gelegenheit zu wachsen.

Nicht nur den Eisbären oder Alba, die Basketballer zogen 2008 von der Max-Schmeling-Halle in die größere Arena, sondern auch den Volleyballern von den Berlin Volleys. „Wir bekamen neue Entwicklungsmöglichkeiten, weil wir nach Albas Umzug in die Schmeling-Halle gehen konnten“, sagt Kaweh Niroomand, Geschäftsführer der Volleys und Sprecher der Vereinigung der Berliner Profiklubs. In der neuen Umgebung wurde sein Verein zum Vorreiter im deutschen Volleyball bezüglich der Zuschauer, kein anderer Klub verzeichnet mehr Besucher. Eisbären und Alba sind in ihren Ligen landesweit ebenso unangefochten vorn, gehören sogar europaweit zu den höchstfrequentierten Klubs. Albas Geschäftsführer Marco Baldi sagt, die Halle verkörpere Modernität, Komfort und Größe – „das ist ihr Gütesiegel“. Der Anblick von 10.000 Anhängern im Rund, die bei der Finalserie des diesjährigen Play-offs im Juni gegen Bayern München im gelben Team-Shirt erschienen, sei für ihn „der große Gänsehautmoment“ gewesen, etwas, das er immer mit der MBA verbinden werde. Die Vorzüge der Halle halfen dem Klub sogar mehrfach, das Startrecht für den höchsten europäischen Wettbewerb, die Euroleague, per Wildcard zu erhalten. Als Privatmann denkt Baldi gern an das elektrisierende Konzert der Funk-Rocker Red Hot Chili Peppers vom November 2016 zurück. „Die Arena bietet den Rahmen, dass an so einem Abend der Funke von der Band zum Publikum überspringt.“

Für die deutschlandweit agierenden Veranstalter ist die Mercedes-Benz Arena zehn Jahre nach der Eröffnung nicht mehr aus dem Berliner Tagesgeschäft wegzudenken. Die Deutsche Entertainment AG (DEAG) etwa ging mit Entstehen der Halle eine Kooperation mit Anschutz Entertainment ein und bringt dort jährlich 20 Events und Konzerte auf die Bühne. Semmel Concerts buchte die Halle seit 2008 mehr als 250 Mal, zuletzt fünf Nächte mit Helene Fischer. 60.000 Zuschauer kamen. Sprecher Oliver ­Voetz schätzt den perfekten Sound und die unverbaute Sicht für die Zuschauer. Zudem biete die Halle am Spreeufer ideale Verkehrsverbindungen und eine „hochklassige Besuchergastronomie“. Christian Diekmann, DEAG-Vorstand Operatives Geschäft, sagt, für Berlin sowie das Umland sei eine moderne Veranstaltungshalle mit hoher Kapazität von enormer Bedeutung.

„Konzerte von U2 oder Beyoncé wären nicht möglich“

Ein Veranstaltungsraum wie die Hamburger Barclaycard Arena oder die Kölner Lanxess Arena habe in der Hauptstadt gefehlt. „Konzerte von U2, Lady Gaga oder Beyoncé oder Konzertproduktionen wie Game of Thrones Live Concert Experience wären ohne die Mercedes-Benz-Arena schlichtweg nicht möglich – oder eben nur unter freiem Himmel. Andere attraktive Hallen wie zum Beispiel das Ufo, die Arena Treptow oder die Max-Schmeling-Halle haben sicherlich viele Stärken, jedoch handelt es sich bei diesen um keine State-of-the-Art-Multifunktionsarenen.“ Zusätzlich, so Diekmann, habe die Arena einen positiven Einfluss auf den Wirtschaftsstandort Berlin, etwa auf Tourismus, für Veranstaltungsunternehmen und Infrastrukturdienstleister.

Ob ein am Reißbrett entstandenes Vergnügungsviertel für Hauptstädter und Berlinbesucher allerdings tatsächlich abends und vor allem am Wochenende zum Anziehungspunkt wird, ein zweiter Potsdamer Platz gewissermaßen, bleibt abzuwarten. DEAG-Vorstand Diekmann jedenfalls setzt große Hoffnungen ins Areal und verweist auf eine Londoner Erfolgsgeschichte: „Die O2 World, die mit der Mall sehr ähnlich aufgebaut ist, gilt mittlerweile als pulsierender Hotspot in London, der ein sehr vielfältiges Programm bietet und ein unglaublich großes Publikum anzieht.“ Es würde Berlin guttun, wenn sich die Mercedes-Benz Arena und der gesamte Komplex weiter so gut entwickelt und eine Strahlkraft ähnlich der in London erreicht. „Es spricht“, so Diekmann, „aus unserer Sicht jedenfalls einiges dafür, dass es weiter in diese Richtung geht.“

Die Bedingungen dafür werden geschaffen. Vor der Arena befinden sich Bauarbeiten am Mercedes Platz in der letzten Phase. Zwei Hotels gehen bald in Betrieb, ein Bowling-Center, ein Kino, reichlich Gastronomie, dazu wird auch ein neues Shopping-Center fertig. Am Abend vor der feierlichen Eröffnung des Mercedes Platzes am 13. Oktober tritt Jack White in der Verti Music Hall auf, die gleich neben der großen Halle im kleinen Rahmen bis zu 4350 Zuschauern neue Erlebnisse offerieren soll.

Im Zentrum all dessen thront die MBA, die einst mit dem Stigma an den Start ging, kleinere Veranstaltungsorte in der Stadt kaputt zu machen. „Das war eine völlige Fehleinschätzung“, sagt Niroomand, „sie ist mit dem, was sie bietet, einfach konkurrenzlos.“ Und inzwischen ein Markenzeichen Berlins.

Von der Abba-Show bis zu Zucchero: Das waren die Stars in der Riesenarena

In zehn Jahren gab es rund 1350 Veranstaltung in der Arena. Dies sind einige der herausragenden Events:

Abba – The Show
Adele
A-Ha
Al Bano & Romina Power
Alicia Keys
Amy Macdonald
André Rieu
Andreas Gabalier
Apassionata
Barbra Streisand
Beyoncé
Bibi Blocksber
Black Eyed Peas
Bob Dylan
Britney Spears
Bruno Mars
Bryan Adams
Céline Dion
Charles Aznavour
Cirque du Soleil
Cliff Richard
Coldplay
David Garrett
Depeche Mode
Die Fantastischen Vier
Die Toten Hosen
Eagles
Ed Sheeran
Elton John
Ennio Morricone
Fleetwood Mac
Foo Fighters
George Michael
Helene Fischer
Herbert Grönemeyer
Jennifer Lopez
Joe Cocker
Justin Bieber
Justin Timberlake
Katy Perry
Kylie Minogue
Lady Gaga
Lana Del Rey
Lang Lang
Lionel Richie
Lord Of The Dance
Macklemore & Ryan Lewis
Madonna
Mario Barth
Marius Müller-Westernhagen
Mark Knopfler
Martin Rütter
Matthias Reim
Metallica
Michael Bublé
Michael Flatley
Muse
Neil Diamond
Neil Young
Nena
Nickelback
Night of the Jumps
Night of the Proms
Paul McCartney
Paul Simon
Pearl Jam
Pet Shop Boys
Peter Gabriel
Peter Maffay
Phantom der Oper – Gala
Placebo
Puhdys
PUR
Rammstein
RAW WrestleMania Revenge Tour
Red Hot Chili Peppers
Rihanna
Riverdance
Robbie Williams
Rod Stewart
Roland Kaiser
Rolf Zuckowski
Scooter
Scorpions
Shakira
Simply Red
Spanische Hofreitschule
Status Quo
Sting
Supertramp
Tabaluga
Taylor Swift
Beach Boys
The Corrs
The Cure
The Killers
The Voice Of Germany
Tim Bendzko
Tina Turner
TINI – Got Me Started Tour
TNA Wrestling
Turnfestgala des Internationalen Deutschen Turnfests
U2
Udo Jürgens
Udo Lindenberg
Whitney Houston
Zucchero

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