Autobiografie

Wie Irene Moessinger das Tempodrom gründete

Als Kind traf sie Hemingway, später Wim Wenders: Irene Moessinger, Gründerin des Tempodroms, hat ihre Autobiografie geschrieben.

Nachdem sie 1980 Geld geerbt hatte, eröffnete die damalige Krankenschwester Irene Moessinger das Tempodrom in der Nähe des Potsdamer Platzes

Nachdem sie 1980 Geld geerbt hatte, eröffnete die damalige Krankenschwester Irene Moessinger das Tempodrom in der Nähe des Potsdamer Platzes

Foto: Reto Klar

Berlin. An die Aufnahmen für Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ von 1987 erinnert sich Irene Moessinger noch genau. Sie und ihr Trupp hatten das kleinere ihrer beiden Tempodrom-Zelte extra für den Regisseur am Halleschen Tor aufgebaut. Drehen heißt warten. Irgendwann fraß Moessingers dressierter Ziegenbock aus Langeweile die Taschentücher auf dem Garderobentisch. Die Artisten vertrieben sich die Zeit mit einem Wettbewerb in Gelenke-Knacken. Und plötzlich war der betagte Kamera-Assistent verschwunden. Man entdeckte ihn hoch oben in schwindelnder Höhe, wo er in aller Ruhe die Lichtverhältnisse in der Zirkuskuppel ausmaß. Alle fürchteten um sein Leben, als er „bedächtig, Stufe für Stufe, seinen Weg nach unten fand“. Applaus.

Spektakuläres erzählt sie ganz nüchtern

Szenen wie diese finden sich unzählige in Irene Moessingers Autobiografie. Beim Lesen mag man sich dabei ertappen, zu denken: Oh, wow, Wenders! Oder: Hey, sie hat für „Ton, Steine, Scherben“ gesungen! Oder: Als Kind traf sie Hemingway! Oder: Ihre Mutter war eine verkrachte Gräfin! Oder: Nina Hagen! Wickelte einst ihre Tochter in Moessingers Zirkuswagen! Und vor allem: Wie verrückt, da erbt eine Krankenschwester eine knappe Million D-Mark, kauft davon ein Zirkuszelt, stellt es 1980 auf die Brache direkt an der Mauer am Potsdamer Platz und nennt es Tempodrom!

Man will sich also immer mal wieder die Augen reiben, dabei schreibt Moessinger Sensationelles ganz unsensationell auf. Wichtiger und viel überraschender ist oft der ruhige, lakonische Seitenblick auf Nebenfiguren. Oder die Innenschau, diese glitzernde Freude am gemeinsamen Handeln. Auch die Einsamkeit, die Angst, „verkehrt“ zu sein, nicht dazuzugehören, etwa zum wilden Hausbesetzer-West-Berlin, für das sie dennoch eine Schlüsselfigur wurde.

Wir treffen Moessinger im „Café Übersee“ am Paul-Lincke-Ufer. Sie bestellt einen Earl Grey, ein Brötchen mit Marmelade und viel Butter und schiebt die Wespen mit nachsichtiger Beharrlichkeit zur Seite. „Es war ein herrlicher Sommer“, sagt sie. So eine Hitzewelle ist ja eigentlich ganz nach ihrem Geschmack. „Nur irgendwann gibt es im Umland keine Weiden für die Tiere mehr, und die Landwirtschaft leidet auch.“ Ambivalenzen: Darin ist sie geübt. Gleich zu Beginn ihres Buches beschreibt sie zwei gegensätzliche Gefühle, die sie seit früher Kindheit kennt: das „der Vergeblichkeit, des Nicht-Ankommens“. Und auf der anderen Seite das des „Getragenseins“ in schwindelnder Höhe, wenn der oft vermisste Vater sie emporhob.

„Berlin liegt am Meer“ hat sie ihr Buch genannt. Der Titel war ihr eingefallen, als sie sich an ihre erste Bleibe in Kreuzberg erinnerte, von wo aus sie die Möwen über dem Landwehrkanal beobachten konnte. Plötzlich war da dieses Gefühl von Weite. Und die Gewissheit, zu Hause zu sein. Denn aufgewachsen ist sie am Meer.

Dass Berlin bis in die Neunzigerjahre hinein dieser gigantische Möglichkeitsraum wurde, von dem die Stadt bis heute zehrt, daran hat Moessinger großen Anteil. Im Tempodrom fand „Crossover“ statt, bevor dieses Wort gebräuchlich war, hier traten Gaukler und Clowns auf, Musiker wie Tom Waits oder die Ramones, hier wurden legendäre Festivals wie die „Heimatklänge“ erfunden.

Beim Lesen versteht man immer besser, wie folgerichtig es war, dass Moessingers Weg sie in eine große Arena für alle führte. Ihre Zelte musste sie sehr oft in ihrem Leben abbrechen. In der Schulzeit in Baden-Württemberg wurden sie und ihre ältere Schwester als „Zigeuner“ beschimpft, ein Lehrer forderte, sie müssten „weg“. Da hatten sie gerade ihre ersten Lebensjahre an Spaniens Küste hinter sich, Anfang der Fünfzigerjahre ominös genug, als Töchter einer Alleinerziehenden. „Ich sprach damals Spanisch viel besser als Deutsch, deshalb waren Deutschaufsätze für mich ein Gräuel“, sagt sie. Und so staunt sie selbst am meisten darüber, dass sie nun tatsächlich „mit großem Spaß“ ein Buch geschrieben hat. Und was für eines.

In drei reich bebilderten Kapiteln, „Kindheit“, „Transit“ und „Tempodrom“, wechseln zwei Erzählperspektiven einander ab: In den erinnerten Geschichten wird die Autorin zu einer namenlosen „Sie“, der sie zugewandt und nüchtern beim Erwachsenwerden zusieht. Das „Ich“ reflektiert die Dinge aus heutiger Sicht. Eine fesselnde Balance aus Erleben und Abstand.

Belehrend oder nostalgisch wird sie nicht einmal dann, als sie fürs Buch noch einmal nach Spanien reist, an die Stätten ihrer frühen Kindheit. Hier hatte sie einst Stierkämpfen zugesehen, sich fasziniert in katholische Prozessionen eingereiht, Liebespaare in geheimen Höhlen hoch überm Strand beobachtet. Das pralle Leben, ganz ohne Helikoptereltern. Jetzt stehen hier Hochhäuser. Und doch findet sie ein paar Menschen von damals, und vor allem beobachtet sie hingebungsvoll die von heute.

Wer erinnert sich noch an den „Tempodrom-Skandal“? Wegen explodierender Baukosten für das neue Tempodrom wurden Moessinger und ihr Partner wegen des Verdachts auf Untreue verklagt. Der Prozess endete 2008 mit Freispruch aus „erwiesener Unschuld“. Wie sehr da alte Wunden aufgerissen worden sein mögen, das vertraute Gefühl, nicht erwünscht zu sein, das muss man sich beim Lesen schon selbst zusammenreimen. Gejammert wird auch hier nicht. Mit 60 Jahren fing sie noch einmal neu an, heute lebt sie im Berliner Umland und bietet therapeutische Reitstunden für Kinder und Erwachsene an.

„Es schmückt immer noch die Stadt“

Würde sie heute etwas anders machen, was das Tempodrom angeht? „Nein“, sagt sie ruhig. „Es war ein Experiment. Wenn ich sage, das Buch ist ,mein Baby‘, dann war das Tempodrom die Zusammenarbeit vieler, die gut gelaufen ist. Darauf bin ich stolz. Und es schmückt ja immer noch die Stadt!“ Überhaupt: Berlin gefällt ihr immer noch. „Jetzt passiert ja auch was“, sagt sie. Freut sich über die „unglaubliche Internationalität“ junger Menschen, für die Berlin „Anlaufstelle“ sei und die die Stadt „beleben“. Obwohl sie der Hipster-Kultur skeptisch gegenüberstehe, sei sie eben doch „hoffnungslos optimistisch“.

Ist sie heute noch politisch aktiv? „Wenn ich mich engagiere, dann eher unterstützend, statt an der Front zu stehen. Das müssen jetzt die Jungen auf ihre Art machen.“ Bleibt noch die Frage: Ist sie angekommen? „Im Moment fühle ich mich so“, sagt sie, wobei ihre Augen ein bisschen verschwörerisch funkeln. Sie weiß ja, dass nichts ewig bleibt. Aber auch, dass das nichts Schlimmes ist.

Irene Moessinger, „Berlin liegt am Meer“, Galiani Berlin, 464 S., 26 Euro. Buchpremiere am 12. September um 20 Uhr im Pfefferberg, Schönhauser Allee 176. Karten ab 14,45 Euro.