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Kreuzberg

Ungewisse Zukunft für das Jazzfest Bergmannstraße

Der jährliche Treff von Musik-Kennern und Gourmets droht 2019 auszufallen. Die neue Begegnungszone raubt den Musikern Flächen.

Besucher beim Bergmannstraßenfest

Foto: picture alliance

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Kreuzberg. Drei Tage lang findet jedes Jahr das Bergmannstraßenfest in Kreuzberg statt. Von Freitag bis Sonntag zogen zuletzt in Juni und Juli täglich Zehntausende von Bühne zu Bühne, bewirtet an Ständen mit internationaler Küche auf gehobenem Niveau: ein zuverlässiger Gegenentwurf zu Fanmeilen und Bierfesten.

Jetzt droht die seit 1994 stattfindende Open-Air-Party auszufallen. Die baulichen Veränderungen der Straße rauben den Ausstellern und Musikern 80 bis 90 Prozent der Fläche. "Wir würden von Bezirksamtsamt oder Senatsseite gern mal erfahren, wie das mit dem Fest in Einklang zu bringen ist", sagt Toge Schenck vom Veranstalter, dem Verein Kiez und Kultur.

Hintergrund ist das heiß diskutierte Konzept der Senatsverkehrsverwaltung, die Bergmannstraße zu einer sogenannten Begegnungszone zu machen. Die im Bezirk grundsätzlich populäre Idee, den Autoverkehr zu reduzieren, um Platz und Sicherheit für Fußgänger und Radfahrer zu schaffen, wird dabei neben Querungs-Buchten und Fahrradabstellplätzen auch durch schwere Straßenmöblierung begleitet: In einem 18-monatigen Probelauf werden ab Herbst zu den zwei bestehenden großen hölzernen Sitzecken mit Tischen, sogenannten Parklets, 17 weitere Exemplare (Kosten: rund 60.000 Euro pro Fläche) hinzukommen. "Jede nimmt die Fläche von zwei bis fünf Ständen ein", sagt Schenck. "Als unbezuschusstes Fest brauchen wir aber jede Einnahme durch Aussteller."

Suche nach alternativem Veranstaltungsort

Ein weiteres Problem werde sich an der Ecke zur Zossener Straße ergeben, so Schenck. Dort befindet sich eine der vier Bühnen. Wenn dort Fahrradständer hinkommen, ist der Platz einer Feuerwehrzufahrt fort." In Folge sei an dieser Stelle auch der Auftrittsort nicht mehr möglich. "Wir wollen wissen, wer bei all' dem eigentlich unser Ansprechpartner ist", sagt Toge Schenck. "Schließlich müssen wir jetzt für das kommende Jahr Bands verpflichten, Bühnenbauer, Security."

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Noch unabsehbarer wird die Zukunft des Jazzfests durch die Veränderungen im Verein, der es seit 2006 ausrichtet. Während verdiente Mitglieder wie Ingrid und Toge Schenck bleiben, hört unter anderem der in der Musikszene bestens vernetzte Olaf Dähmlow, Chef des Yorckschlösschens, auf. Nachrücken wird allerdings ein anderer guter Name im Kiez, Uwe Berger, Geschäftsführer der Berliner Kabarett Anstalt BKA.

Schon bei Bekanntwerden der Verkehrsveränderungen schaute sich der Kiez & Kultur e.V. nach anderen Veranstaltungsorten um. Einfachste Lösung wäre die Kreuzbergstraße. Dort würde man auch Abschnitte von Großbeeren- und Möckernstraße nutzen. Allerdings ist auf der Kreuzbergstraße die Zahl der dort schräg eingezeichneten Parkplätze weit höher, was am Festwochenende für erheblichen Unmut bei Anwohnern sorgen dürfte. Darüber hinaus wurde dem Verein seitens des Bezirksamts signalisiert, dass die Lärmtoleranz unter Hausbewohnern erfahrungsgemäß dort weit geringer sei. Zudem fürchten die festen Händler und Gastronomie-Betreiber der Bergmannstraße die Abwanderung eines Laufpublikums während des Festivals. "Das ist ein wirtschaftlich derart wichtiger Termin für die Lokale, dass sie über alle Mitarbeiter ein Urlaubsverbot verhängen", sagt Schenck.

Fraglich ist auch, ob die angeschlossdene Veranstaltung "Kreuzberg kocht" nicht in Mitleidenschaft gezogen werden würde. Im langen weißen Zelt am Chamissoplatz bereiten Spitzen-Köche wie Herbert Beltle (Altes Zollhaus) Feinschmecker-Gerichte zu - eine Gelegenheit, auch für wenig Geld einmal Gourmet-Küche kennen zu lernen. Sollten die Veranstaltung mit in die Kreuzbergstraße umziehen, müsste zusätzlicher Raum her.

Bei so viel Veränderung drängt Bezirksverordneter Lothar Jösting-Schüßler (Linke) jetzt darauf, dass ein Bergmannstraßenfest 2019 trotzdem stattfinden kann. In einem Beschlussvorschlag der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) fordert er, das Bezirksamt müsse schnellstmöglich eine Ausschreibung für das Fest veranlassen. Darin sollten auch mögliche Ersatzstandorte, wie eben die Kreuzbergstraße benannt werden. Gleichzeitig solle das Bezirksamt die Initiatoren von "Kreuzberg kocht" kontaktieren, um die Fortsetzung zu sichern. Der Antrag wird nach dem Weg durch Kultur- und Wirtschaftsausschuss bei der nächsten BVV im September wieder auf der Tagesordnung stehen.