In luftiger Höhe

Platzmangel in Berlin: Hotel wird auf einem Parkhaus gebaut

Das Projekt „Skypark“ entsteht auf dem Parkhaus an der Frankfurter Allee aus vorgefertigten Holzboxen.

Erstes Modular errichtetes Hotel entsteht auf dem Dach des Parkhauses Ring Center 2 in berlin

Erstes Modular errichtetes Hotel entsteht auf dem Dach des Parkhauses Ring Center 2 in berlin

Foto: [NiuHide/MQ Skypark...] / NiuHide/MQSkypark

Berlin. Langsam schwebt die Holzbox heran, drei Meter breit, 6,50 Meter lang und drei Meter hoch. Vorsichtig dirigiert der Bauarbeiter die sperrige, an vier Haken baumelnde Last in die richtige Position. Ein kurzes, kräftiges Quietschen, als unter starkem Druck Holz auf Holz trifft, dann ist es geschafft. Die Kiste mit der Nummer 007 steht ordentlich in einer Reihe, die einmal ein langer Hotelflur werden soll. Denn Kiste 007 ist nicht nur ein sperriges Frachtgut, sondern eines von 151 Hotelzimmern, die auf dem Dach des Parkhauses vom Einkaufszentrum Ring-Center 2 an der Frankfurter Allee abgeladen werden.

Besonders gut zu beobachten ist die Baumaßnahme in rund 20 Meter Höhe vom Bahnsteig des S-Bahnhofes Frankfurter Allee in Friedrichshain. Ein riesiger Kran steht mitten auf dem Dach des Parkhauses vis-à-vis, in regelmäßigen Abständen schweben die Boxen heran und werden auf der bereits fertig montierten Unterkonstruktion aus Stahlträgern und Holzbohlen verankert. „Im Herbst wollen wir das Hotel eröffnen“, berichtet Nikolai Jäger, der mit Björn Hiss 2014 das Unternehmen MQ Real Estate gegründet hat. Das sei auch kein Problem, versichert der 40-Jährige. Bis auf das bewegliche Mobiliar enthielten die Boxen nämlich bereits alles, was ein Hotelzimmer brauche.

Der Mangel an noch bebaubaren Grundstücken in der Stadt hat das Berliner Start-up mit Sitz in Prenzlauer Berg erfinderisch gemacht. „Wir haben gezielt nach Flächen Ausschau gehalten, an denen andere achtlos vorübergehen“, sagt Hiss, der internationale Wirtschaft und nachhaltige Immobilienprojektentwicklung studiert hat. Das Ergebnis ihrer Suche: „Vor allem Dächer von Gewerbegebäuden und Parkdecks haben Aufstockungspotenzial“, ergänzt Jäger (36), promovierter Kaufmann. „Skypark Berlin“, wie die beiden ihr erstes gemeinsames Projekt getauft haben, soll schließlich nicht auch zugleich das letzte sein. Der Neubau auf dem von der ECE betriebenen Ring-Center sei das erste modular errichtete Hotel auf einem Shopping­center – „weltweit“, betont Hiss –, dem schnellstmöglich weitere folgen sollen.

Doch nicht nur bei der Suche nach bebaubaren Flächen wollen die Jungunternehmer neue Wege gehen. „Uns war der Nachhaltigkeitsgedanke wichtig, deshalb war uns von Anfang an klar, dass wir mit Holz bauen wollen – und in Modulbauweise“, sagt Jäger weiter.

Nutzer-Zielgruppe sind Erwachsene ab 18 Jahren

Denn das ist eine weitere Besonderheit ihres Geschäftskonzeptes: „Wir setzen nicht auf Eigentum, sondern mieten die Nutzfläche“, sagt Hiss. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der aufgrund des starken Zuzuges die urbane Nachverdichtung eines der zentralen Zukunftsthemen sei, könne ihr Hotel durchaus Vorbildcharakter haben, meinen die beiden. Im Falle des obersten Parkdecks auf dem Ring-Center laufe der Mietvertrag beispielsweise mehr als 20 Jahre. Werde er nicht verlängert, sei das auch kein Problem. Dann werde das Hotel eben wieder in seine Einzelteile zerlegt, vom Dach gehoben und an anderer Stelle erneut aufgebaut.

Das Hotel auf dem Parkdeck, das von der Hamburger Novum Hotelgruppe mit dem Namen „Niu Hide“ als hippe Berliner Mischung aus Ostalgie und modernem Design im Internet bereits beworben und später auch betrieben wird, setzt bei der Innenausstattung auf DDR-Tapeten und andere Retro-Accessoires. Die angepeilte Zielgruppe: junge Erwachsene ab 18 Jahren aufwärts, „young urban travellers, die insbesondere mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind“, sagt Jäger.

Tatsächlich überbaut wird mit dem Hotel lediglich etwas mehr als die Hälfte des 8000 Quadratmeter großen Parkdecks, nämlich 4500 Quadratmeter. Der verbliebene Freibereich soll ebenfalls gestaltet werden, zwei Graffiti-verzierte Trabis sind als Deko-Elemente bereits vorhanden – schließlich steht das Hotel auf einem Parkdeck.

Während eine um die andere Box in ihre vorgesehene Position gebracht wird, sind andere Bauarbeiter bereits dabei, Holzdielen zwischen den Boxen zu verlegen, die einmal die Hotelflure sein werden. Genau so entsteht auch das Dach. Über der Holzdecke wird noch die Dämmung und Dacheindichtung angebracht, und fertig ist ein ganzer Gebäudetrakt. Die Standardbox mit einer Breite von nur drei Metern passte sogar auf einen ganz normalen Lkw. Lediglich ein paar Boxen, die barrierefrei eingerichtet werden sollen, machten mit ihrer Überbreite von 3,50 und vier Metern einen Schwertransport erforderlich.

Weitere „Skyparks“ sind bereits in Vorbereitung

„Parallel fangen wir auch bereits mit dem Bau der Lobby an, die allerdings in Elementbauweise entsteht“, sagt Jäger weiter. Damit die Hotelgäste später nicht durch das Parkhaus gehen müssen, um in ihre Zimmer zu gelangen, werden zudem zwei Aufzüge neben dem Haupteingang zum Einkaufscenter installiert.

Das vor vier Jahren gegründete Start-up hat weitere Vorhaben, die in ganz ähnlicher Bauweise entstehen sollen, bereits in der Pipeline. So seien bereits in Hamburg und Süddeutschland sowie auch in Berlin weitere „Skyparks“ in Vorbereitung, sagt Hiss. Wo genau, wollen die beiden noch nicht verraten. „Es handelt sich aber wieder um Hotels in ganz ähnlicher Bauweise“, verrät Jäger immerhin. 40 mögliche Standorte haben die beiden in Berlin bereits auf ihre Eignung geprüft. „Es müssen ja auch nicht immer Hotels sein, genauso gut können wir uns Büros oder auch Mikrowohnen oder studentisches Wohnen in den 18 bis 20 Quadratmeter großen Boxen vorstellen“, sagt Hiss. Rein technisch sei das genauso möglich wie eine Hotelunterkunft.

Entscheidend sei jedoch die Frage der notwendigen Baugenehmigungen. „Am Ring-Center beispielsweise ist durch den Bebauungsplan nur gewerbliche Nutzung erlaubt“, sagt Hiss. Damit scheidet Wohnungsbau an diesem Standort aus. Schade, denn der Blick über die Stadt vom Parkdeck ist atemberaubend, und der Verkehrslärm von Frankfurter Allee und S-Bahn dringt nur gedämpft herauf.

Mehr zum Thema:

Diese Neubauprojekte entstehen an der Spree

Straßenumbau am Roten Rathaus startet eher