Party-Tourismus

Aufstand gegen Touristen in Friedrichshain

Anwohner in Friedrichshain beklagen Auswüchse und Verdrängung. Senatorin Ramona Pop (Grüne) verspricht Entlastungen.

Ansturm auf Friedrichshain: Immer mehr Anwohner sind von Touristen genervt

Ansturm auf Friedrichshain: Immer mehr Anwohner sind von Touristen genervt

Foto: imago stock / imago/PEMAX

Berlin. Die Frau ist aufgebracht. Ihre Hände haben die Holzbank, auf der sie seit fast zwei Stunden sitzt, umklammert. Immer wieder grummelt die Frau vor sich hin, mitunter kommt ein Schnaufen hinzu. Dann geht es irgendwann nicht mehr. „Ich will meinen Kiez zurück“, schreit die Frau. Grünen-Abgeordnete Katrin Schmidberger hat die Diskussion am Mittwochabend in der Kneipe „Crack Bellmer“ auf dem RAW-Gelände organisiert. Schmidberger sitzt noch auf dem Podium und versucht jetzt, die Frau zu beruhigen.

So wie diese Anwohnerin der Revaler Straße proben gleich mehrere Friedrichshainer auf der Veranstaltung der Grünen den Aufstand gegen Touristen. Schmidberger hatte angesichts des neuen Tourismuskonzepts des Senats gefragt: „Wohin geht die Reise?“ Wer den Bewohnern zuhört, bekommt den Eindruck, bis hierhin und nicht weiter.

Friedrichshain werde von Touristen gewissermaßen überrannt. Bewohner beklagen bereits seit Jahren die hohe Lärmbelastung, wachsende Müllberge, steigende Kriminalität und vermehrten Alkohol- und Drogenkonsum. All das werde durch die Urlauber ausgelöst, sind sich die Einwohner sicher. Vielen Friedrichshainern ist zudem die einseitige Nutzung der Gewerbeflächen ein Dorn im Auge. An der Simon-Dach-Straße etwa verdrängten Cafés und Restaurants andere Unternehmen. Viele Probleme sind seit Jahren bekannt, sagt Ilse Helbrecht, Professorin für Kultur- und Sozialgeografie an der Humboldt-Universität. Die Hilferufe der Bezirke wollten vom Senat aber nicht gehört werden, kritisiert die Wissenschaftlerin. „Es gab eine Politik des organisierten Wegschauens. Der Senat hatte die Ohren auf Durchzug gestellt“, sagt Helbrecht, die an dem neuen Tourismuskonzept des Senats mitgearbeitet hat.

Mit dem Plan soll der Wirtschaftsfaktor Urlauber unter Rot-Rot-Grün stadtverträglicher werden. In den vergangenen Jahren hatte sich Berlin stets für neue Rekorde bei Gäste- und Übernachtungszahlen gefeiert – ohne darauf zu achten, was die Touristen in den besuchten Gebieten auslösen. 2017 zählte Berlin rund zwölf Millionen Gäste und 31 Millionen Übernachtungen. Der Tourismus bringt Berlin jedes Jahr rund 1,6 Milliarden Euro ein. Etwa 200.000 Menschen in der Stadt leben von dem Geschäft mit den Urlaubern.

Künftig sollen von dem Kuchen auch Randbezirke wie Treptow-Köpenick und Spandau größere Stücke abbekommen. „Es wird Tourismusbeauftragte in jedem Bezirk geben, um den Tourismus zu stärken“, sagt Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). Spandau etwa könne mit der bekannten Zitadelle punkten, Treptow-Köpenick mit Wassertourismus. Der Senat will gemeinsam mit der Tourismus- und Kongressgesellschaft „Visit Berlin“ dafür auch mehr Daten über die Urlauber sammeln. Danach sollen Berlin-Besuchern gezielt Angebote gemacht werden. Berlin wolle künftig mehr Kultur- und Kongresstouristen anlocken, so Pop. Damit solle sich auch die Lebensqualität für die Anwohner wieder verbessern, sagt die Senatorin, die an diesem Abend gleich mehrere Schritte auf die Friedrichshainer zumacht.

Anwohner sollen nicht für Müll der Touristen zahlen

Pop verspricht den Bezirken Entlastungen. Jüngst habe sie Geld freigegeben, mit dem berlinweit weitere öffentliche Toiletten aufgestellt werden sollen. Pop hofft, durch die zusätzlichen Häuschen, die Anzahl der Wildpinkler verringern zu können. „Wir werden uns auch anschauen, was mit der Straßenreinigung ist“, sagt die Senatorin. An besonders vermüllten Straßenzügen rücke die Stadtreinigung schon jetzt mehrmals am Tag an. Das ist ja auch gut, befindet Pop. Es könne aber nicht sein, dass Anwohner diese zusätzlichen Kosten tragen müssten, so Pop. Die Mittel dafür könnten aus dem Topf „Saubere Stadt“ stammen. Darin hat der Senat für die Jahre 2018 und 2019 jeweils 8,4 Millionen Euro eingeplant. Das Geld könnten die Bezirke aber auch für zusätzliche Mitarbeiter nutzen, die dafür sorgen, dass etwa die Regeln zum Lärmschutz eingehalten werden, sagt die Grünen-Politikerin.

Mit Blick auf den Lärm müssten auch die Bezirke ihre Genehmigungspraxis überdenken, sagt ein Anwohner dann. Friedrichshain-Kreuzberg etwa habe einer Gaststätte auf dem RAW-Gelände an 50 Tagen in den Sommermonaten den Draußen-Betrieb gestattet, erzählt der Mann. Eine Frau sagt anschließend, dass die Lautstärke der Bar-Besucher in etwa der eines landenden Flugzeuges gleichkomme. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) verspricht, einen Blick auf die Erlaubnis zu werfen.

Um den Tourismus in der Hauptstadt wieder in verträglichere Bahnen zu lenken, gibt es an diesem Abend auch die radikalen Lösungen. Man solle doch einfach den Fluggesellschaften Easyjet und Ryanair die Landebefugnisse entziehen. sagt etwa ein Bürger. „Visit-Berlin“-Chef Burkhard Kieker will zunächst eine gemäßigtere Variante versuchen. Dann kündigt er an, mit Autoren von Reiseführern sprechen zu wollen. Die Schreiberlinge wüssten gar nicht, was sie anrichteten und sollten doch künftig die bislang nahezu unentdeckten Bezirke in Berlin empfehlen.

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