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Kreuzberg

„Parklets“ statt Parkplätze: Anwohner sind nicht begeistert

Anwohner an der Bergmannstraße in Kreuzberg lernen gerade ein neues Wort - „Parklets“. Wozu die Sitzecken gut sein sollen, ist unklar.

Mit Sitznischen und Stehtischen ist die Kreuzberger Bergmannstraße verschönert worden.
Die Bänke und Hocker mit einer Holzoberfläche sollen für eine freundlichere Umgebung für Fußgänger sorgen, wie die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz am Donnerstag mitteilte.
„Wir werden jetzt schauen, wie den Bürgern die Ausführung gefällt“, sagte Sprecher Matthias Tang.
Die sogenannten Parklets nehmen an der Straße jeweils die Fläche von zwei Autoparkplätzen ein.
Sie sind vom Gehweg aus ohne einen Absatz an der Bordsteinkante erreichbar. Sie sollen einen ersten Eindruck von der „Bewegungszone Bergmannstraße“ geben, deren Testlauf im kommenden Herbst startet.
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Berlin. Die Frau klingt besorgt. Sie schaut irritiert auf die zwei Podeste aus Holz und Stahl an der Bergmannstraße, die dort stehen, wo bis vor wenigen Tagen noch Autos parkten. „Ist das jetzt diese Ruhezone? Dann geht es jetzt also auch bei uns los? Wie gruselig!“

Seit Donnerstag lernen Anwohner und Passanten der Bergmannstraße in Kreuzberg ein neues Wort: „Parklets“. So heißen die unförmigen Podeste, die an der Ecke Nostitzstraße mehrere der ohnehin knappen Parkplätze blockieren. In den „Parklets“ kann man, wenn man will, sitzen oder auch sein Fahrrad anschließen. Oder seine Meinung dazu abgeben. Ein Schild fordert dazu auf: „Wie gefällt Ihnen das Parklet? Schreiben Sie uns!“

Ob viele begeisterte Zuschriften kommen werden, ist jedoch fraglich. Die Parklets gehören zu einem Probelauf für eine Begegnungszone Bergmannstraße, um die seit mehreren Jahren gestritten wird. Ebenso wie zuvor über die Begegnungszone an der Maaßenstraße in Schöneberg. Sie zog in den vergangenen Jahren erbitterten Protest und viel Spott auf sich. Der Steuerzahlerbund forderte, man hätte mit den rund 800.000 Euro für die Baukosten lieber marode Gehwege sanieren sollen.

Doch so einfach ist es in Kreuzberg nicht. Die Begegnungszonen gehören zur sogenannten Fußverkehrsstrategie des Senats. Dessen Ziel ist, die „Aufenthaltsqualität“ von Straßen zu fördern und den Autoverkehr zurückzudrängen. Auch wenn sich die Anwohner der Bergmannstraße schon gegen eine Begegnungszone in der beliebten Einkaufsstraße ausgesprochen haben, soll dieses Ziel weiter verfolgt werden.

„Wir sind gespannt, wie die Parklets von der Bevölkerung und den Anwohner angenommen werden“, sagt Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos) bei der Eröffnung. Die jetzigen Parklets seien aber nur „eine Vorphase der Testphase“, betont sie. Erst in einem weiteren Schritt solle erprobt werden, wie die gesamte Bergmannstraße zu einer Begegnungszone werden könne. Auf jeden Fall würden die Bürger zu allen Schritten befragt und beteiligt.

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Noch während Günther und die zahlreich erschienenen Behördenvertreter Interviews geben, macht sich am Rand der Eröffnungsveranstaltung Ratlosigkeit breit – und Protest. Anwohner befürchten eine Verdrängung des Parkverkehrs in die Seitenstraßen. Einige beklagen jetzt schon den Lärm durch die Gäste der vielen Kneipen. „Mittlerweile gibt es hier viele Hostels, die junge Gäste anziehen“, sagt ein Mann. „Wenn die sich abends am Späti Alkohol holen und dann hier in den Parklets abhängen, dann wird es noch lauter als jetzt.“ Auch der CDU-Politiker Gisbert Kostka sieht den Aufwand rund um die Bergmannstraße kritisch. „Am besten wäre, man ließe alles so, wie es jetzt ist.“

Rund 50.000 Euro haben die Sitzgelegenheiten gekostet, pro Stück. Was sie an einer Straße bieten, deren Bürgersteige ohnehin fast flächendeckend mit Tischen, Bänken und Stühlen zugestellt sind – vor den Restaurants stehen sie selbst bei Wintertemperaturen – kann auch Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) nicht wirklich erklären. Es gehe darum, den Fußverkehr zu stärken, wiederholt er. „80 Prozent der Kreuzberger haben kein Auto.“ Sollten die „Parklets“ von den Bürgern angenommen werden, könne die gesamte Bergmannstraße damit ausgestattet werden. Für viele Zuhörer klingt es wie eine Drohung.

Anwohner sind sich über den Sinn nicht einig

Wo soll der Lieferverkehr halten? Was ist mit Gehbehinderten? Am Rande der „Parklets“ wird diskutiert. „Man kann es doch wenigstens mal ausprobieren“, sagt eine Frau. Und auch in den Restaurants sind nicht alle dagegen. „Ich denke, es wird für uns eher mehr Gäste bringen“, sagt eine Bedienung. Er selbst komme aus Nepal und habe solche „Parklets“ noch nie gesehen, sagt der junge Mann. „Ehrlich gesagt: In meiner Heimat sitzen die Menschen einfach auf Plätzen, wenn sie anderen begegnen wollen.“

Gewöhnen sollten sich die Anwohner an die zwei „Parklets“ ohnehin nicht – sie werden in einigen Monaten wieder abgeholt. Gedacht waren sie für die Schönhauser Allee, wo sie bei einem Projekt zum Radverkehr aufgestellt werden sollten. Wie die Bergmannstraße künftig wirklich aussehen wird, ist also unklar. Nur eins steht fest: Ab Oktober wird es auch im Bergmann- und Viktoriakiez eine Parkraumbewirtschaftung geben. Ohne Test.

Kleiner Tiergarten: Sitzkiesel, auf denen keiner Platz nimmt

Von Weitem wirken sie wie echte Felsbrocken, doch von Nahem wird klar: Die Felsbrocken, die seit einigen Jahren beide Teile des kleinen Tiergartens „verschönern“, sind künstlich. Was genau ihr Zweck ist, bleibt auch bei näherem Hinschauen unklar. Selbst wenn die Parkbänke rundum gut besetzt sind, bleiben die steinernen Ovale meist unbeachtet. Einige sind besprüht, manche wirken widerlich klebrig. Nichts, worauf man sich setzen möchte, zumal die meisten der gigantischen „Steine“ dafür auch viel zu hoch und zu rund sind.

Oder war genau das die Idee? Als man im Jahr 2012 begann, den Park neu zu planen und zu gestalten, galt dieser als zugewucherter Rückzugsort für die Trinker- und Drogenszene. Auch heute trifft sich diese Szene wieder hier im Park. Eigens dafür hat man bei der Sanierung den „gelben Container“ stehen lassen, um den sich an einer Ecke die Menschen scharen. Sie stehen, sitzen, liegen rund um den Container, der nach einigen Gewaltvorfällen keine Wände mehr hat, sondern nur ein Plastikfenster, das inzwischen aber auch schon wieder gesplittert ist. Rundherum sitzen Passanten und Hundebesitzer auf den Parkbänken. Nur die Kiesel nutzt niemand. Wozu sind sie also da?

Das Stadtplanungsbüro betonte zwar damals, man sehe in den Sitzkieseln „identitätsstiftende“ Elemente, „die sich in Dimension und Form den Heckenkörpern annähern“. Es handele sich um „praktische, bespielbare und nutzbare Sitzmöbel“. Schon beim Bau beschwerten sich andererseits Kritiker über die grauen, „monströs bombenförmigen Betonklötze“ und wiesen auf die hohen Kosten hin.

Heute erinnert sich wohl kaum noch jemand daran, was die insgesamt 17 Kiesel wirklich gekostet haben: Pro Stück im Durchschnitt schlugen sie mit rund 25.000 Euro zu Buche, also insgesamt etwa 400.000 Euro. Diese Zahl nannte der Steuerzahlerbundes 2013 und urteilte: „Steuerverschwendung“. Die Finanzierung erfolgte damals aus dem Bund-Länder-Programm „Aktive Zentren“. Insgesamt waren die Baukosten für den Kleinen Park und Ottopark von rund 4,6 Millionen Euro, die im Jahr 2010 veranschlagt wurden, auf rund 7,8 Millionen Euro angestiegen.

Maaßenstraße: Umbau für 800.000 Euro

Die Maaßenstraße in Schöneberg war Berlins erste „Begegnungszone“ – ein Modellprojekt zur „Fußverkehrsstrategie“ des Senats, bei dem „die Straße als sozialer Raum zurückgewonnen und der Kraftverkehr deutlich zurückgedrängt“ werden sollte. Ein langer Weg: Die Bauarbeiten zur Umgestaltung der Maaßenstraße begannen im Dezember 2014, offiziell eröffnet wurde sie im Oktober 2015, mit breiteren Gehwegen und großzügigen Aufenthaltsbereichen. Vorausgegangen war ein umfangreicher Abstimmungsprozess.

Spätestens mit dem ersten Praxistest gab es jedoch nicht nur von Gastronomen Kritik, sondern auch von Anwohnern, Autofahrern und Radfahrern. 800.000 Euro seien verpulvert worden, hieß es. So protestierten Anwohner, dass sie nicht mehr vor ihren Wohnungen parken können, Gastronomen beklagten Einbußen, weil Kunden mit Auto verschreckt würden, und weil Lieferfahrzeuge die ohnehin enge und zudem verschwenkte Fahrspur oft blockieren, kritisierten Radfahrer, dass sie auf die Gegenspur ausweichen müssen.

Bei der kritischen Auswertung, der Evaluation, „nach einem ausreichend langen Eingewöhnungszeitraum“ kam die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2017 jedoch zu dem Ergebnis, dass es einen Rückbau der Begegnungszone nicht geben werde. Viele Ziele seien erreicht worden. Aber sie soll verbessert werden. Für das erste Halbjahr 2018 planen die Senats­ver­wal­tung und der Bezirk Tempelhof-Schöneberg deshalb eine weitere Evaluierung mit mindestens zwei Bürger­beteiligungs­work­shops zum Thema Straßen­raum­gestaltung. Deren Ergebnisse fließen mit den Ergeb­nissen der Fach­bewertungen in eine Gesamt­empfehlung für den Umbau der Maaßen­straße ein. bsm

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